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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-28 · Heft 9 (29.2.1876) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 9 (29.2.1876)
Date
1876-02-28
Page
Seite 134 (sequence 4)
Language
German
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134 Städten unter der christlichen Bevölkerung sich Handel und Industrie entwickelten, wurde dafür gesorgt, daß die Juden wie von selbst aus der Concurrenz ausgeschlossen wurden. Es bildeten sich die Zünfte, Gilden, Innungen für alle Arten regelmäßigen Gewerbes und Handels, und von diesen und ihren Privilegien wurden die Juden ausdrücklich ausgeschlossen. Diese behielten nur noch den Geldhandel und den Trödel, und in diesen blieben sie für alle Zeit unentbehrlich. Sie machten also den christlichen Industriellen und Kaufleuten gar keine Concurrenz, und die christliche Bevölkerung hatte gar nicht nöthig, um von der vermeintlichen handelspolitischen „Bevormundung" frei zu werden, todtzuschlagen und auszuplündern. Schon hiermit fällt die Anschauung des Prof. Roscher in ihrem Kernpunkte weg. Aber auch positiv müssen wir die Ansichten des Herrn Pros. Roscher bestreiten. Was nennt er eigentlich Verfolgungen der Juden? Versteht er darunter nur den Massenmord, der bald hier, bald dort an ihnen verübt wurde? Das sind doch nur die vulkanischen Ausbrüche, während die thatsächlichen Verfolgungen lange vor diesen begonnen hatten. Sie nahmen ihren Anfang mit der Herrschaft des Chrisienthums im römischen Reiche. Denn sind es keine Verfolgungen, wenn man einen bis dahin vollberechtigten Bruchtheil der Bevölkerung, ohne daß, wie die kaiserlichen Novellen selbst aussprechen, von diesem eine Veranlassung gegeben ist, aller bürgerlichen Rechte beraubt, „in die unterste Volksklasse" verstößt und ihm allmalig alle gewerblichen Existenzmittel entzieht? Wenn man ihn mit Verachtung und Beschimpfung überhäuft, und alle seine Glieder als ewige Verbrecher, von Gott verflucht brandmarkt? Dies sind Verfolgungen noch härterer Art, als eine locale und momentane Pöbelhetze, denn sie erdrücken Jahrhundert nach Jahrhundert Geschleckt auf Geschlecht, und erstrecken sich aus die ganze Masse, wo und soweit sie nur existirt. Diese begannen aber mit Constantin, nachdem er 312 Christ geworden, schon von 31f> an, bis Theodosius II. und Valentinian IN. am 31. Januar 439 durch ihre scheußliche Novelle das Werk des bürgerlichen Mordes an den Juden vollendeten. -) Nun begann das Werk der Concilien, der allgemeinen wie der in einzelnen Ländern, die unaufhörlich und immer wiederholt die schärfsten Verordnungen gegen die Juden erließen, und nicht müde wurden, sie rechtslos zu machen, und in den Staub zu treten. Aber auch die gewaltthätigen Vertreibungen, die Plünderungen und Mordthaten begannen, von Geistlichen angestiftet, schon viel früher; so 415 zu Alexandrien durch den Bischof Cyrill, so durch den Bischof Sever in Magona aus der Insel Minorca, um nur auf die ersten hinzuweisen. Herr Pros. Roscher lese nur die Geschichte der Juden unter den Westgothen nach. So lange diese Arianer waren, lebten jene ruhig und geschützt; sobald sie aber 2) Die ganze Reihe dieser Dccrctc ist im Codex Theodosius entbatten. S. unsre Schrift (L. Schragge) Wie verloren die Inden das Bürgerrecht im West und Oströmischen Reiche? Berlin, Fröblich, 1*32. römisch-katholisch geworden, begannen die westgothischen Könige die furchtbarsten Verfolgungen, so daß man die sämmtlichen Juden sogar zu Leibeigenen machte und als solche durch das Land vertheilte, bis sie durch die Siege des Islam von diesem Joche befreit wurden. R. meint nun zwar: „Die oft wiederholten Kirchengesetze, daß die Juden keine Christen heirathen, kein christliches Gesinde halten, mit Christen nicht zusammen speisen sollten, sind wenigstens ein Zeichen, daß im Volke kein Nationalhaß gegen sie herrschte." Aber beweist dies nicht eben, daß von Seiten der Kirche der Religionshaß entzündet und genährt ward, daß er eine längere Zeit im Herzen des Volkes weniger Anklang fand, bis er, zu den Kreuzzügen und durch diese zu einer furchtbaren Flamme aufgeschossen, auch auf die Juden verzehrend fiel? Mit diesem Momente wurde in den europäischen Völkern der Kampf gegen die Ungläubigen zu einem religiösen Gewissensdrang angefacht, und nichts lag näher, als ihn sofort auf die Ungläubigen in der eigenen Mitte zu richten. Bon handelspolitischen Motiven lag dabei nichts vor, wenn auch selbstverständlich die Raubgier des Pöbels mitspielte. Als 1096 der Auswurf der englischen, französischen, lothringischen und flanderischen Länder als Kreuzfahrer unter dem Ritter Zimmermann auf die Juden in Rouen und Metz, und dann in Speyer, Worms und den anderen rheinischen Städten sich stürzte und diese Gemeinden ausrottete: hatte da etwa dieses fremdländische Gesindel den Zweck, die christlichen Kauf- und Gewerbsleute von der jüdischen handelspolitischen Bevormundung zu befreien? Und doch war dies das Signal zu den zahlreichen folgenden Hetzen, die ganz in derselben Weise verliefen. Typisch ist hierin gerade das Beispiel von Speyer. Roscher führt selbst an, daß 1090 Kaiser Heinrich IV. eine Urkunde ausstellte, in welcher er die Rechte der Juden in wohlwollendster Weise festsetzte, und daß sechs Jahre früher der Bischof von Speyer in einem Erlasse sich der Worte bediente, es sei eine Ehrensache, jüdische Mitbürger zu haben. Wie nun? hatten sich die handelspolitischen Verhältnisse in den sechs, resp. zwölf Jahren, so verändert, daß schon 1096 aus desfallsigen Motiven die Ausrottung der Juden in Speyer vor sich ging? Und doch war dies der entscheidende Schlag für die Inden in den germanischen Ländern! Wenn Prof. R. bemerkt, daß die Verfolgungen im östlichen Deutschland einige Jahrhunderte später anfingen, weil dort die handelspolitische Entwickelung später eintrat: so übersieht er, daß in denselben Ländern das Christenthum erst viel später herrschend wurde als in den westlichen, und zwar hauptsächlich durch die Waffen, so daß eben der religiöse Fanatismus in diesen Landschaften sich erst später entfalten konnte. Wir beschränken uns auf diese wenigen, aber entscheidenden Hinweisungen und glauben, daß die Ansicht Prof. Roscher's hierdurch genügend widerlegt ist. Die blutigen Judenhetzen, die doch nur ein einzelnes Moment in der ganzen Bersolgungsgeschichte der Juden bilden, dürfen nicht aus dem Gesammtbilde heraus-

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