Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1876)
- Date
- 1876-03-07
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Depulirten nicht mehr als 60 Stimmen, und können es mit Hülse der Bonapartisten, um deren Gunst der Klerus buhlen müßte, höchstens zu 100 Stimmen bringen. Dasselbe Verhältniß findet unter den 300 Senatoren statt. Der Mann der Regierung, welcher die klerikalen Bestrebungen am meisten unterstützte, Buffet, ist sammt dem Herzog von Broglie bei beiden Wahlen schmählich Lurchgesallen, obschon er die Regierungsgewalt zu allen möglichen Mitteln für seine Wahl verwandle. Gesiegt haben in überwältigender Mehrheit die Republikaner, und diese haben in ihren Candidatenreden und Manifesten laut erklärt, die in den letzten Jahren zu Gunsten der Ultramontanen erlaffenen Gesetze wieder abschaffen zu wollen. Frankreich gehört also nicht der römischen Hierarchie an, das französische Volk will keine Priesterherrschaft, will keinen Krieg zu Gunsten der weltlichen Herrschaft des Papstes; Frankreich muß aus der Liste der für die Hierarchie eifernden Staaten ebenfalls gestrichen werden. Dieses große Ereigniß muß natürlich auch für die übrigen Staaten von weitgreifendster Wirkung sein: es muß den Römlingen aller Orten den Muth zu ihrem störrischen Kampfe nehmen und ihren Gegnern noch mehr Entschloffenheit und Entschiedenheit geben. — Ist aber den Ultramontanen etwa noch Spanien als letzter Hort geblieben? Hier spielt das zweite Ereigniß der letzten Tage, daß ihnen eine unheilbare Wunde beibringt. Der Carlismus ist besiegt; Don Carlos muß den spanischen Boden verlassen, und nachdem dieser zeitweise mit großem Erfolge verbundene Versuch, Spanien dem Absolutismus und der Hierarchie wieder zu erobern, völlig gescheitert ist, wird er auch wohl der letzte gewesen sein. — So ist der Ultramontanismus stützelos geworden und kann nur noch in kleinen Ländern, wie Belgien, und hier und da in einzelnen Provinzen auf Einfluß rechnen. Und hierzu eine Bemerkung. Es giebt in der Geschichte letzte Kämpfe, nach deren Entscheidung die Wiederholung, die früher selbst nach Niederlagen oft vor sich ging, gar nicht mehr möglich ist. Nicht selten knüpft sich dies an Vorgänge, die an sich eine solche Bedeutung gar nicht zu haben scheinen. So bildete der durch den franz. König Heinrich IV., 1607, zum Nachtheil des Papstthums ausgeglichene Streit zwischen diesem und der Republik Venedig den letzten Versuch des römischen Stuhles, durch die stumpf gewordene Waffe des Jnterdictes ganze Länder unter seinen Willen zu zwingen.') Das politische Ansehen des Papstthums war damit so gesunken, daß es diesen Theil seiner früheren Rolle nicht wieder aufzunehmen vermochte. Ebenso mag unter den gegebenen Verhältnissen diese Niederlage des Ultramontanismus in den französischen Wahlen den letzten großen Versuch bezeichnen, im Staate die Herrschaft an sich zu reißen! — Es ist möglich, daß die ultramontanen Blätter auch diese Niederlage durch einen erhöhten Wuthausbruch gegen die Juden zu überschreien versuchen. I» Siehe den in Äurzcm erscheinenden dritten B. von: „Heinrich lV. und Philipp III." von Prof. Dr. M. Philippson, Cap. 1- Credo, quia absurdum. Auch dies würde nichts schaden, und ebenso erfolglos vorübergehen, wie ihr bisheriges Toben. Der rumänische Handelsvertrag im österreichischen Reichsrathr. I. Wir haben diesen übelbeleumdeten Handelsvertrag zwischen Oesterreich-Ungarn und Rumänien im ungarischen Abgeordnetenhause seine sonderbare Rolle spielen sehen (Nr. 1. v. J.>, und haben ihm nun auch in sein letztes Stadium, in den Reichsrath zu Wien zu folgen. Die österreichischen Liberalen im Reichsralhe und in der Publicistik sind durch diesen Vertrag in keine geringe Verlegenheit versetzt. Daß sie ihn nicht billigen, daß sie ihn beseitigen möchten, ist bereits hinlänglich ausgesprochen worden. Gerade darum aber hat Graf Andraffy und das ganze fetzige Ministerium aus der Annahme des Vertrages eine Cabinetösrage in bestimmtester Weise gemacht. Da nun zu fürchten steht, daß dem Ministerium Auersperg ein reactionäres oder pseudoliberales, wie ihm vorangegangen, so auch folgen werde: so sehen sich die Liberalen gezwungen, den Vertrag nicht fallen zu lassen. Dadurch hat aber derselbe den handelspolitischen Charakter gänzlich verloren, und ist nur noch ein politischer Act geblieben. Nun, in handelspolitischer Beziehung hat er denn auch längst seine Verurtheilung gefunden. Die bedeutendsten österreichischen Industriellen haben nachgewiesen, daß die österreichische Industrie und der österreichische Handel sich bei den alten noch bestehenden Tractaten mit der Türkei bedeutend besser gestanden, daß Oesterreich in keinem geringen Grade nur Nachtheile aus dem Vertrage zieht, daß z. B. Zucker und Sprit geradezu so gut wie prohibirt werden. Um so näher liegt die Frage nach den politischen Gründen. Die Verlegenheit der Liberalen hat sich bereits genügend im volkswirthschaftlichen Ausschuß des Reichsrathes ausgesprochen, wo sehr viel über den Vertrag geredet, er aber zuletzt dennoch mit 12 gegen 8 Stimmen genehmigt wurde. Ebenso haben sich für die Debatte im Plenum viele Redner gegen und nur 4 für den Vertrag einschreiben lassen. Unter den elfteren befindet sich der Abgeordnete jüdischer Religion Kuranda, unter den letzteren Fürth. Dieselbe Verlegenheit spiegelt sich in einem, die Debatten gleichsam einleitenden Leitartikel der „Neuen freien Presse" vom 18. Februar. Der politische Grund des ganzen Vertrags liegt nämlich darin, Rumänien durch diesen Schritt noch wesentlicher als einen sebstständigen Staat anzuerkennen und seine Abhängigkeit von der Türkei staatsrechtlich und international zu vermindern. Indem man die Handelstractate mit der Türkei als auch für Rumänien gültig nicht mehr anerkennt, und selbstständig mit ihm einen Handelsvertrag ab-