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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-28 · Heft 9 (29.2.1876) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 9 (29.2.1876)
Date
1876-02-28
Page
Seite 136 (sequence 6)
Language
German
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136 reinen vernunftgemäßen Denklhätigkeit. Nach der Aufzählung der einschlägigen Schriften M's. wird aus das eigentliche Thema eingegangen, indem zunächst die Stellung bezeichnet wird, die M. dieser Disciplin innerhalb der gesammten Philosophie einräumt, als der erste Theil der „Politik" (praktischen Philos.), als die Wissenschaft „von der Selbstleitung", bestehend in der Aneignung edler (Tugenden) und der Entfernung schimpflicher Zustände oder Eigenschaften der Seele (Laster), als die Lehre von den Tugenden und den guten und von den Lastern und den bösen Handlungen — eine Lehre, die, da die Begriffe „gut" und „böse" nur Sache der Convemenz bilden, keinen streng wissenschaftlich erweisbaren Inhalt, hingegen in der Offenbarungslehre einen hinlänglichen Ausdruck gefunden hat. Nachdem ein Blick auf das Berhältniß der Ethik zu ihren Grenzgebieten, der „Politik", Religion und dem Rechte geworfen, werden die psychischen Grundlagen des sittlichen Handelns behandelt, die fünf Theile oder Kräfte der Seele, von denen der oberste, der denkende und zwar das überlegende Denken als Quelle der sittlichen Handlungen aufgestellt wird. Die „Form" d. i. die Aeußerung des Geistes, wird mir dem Begriffe des sittlich „Guten", die „Materie", d. i. die sinnliche Natur (die Negation) mit dem des „Bösen" in echt peripatetischer Weise idenlificirt, sodann die Beziehungen der einzelnen Seelenkräfte (des Empfindungs- und Begehrungsvermögens) zum sittlichen Handeln erörtert und endlich die Einrheilung der Tugenden in ethische (praktische) und dianoölische (theoretische) im strengen Anschluß an Aristoteles mitgetheilr. Zu den Merkmalen der sittlichen Handlung gehört außer ihrer vernunftmäßigen Quelle die freie Wahl, das autonome Bewußtsein, das seinen Ursprung in der Wlllensfteiheil des Menschen har, die selbst wieder ausführlich begründet wird. Jetzt erst kann das Wesen der Ethik näher erklärt werden. Sie ist eine Seelenheilkunde und hat die Aufgabe, durch ein richtiges Heilverfahren die Seele von moralischen Gebrechen zu befreien und gesund zu erhallen. Dies gelingt ihr durch die Gewöhnung an gute d. i. angemessene Handlungen, bas sind jene, welche in der Mitte zwischen zwei Extremen liegen, von denen das eine ein Zuviel, das andere ein Zuwenig, beide aber schlecht sind. Tugenden sind eben nichts anderes, als Eigenschaften, die zwischen zwei äußersten schlechten Eigenschaften liegen (Mäßigkeit zwischen Stumpfheit und Zügellosigkeit; Freigebigkeit zwischen Geiz und Verschwendung u. s. w.). Die Heilung der Lasterhaften har nun in der Weise zu erfolgen, daß der sittlich Kranke so lange von dem einen Extrem auf das entgegengesetzte hinübergedrängt werbe, bis er selber das rechte Mittelmaß wählt, wobei fteilich die Anhaltung zu dem minder verwerflichen Extrem ein so andauerndes sein muß, wie die zu dem schlechteren. Die Vorsichtigeren fteilich halten sich nicht ganz in der Mitte, sondern mehr zu jener äußeren Grenzlinie, welche dem rein Sittlichen näher liegt (mehr stumpf als mäßig, mehr demüthig als bescheiden), und dies ist ein Punkt, wo 21k. der jüb. Morallehre gegenüber dem strengen Eudämonismus des Aristoteles eine bedeutende Concession machen muß, insbesondere in dem praktischen mr*7 'n. Das asketische Leben hält jedoch M. für nicht mustergiltig, in seiner Uebertreibung sogar tadelnswerth, die besten Schutzmittel der Tugend sind vielmehr Selbstprüfung und Buße, ihre Vollendung erreicht sie aber in dem Zusammenfallen von 'Neigung und sittl. Handeln, das der Selbstbeherrschung ganz entrathen kann — wieder ein Abgehen von der bibl. Auffaffung der bösen Naluranlage, die einen künstlichen Ausgleichsversuch erfordert. Das Endziel des sittlichen Lebens ist die Erlangung des höchsten Gutes, der wahren Glückseligkeit. Diese besteht in der Erfüllung des höchsten menschlichen Daseins-Zweckes, in der reinen Erkenntniß Gottes, der Verbindung mit Gott im Geiste. Die dianoötische Vollkommenheit, die in der vollständigen inneren Erfaffung der höchsten metaphysischen Wahrheiten besteht, nicht in dem bloßen religiösen Glauben, ist der Endzweck alles Lebens und zugleich die höchste Lust, das größte Gut. Erreicht wird diese hohe Stufe durch die Oberherrschaft der Vernunft über den Leib, die Unterstellung aller Lebensäußerungen unter den höheren, der geistigen Erkennmiß geweihten Lebenszweck, durch die Selbstweihe für den Dienst Gottes — ein Weg, auf dem mehrfache Stufen zu unterscheiden sind. Das glückliche Leben selber ist ein fortgesetzter innerer Dienst Gottes, das Ergebniß der auf stetiger geistiger Erkenntniß beruhenden Liebe zu Gott, der durch Abwendung von irdischen Bedürfnissen, durch äußeren Gottesdienst und Uebung der Gebote unterstützt wird. Das Ende ist der Uebergang, der in der Erkenntniß Gottes ihr höchstes Genießen findenden Seele zu Gott, wodurch sie ihr Dasein nicht aufgiebt, sondern im seligen Anschauen des Göttlichen fortsetzt. Auf einen Anhang über die ethische Terminologie des M. folgt als H. Theil, die Ethik im Besonderen. In diesem Theile hat der Verfasser die speciellen ethischen Vorschriften und Anweisungen des M., sofern sie Beziehung zu seinem Systeme haben, zusammengetragen und nach dem Gesichtspunkte des individuellen und socialen Lebens (Selbst- und Nächstpstichten) in ein System gebracht. Es ist eine werthvolle Sammlung der verstreuten Tugendregeln und praktischen Anweisungen des M. zur tugendhaften EinrichMng unseres Einzeln- und des gesellschaftlichen Lebens mit steter Beziehung auf das biblische Gesetz. So wären wir denn mit der Skizzirung dieser gründlichen Arbeit zu Ende gekommen und haben uns nur noch Rechenschaft zu geben über den Werth des behandelten Werkes selber. Der Versuch, den ethischen Lehrgehalt des Judenthums in die Formen der aristotelischen Ethik zu zwängen, ist dem M. nicht ganz geglückt. Einerseits ist der Gedankengang und die Entwicklung der Nikomachischen Ethik nur theilweise eingehalten worden, anderseits ist schon mit der Aufstellung des Mittelmaßes als sittlichen Maßstabes der jüd. Auffassung von der Pflicht der Selbstheiligung als oberstem ethischen Principe, Gewalt angethan worden, wie ja M. selber gezwungen ist, betteffs des Zornes und der Selbst-

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