Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 9 (29.2.1876)
- Date
- 1876-02-28
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227079--34253-3304111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
132 und Jrrthum verfallt, wer jene aus einem einzigen Motiv herleiten und erklären will. Deshalb meinen wir auch, daß die lange Reihe von Judenverfolgungen, die sich immer wiederholten und über das Mittelalter hinaus in die ersten Jahrhunderte der neueren Zeit reichen, sowohl aus dem religiösen Fanatismus, wie aus der Gier, sich von Schulden zu befreien und der Güter der Juden sich zu bemächtigen, sowie endlich aus Concurrenzneiv entsprungen ist, Laß aber der erstere, der religiöse Fanatismus, der Hauptfactor gewesen, was sich daraus erweist, daß er zweifellos der erste Urheber war und daß die anderen ihn immer wieder zum Borwanve nahmen und durch ihn den rohen Pöbel auf die Juden hetzten. Roscher beginnt: „Die schweren Bedruckungen und Verfolgungen der Juden, welche so manches Blatt, zumal der Geschichte des späteren Mittelalters, geschändet haben, werden gewöhnlich dem Zusammenwirken zweier Factoren zugeschrieben: der Unduldsamkeit einer despotisch gewordenen Hierarchie und der allgemeinen Rohheit eines halbbarbarischen Volkslebens. Das Vorhandensein dieser beiden Factoren wird Niemand leugnen." Wir glauben. Laß es sich Roscher mit diesem Satze zu leicht gemacht, wenn er blos „die despotisch gewordene Hierarchie" anführt, während der allgemein gewordene religiöse Zelotismus, den freilich die Hierarchie entzündet hatte und immerfort nährte, angeschuldigt werden muß und wird. Es hat daher nur wenig Bedeutung, wenn er als Gegenbeweis die drei judenfreunblichen Päpste und Liesen gegenüber den judenfeindlichen Kaiser Friedrich II. ansührt. Denn von der einen Seite können zahlreiche Beispiele von Priestern jeglichen Ranges, besonders der niederen Stufen angeführt werden, welche das Volk gegen die Juden führten und hetzten '); von der anderen Seite, wenn der genannte 1) Der enge Raum dieser Zeitung gestattet uns nicht, eine Auslese von Beispielen hier anzuführcn; wir sind aber bereit, wenn es gefordert wird, für jede unserer Behauptungen im Folgenden unzweideutige Beweise zu bringen. Führen wir hier, zur Entkräftung der Behauptung Pros. Rofcher's» daß der Klerus nur wenig an den Verfolgungen der Juden berheiligt gewesen, nur einige wenige der bekannteren Geistlichen an, welche die Juden auf's härteste verfolgten und Mord und Plünderung über sie brachten, wie sie sich gerade uns darbietcn. Außer Bischof Cyrill v. Alexandrien und Sever von Minorca, die wir w. u. noch erwähnen» seien hier genannt: Bischof Avitus von Clermont 576, Birgilius B. v. ArlcS, Theodor B. v. Marseille 590, Agobarv v. Lyon unter Ludwig d. Frommen und sein erfolgreicherer Nachfolger Amolo unter Karl dem Kahlen, mit Hinkmar B. v. RhcimS, Banib Erzb. v. Sens und Rudolph Erzb. v. Bourgcs 84»; Ansegisus Erzb. v. Sens 880. Zur Zeit der Äreuzzügc: Engelbert B. v. Trier, Peter von Clngny unter Ludwig VN., der franz. Mönch Rudolph, der von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf die Wuth gegen die Juden entzündete 1146, Balduin Erzb. v. Canterbury 1189, Urheber der Gräuel in England, Odo B. v. Paris 1197, Prediger Fulko v. Neuilly im Aufträge des Papstes Jnnocen; III.. der Dominikanergeneral Raymund v. Penjaforte unter Jayme (Jakob I.) v. Aragonien, der Franciskanermönch, der berühmte Duns Scoms (1280), der die Zwangstaufen durch die größten Grausamkeiten zu bewirken mit Eifer lehrte, und so fort. Es muß hervorgchoben werden, daß mit geringer Ausnahme alle Krcuzzüge durch Judenmetzeleien eingeleitet wurden, z.B. der, welchen Gregor IX. 1256 bewirkte; daß zur seidigen Zeit sich Kreuzzüge rufspielten, die es lediglich mit den Juden zu thun hatten, wie die Kaiser die Juden zu beständiger Knechtschaft verurtheilt ,.»ck pvrpetuaiu iudaici sceleris iiltionem zu ewiger Bestrafung des jüdischen Verbrechens", d. i. die Kreuzigung Jesu (1237) so ist dies religiöser Fanatismus, und es ist ganz gleichgültig, ob dieser von einem Papste oder einem Kaiser ausgehl. Viel wichtiger erscheint Roscher „die andere Thatsache, daß in der ersten roheren Hälfte des Mittelalters die Juden regelmäßig bester behandelt worden sind, als in der zweiten, sonst mehr gebildeten. Man könnte sagen, die Judenpolitik verhält sich im Mittelalter fast umgekehrt, wie die sonstige wirthschaftliche Cultur." Hierfür R. mehrfache Beispiele an, daß hier und da den Juden erlaubt wurde, Grundeigenthum zu erwerben. Im Ganzen wird man es ihm auch nicht bestreiten, daß die häufigen und blutigen Judenhetzen, namentlich in den germanischen Ländern erst mit den Kreuzzügen anheben. Er resumirt dies: „Was ich behaupte ist nur dieses: daß bei den germanischen Völkern im frühen Mittelalter die Juden als solche jedenfalls weit bester behandelt worden sind, als im späteren. Das erklärt sich auch leicht. Es haben nämlich die Juden damals ein großes Bedürfniß der Volkswirthschaft befriedigt, welches lange Zeit kein Andererbefriedigen konnte: das Bedürfniß eines gewerbmäßigen Handelsbetriebes. Die germanischen, zum Theil auch die romanischen Völker fühlten bereits dies Bedürfniß, ohne doch aus eigenen Mitteln zu einer Befriedigung reif zu sein, während die Juden schon damals vorzüglich dazu geeignet waren." R. erörtert dies näher, indem er die Zerstreuung der Juden über alle Länder, ihren Uebergang vom Ackerbau zum Handel, und den Rückgang der Cultur durch die Völkerwanderung bespricht. Als die drei Verdienste der Juden hebt er hervor: 1) die Einführung des Capitalzinses, ohne welchen Credit nicht möglich ist, 2) den Schutz des bona tide Besitzes einer unrechtmäßig enrftemdeten Sache, 3) die Erfindung des Wechsels. Als Mittel hierzu erscheint ihm „ihr ebenso enger wie großartiger Zusammenhang über alle christlichen und muhammedanischen Reiche." Hier hätte er freilich hervorbeben muffen, daß dies doch nur ein Zusammenhang von Person zu Person, vermittelt durch die Gleichheit der Religion, der Abstammung und des Schicksals; kein organisirter, von keinem Centtalpunkt aus geleiteter, gewesen, wie z. B. bei der Hansa und den italienischen Handelsrepubliken. Es ist dies ein sehr wichtiges Moment. Roscher fährt nun in seinen Schlüffen fort: „Jahrhunderte lang sind die Juden gleichsam die kaufmännischen Vormünder der neueren Völker gewesen, zum Nutzen der letzteren selbst und nicht ohne Anerkennung dieses Nutzens. Aber jede Schwärme der „Geißler" in Deutschland, der „Hirten" in Südfrankreich. Als mit und nach dieser Zeit die Judenhetzen von Ort zu Ort gingen, waren es freilich nicht mehr die höheren Geistlichen, welche dabei agitirten; dies ging vielmehr auf die Ortsgeistlichen selbst niedrigsten'Ranges über. Eine Unterscheidung zwischen reichen und armen Juden, wie ihn die bloße Raubgier gemacht hatte, kann man hier überall nicht auffinden.