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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-03-07 · Heft 10 (7.3.1876) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 10 (7.3.1876)
Date
1876-03-07
Page
Seite 154 (sequence 6)
Language
German
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154 Hoffend, daß ein hoher Landtag diese unparteiischen und nicht pro domo gemachten Vorschläge bei der bevorstehenden Behandlung der rubricirten Angelegenheit würdigen, oder, behufs der nothwendigen Modification bes betreffenden Antrags, vorerst israel. theologisch gebildete und sonstige vorurtheilslose praktische Vertrauensmänner durch das Königliche Cultusminifterium hierüber vernehmen laffen werde, zeichnet mit wahrer Ehrerbietung Dr. B. Hoch st adle r, Bezirksrabbiner. An den hohen Landtag zu Berlin! Einiges über -ie Psalmen. IV. ( S cht uß.) Für die, jetzt ziemlich verbreitete Ansicht, daß der größte Theil der Psalmen, und zwar die schwungreichsten und erhabensten, die am tiefsten empfundenen aus der Makkabäerzeit stammen, führt man theils allgemeine Voraussetzungen an, theils will man in einzelnen Zügen, die in den Psalmen zum Ausdruck kommen, solche finden, die den geschichtlichen Situationen der früheren Zeiten nicht entsprechen. Nun ist es allerdings wahr, daß für manche Angaben in den Ueberschriften der Psalmen Liese selbst die entsprechende Lage entweder gar nicht darbieten. oder sogar das Gegentheil verralhen. Aber ebensowenig ist es gelungen, in den meisten Fällen aus der Makkabäerzeit geschichtliche Daten aufzufinden, welche uns aus dem Bereiche willkührlicher Hypothesen heraus brächten. Wir haben es oben z. B. an Psalm 74 gesehen. In der That haben wir durchaus keine ausreichende Kennlniß der örtlichen und zeitweisen Situationen sowohl aus den früheren Zeitaltern, als aus der Makkabäischen Periode, um für die meisten Psalmen auch nur annähernd sichere Daten aussinden zu können. WaS nun aber die allgemeinen Voraussetzungen betrifft, deren Natur wir theilweise oben in der Auseinandersetzung über David schon kennen gelernt, so müffen wir sie gänzlich bestreiten. Selbst bas Hauptmoment, daß die Begeisterung, welche das Volk zum Kampfe gegen die Syrer, zum Kampfe für Religion und Freiheit entflammte, und dieser Enthusiasmus einen neuen Aufschwung der Volksseele hervorbrachte, der die Psalmendichtung hob und förderte, können wir, wenn sonstige Belege nicht anzusühren sind, nicht zugeben. Die Geschichte zeigt, daß kriegerische und politische Leidenschaft, kriegerische und politische Kampfe und Anstrengungen zwar den nationalen und patriotischen Geist zu ungeahnter Höhe zu erheben vermögen, durchaus aber in Dichtung und Kunst eine Wiedergeburt, eine Verjüngung der Nation hervorzubringen nicht im Stande sind. Wir haben dies auch innerhalb unsrer eigenen Erfahrung. Weber die Revolution in Frankreich, noch die Freiheitskriege und der Krieg von 1870 in Deutschland haben eine neue Blüthe der Literatur, der Poesie und Kunst geschaffen. Die klassische Literatur der Franzosen liegt vor ihrer Revolution, und erst in den zwanziger Jahren erstand ihre romantische Schule; die klassische Literatur der Deutschen liegt vor den Freiheitskriegen, und ihre romantische Schule blieb unfruchtbar. Shakesspeare lebte vor der Revolution von 1648, und selbst Milton verdankte nicht dieser seine dichterische Begeisterung. Die klassische Literatur der Spanier gehört nicht dem Zeitalter der maurischen Kämpfe, sondern erst dem Ende des 16ten Jahrhunderts an. Die italienische Nationalliteratur erstand erst, nachdem die bürgerliche Gesellschaft wieder eine festere Gestalt gewonnen, die Kraft der Municipien gebrochen war, und Dante sich nach der Einheit Italiens vergebens sehnte; die franz.-span. Kriege in der pyrenäischen Halbinsel brachten ihr Stillstand und Verwilderung, wie der dreißigjährige Krieg in Deutschland. Man könnte wohl auf die Perserkriege verweisen, vergäße aber dann, daß nicht allein die Blüthe der epischen, sondern auch die reichste Entfaltung der lyrischen, die Anfänge der dramatischen Poesie und der Prosa den Perserkriegen vorangingen; (hatte doch selbst Pindar seine berühmte Siegeshymne schon um 500 gedichtet, und Aeschylus war 35 Jahre alt als er an den Perserkriegen theilnahm). Fallt also die Blüthe des griechischen Dramas, der Beredtsamkeit und Geschichtsschreibung nach den Perser kriegen, so kann man nicht diese als die Ursache der großen hellenischen Schöpfungen, die etwa einen sterilen Boden befruchtet hatte, ansehen, sondern daß die kriegerische wie die geistige Kraft aus demselben, bereits in voller Energie begonnenen Aufschwung res Geistes entsprungen ist. — Was haben wir nun für Beweise, daß es bei den Juden der Makkabäerzeit anders gewesen, daß diese eine geistige Wiedererstehung erfuhren, um eine Psalmendichtung hervorzubringen, welche für die ganze Menschheit zum Ausdruck des Gebetes, der Zuversicht, des Trostes, der Büßfertigkeit und des Bersöhnungsglaubens geworden ist? Keine, aber schwerwiegende gegen diese Annahme! Die Geschichte jeder Nation und ihrer nationalen Literatur zeigt, daß diese dem Gesetze der Entwickelung unterworfen sind, daß deren schöpferischer Geist aus bedeutenden, energischen Anfängen sich zur höchsten, ihm möglichen Blüthe erhebt, dann aber wieder von Stufe zu Stufe niedergeht. Bei der einen Nation bedarf es hierzu eines längeren, bei der anderen eines kürzeren Zeittaums: diesen Gang aber müffen sie alle wandeln. So gering an Umfang auch die Ueberreste der hebräischen Literatur sind, welche in der h. Schrift uns aufbewahrt worden: so läßt sich doch aus ihnen erkennen, daß die israelitische Nation keinen anderen Weg zurückgelegt hat. Wer z. B. die Bücher Samuelis mit den Büchern der Könige, und diese mit der Chronik vergleicht, dem kann es nicht zweifelhaft sein, wie die israelitische Geschichtsschreibung von ihrer Höhe an lebensvollem Inhalt und Ausdruck allmälig herabgestiegen ist. Wer den großen Jesajas mit Joel, Hofea, Micha, und selbst Amos zum Maßstab nimmt

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