Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1876)
- Date
- 1876-03-14
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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166 Somit sollte man die Angelegenheiten der Türkei speciell die türkische Frage benennen. Dennoch ist diese wesentlich eine orientalische, d. h. sie ist nichts als der große weltgeschichtliche Proceß zwischen dem Orient und dem Occident in einem abermaligen Stadium. Seit der grauesten Vorzeit strömen orientalische Völkerstämme nach Europa, um sich daselbst seßhaft zu machen; und dann wieder ziehen die Heere der europäischen Völker nach dem Oriente, um daselbst die Herrschaft zu gewinnen. Durch die ganze geschichtliche Zeit geht dieser Kampf und schon nach unsren obigen Andeutungen ersieht man, daß er nicht allein noch nicht beenvet ist, sondern noch eine unabsehbare Zukunft vor sich hat. Zwei Momente müffen wir hierin hervorheben: erstens, daß die Völkerstämme, sobald sie sich in Europa ansässig gemacht, in eine neue Entwickelung eintraten, so daß sie trotz ihres orientalischen Ursprungs einen vollen Gegensatz gegen die orientalischen Völker bildeten — mit alleiniger Ausnahme der Völkerschaft, welche wir Türken zu nennen pflegen. Und zweitens, daß die europäischen Nationen niemals im Oriente ansässig werden, sondern sich nur die Herrschaft über den Orient erwerben wollten. Dieser letztere Unterschied wird um so ersichtlicher, wenn man das Gegentheil in Amerika und Australien vor sich gehen steht, wo die Urbewohner verdrängt, und die ungeheuren Länderstriche von Europäern bevölkert werden. Aus diesen beiden Gesichtspunkten wird uns die ganze Geschichte des Kampfes zwischen Orient und Occident durchaus klar. Der Gegensatz, der sich zwischen den Nationen des Abend- und des Morgenlandes zu aller Zeit entwickelte, geht soweit, daß alle Bemühungen neuerer Gelehrten, die großen Racenunterschiede nach den Sprachfamilien aufzustellen, an der geschichtlichen Thatsache scheitern, daß Inder und Perser, obschon Arier, doch in Wesen und Charakter, in politischem, socialem und geistigem Leben, in Allem was Sitte, Lebensweise und Richtung betrifft, viel mehr Verwandtschaft mit den Semiten haben, als mit den Germanen, Romanen und Slaven in deren ganzer Entwickelungsgeschichte. In frühester Zeit wurden die südeuropäischen Länder von Kleinasien aus bevölkert. Es ist wahrscheinlich, daß die Urbewohner, auf die sie stießen, und welche sie überwanden, ebenfalls, nur Jahrtausende früher, aus Asien gekommen waren. Bald aber hatte sich hier eine Cultur entfallet, welche, obschon sie ihre Grundlage und Anfänge dem Orient entnommen hatte, keine Aehnlichkeit mit dem letzteren mehr aufwies. Jetzt geschah es auch, wo der Orient seine beutegierigen Hände nach dem Abendlande ausstreckte, in den Perserkriegen aber blutig zurückgewiesen wurde. Mit der gewachsenen Machtfülle überzogen dann die europäffchen Völker den Orient mit Krieg. Die Macedonier zertrümmerten das persische Reich und gründeten eine griechische Herrschaft im Orient. An ihre Stelle traten die Römer und herrschten wechselnd bis zum Tigris oder bis zum Euphrat. Sie hatten eine schwächliche Nachkommenschaft in den Byzantinern Während deffen war in den germanischen Stämmen eine neue Völkerfluth nach dem mittleren und nördliche» Europa vor sich gegangen, vom Kaukasus her. Diesen folgten andere Horden, und die sg. Völkerwanderung versorgte ganz Europa nur mit theilweiser Ausnahme der Südländer, mit einer Menge neuer Bewohner. Auch diese zeigten bald nichts mehr von orientalischem Wesen und nahmen eine neue Entwickelung, das Christenthum zum Mittelpunkte, die Trümmer der alten Cultur'zur Unterlage habend. Da erschien der Islam, und trieb die orientalischen Völker von Neuem nach dem Westen. Nachdem sie Vorderasien und Nordaftika den Resten der europäischen Herrschaft abgenommen, drangen sie zuerst in Spanien ein, wo ihrem Vorwärtstreiben die großen Karolinger eine Grenze setzten. Bald aber erwachte in den europäischen Nationen das Verlangen, in Asien wieder Fuß zu faffen, diesmal unter der Fahne des Kreuzes entgegen der Fahne unter dem Halbmond. Zahllose bewaffnete Schaaren setzten in den Kreuzzügen nach Asien über und gingen nach kurzen Erfolgen unter. Dafür drangen die Völker des Halbmondes über den Bosporus in Griechenland und die benachbarten Länder siegreich ein, und während die Mauren aus Spanien wieder verjagt wurden, pflanzte der Osmane den Halbmond auf der Sophienkirche in Konstantinopel auf. Später noch versuchten Tartaren und Mongolen wieder einmal einen nördlichen Weg nach Europa hinein; wurden aber auf schlesischem Boden niedergeschlagen und nach einer länger« Herrschaft in Rußland auch hier unterworfen. Bald ttat wieder das Gegentheil ein. Zwar der religiöse Fanatismus war erloschen, und selbst der Papst ließ sich in Bündnisse mit den Türken ein. Aber die Politik und der Handel ttaten an deffen Stelle. Kaum war die maurische Herrschaft in Spanien gebrochen, und da Nordafrika keinen günstigen Boden bot, als man von der iberischen Halbinsel aus den Weg nach Indien suchte. Das Bild goldreicher Länder schwebte der Herrsch- und Beutegier vor; der Handel knüpfte sich erst später daran. Die Europäer faßten auf der Halbinsel des Ganges festen Fuß. Sie selbst wechselten daselbst als Machthaber je nach der politischen Macht, die sie in Europa erlangten und je nach der Entwickelung ihrer Seekräfte. Den Portugiesen und Spaniern folgten die Holländer und Engländer, zu einew geringen Theile die Franzosen. Aber erst die Engländer dehnten ihre Herrschaft immer weiter über Vorderindien und ihren Einfluß über Hinterindien aus, bis sie jetzt über 200 Millionen Menschen in unmittelbarer und mittelbarer Unterwürfigkeit haben. Im Norden eroberte Rußland Sibirien, Kamschatka, den Kaukasus, und dringt jetzt mit seinen Waffen von Jahr zu Jahr tiefer in Mittelasien ein. Unterdeß aber wogte an der Donau der blutige Kampf zwischen dem europäischen Osten und den orientalischen Eindringlingen Jahrhunderte lang. Zuerst waren die Türken die Angreifer; sie suchten fortwährend an der Donau vorwärts zu dringen, unterwarfen einen großen Theil von Ungarn und belagerten Wien. Hier fanden sie ihre