Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1876)
- Date
- 1876-03-14
- Page
- Seite 173 (sequence 9)
- Language
- German
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173 nehmend groß. Um so mehr fühlt man das Bedürfniß, sich noch nachträglich durch die Presse rechtfertigen zu lassen. Aber nach dem alten Satze: gui s’excuse s’accuse, gelingt dies schlecht. Die „N. fr. Pr." versucht es vom handelspolitischen Gesichtspunkt, und behauptet keck, die Gegner des Vertrags waren nur Schutzzöllner gewesen. Wer jedoch die Debatten aufmerksam gelesen, weiß, daß die Vertheibiger ganz ebenso schutzzöllnerisch waren, und die Frage sich nur darum drehte, ob mehr Dortheil over Nachtheil aus dem Vertrage für Oesterreichs Handel und Industrie erfließe? Ueber die politische Bedeutung tappte man ganz in Dunkel, und ein Aufklärungsversuch, den der „Pesther Lloyd" brachte, und den man einem höher« Ursprung zuschreibt, hat durch seine Phrasen und moralische Sentenzen nicht im Geringsten Licht gebracht. Wenn ein Correspondent der „Kölner Zeitung" viele Gegner nur solche sein läßt, die sich für die rumänischen Juden interessiren, so ist dies wiederum nur ein Firniß, denn dieses Motiv war selbst in der Minorität der Minorität ein sehr secundäres. Dieser Correspondent hätte sich vor dieser Meinungsäußerung schon durch die Gemeinsamkeit müssen warnen lassen, in die er dadurch mit dem Bukarester „Romanul" vrrfallen ist, der überhaupt alle Gegner des Vertrages Juden sein läßt. Jedenfalls werden die Rumänen aus dem Vertrage für sich das möglich größte Capital schlagen, und Oesterreich-Ungarn wird eS genugsam erfahren, wie gefährlich es ist, einem so schlauen und gewissenlosen Schwächeren die Hand geboten zu haben. — Tief betrübend ist es, daß jetzt hier in Wien eine epidemische Krankheit traurigster Art herrscht, nämlich — der Selbstmord. Man darf die Augen nicht mehr davor verschließen. Der Monat Januar zeigte 25, Februar 26 Selbstmorde, d. h. solche, die officiell zur Anzeige kamen, auf. Diese Krankheit, denn als solche muß man sie vom sittlichen und intellectuellen Standpunkte bezeichnen, droht endemisch zu werden, d. h. dauernd und sich immer mehr verbreitend. Wie es nun bei allen epi- und endemischen Krankheiten geschieht, verbreitet sie sich unter allen Nationalitäten und Confessionen, und so haben die Juden, bei denen in früheren Zeilen der Selbstmord eine Seltenheit war, jetzt ihren vollen Antheil daran. Die vorige Woche brachte zwei solcher Fälle in der hiesigen Gemeinde. Wie ist dem abzuhelfen? Solcher Frage läßt sich wenig Antwort geben. Sie liegt auf dem Gesammtgebiete der Zeit und gehört zu den Schattenseiten, welche jede Uebergangsperiode aus einer alten in eine neue Gestaltung mit sich bringt, und die ein directes Zeugniß weder zu Gunsten der alten, noch zum Nachtheil der neuen Zeit in sich tragen. Jndeß sollte doch von der jüdischen Kanzel aus mehr und nachdrücklich dagegen geschehen. An Tagen, wo die Gotteshäuser gefüllt sind, müßte sich die Stimme der Religion gegen dieses verdammenswerthe Verbrechen ergreifend und einschneidend hören lassen. Es müßte immer wieder als das gebrandmarkt werden, was es ist, wenn man von den sehr vereinzelten Fällen wirklicher Geisteskrankheit absieht: eine niederträchtige Feigheit, die Folgen verschuldeten oder unverschuldeten Geschickes zu tragen, und eine unverantwortliche Treulosigkeit gegen die Hinterlassenen, gegen Eltern, Frau und Kinder. Nicht am Grabe des einzelnen Selbstmörders wäre der Ort, um diese und die weiteren und höheren Lehren der Religion, welche dieses Verbrechen verurtheilen, geltend zu machen; wohl aber die Kanzel vor der versammelten Gemeinde, wo die Unterweisung einen allgemeinen Charaker hat. Keine Sentimentalität, keine verzärtelnde Schonung, keine falsche Rücksichtnahme aus die Nerven der Zuhörer und Zuhörerinnen darf hiervon zurückhalten. Jedermann muß erfahren, welches das wahre und aufrichtige Urtheil der Religion und Sittlichkeit über diesen Frevel ist, und die Bande der Pflicht, welche uns auch unter den unglücklichsten Verhältnissen an's Leben fesseln, müssen zum Bewußtsein gebracht und von Neuem gekräftigt werden. Einer solchen endemischen Krankheit gegenüber müssen scharfe und drastische Mittel angewendet werden: erst dann kann man sagen, daß man seine Pflicht gethan hat. Wer will behaupten, daß durch ein derartig kräfttges, belehrendes und erweckendes Wort nicht in dieser oder jener Seele der Keim zu einer solchen That erdrückt und die Widerstandskraft auch für eine zukünftige Stunde gestärkt wird?'. Wien, 5. März. In der gestrigen Sitzung des Herrenhauses wurde der rumänische Handelsvertrag genehmigt. Aus Oberuugarn, 20. Februar. «Privatmitth.) Seit dem Tode des großen Patrioten Franz' Deäk beeilen sich sämmtliche Gemeinden Oberungarns, würdige Trauerfeierlichkeiten, sowohl in den israelitischen Volksschulen als in den Gotteshäusern abzuhalten. In erster Linie verdient ganz insbesondere Kaschau, die Hauptstadt Oberungarns, genannt zu werden. Die Trauerfeier fand am 13. d. M. im Cultustempel in Beisein der Spitzen der Behörden statt. Die Festrede hielt Dr. Samuel Fischer, der eigens aus Wien hierher berufen ward. Die Rede machte einen mächtigen Eindruck, und ist Aussicht vorhanden, daß dieser vorzügliche Kanzelredner auf den verwaisten Rabbinerposten der Stadt Kaschau berufen wird. Auch in S. A. Ujhely, der Hauptstadt Zemplins, und in Homonna fanden Trauerfeierlichkeiten statt. In letzterer Stadt auf Anregung des auch in weiteren Kreisen rühmlichst bekannten Districtspräsidenten und Schulendirectors l»r. Samuel Ungar. Im Prüfungssaale der Hauptschule, wo sich das mit Trauerbändern gezierte Porträt des verblichenen Patrioten befand, hielt Herr vr. Thomän — unter großem Beifall des Publicums — die Gedenkrede, ihr schlossen sich an die Reden des Schreibers dieser Zeilen und Schulendirectors, Herrn vr. Ungar, insbesondere hob letzterer hervor, wie gerade wir Israeliten in Ungarn die Emancipation diesem großen Patrioten verdanken, und gleiche Rechte für Alle auf die Fahne dieses großen Führers der Nation geschrieben war. Bon den Schullocalitäten aus begab sich die Schuljugend in den Tempel, wo unter Betheiligung der Gemeinde der greise Oberrabbi der Gemeinde die Rede hielt. 11