Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 9 (29.2.1876)
- Date
- 1876-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jntereffe. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippen in Bonn. Verlag von Bamugärtner's Buchhandlung in Leipzig. I» redactionelleu Angelegenheiten wende uran fich au Dr. £. Philippson in Bonn; binpchtlich des Bezug« und der Inieralean üaumgärlner'r Suchdandliing inLeipzig. Inserate, welche bis vonner»- lag cingebe». finde» inder raranffolgenden Nummer Brrückstchrigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 dis 2'/z Bogen. Preis Bierteliährig 3 Diark. Inserate werden mir 2» Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und ZeitungS-Exveditione» nehmen Bestellungen an. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 40. Jahrgang. Leipzig, den 29. Februar 1876. J\r 9. Inhalt. Leitende Artikel: Professor Roscher und die Juden im Mittelalter. — Literarischer Wochenbericht: Brünn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Homburg v. d. H., Berlin, Lublinitz. — Oesterreich-Ungarn: Wien. Aus Böhmen. — Frankreich: Paris. — Türkei: Honstantinopcl. — Rußland: Sl. Petersburg, Dorpat. — Amerika: Ncw-Dork. — Feuilleton: Die Geschichte einer nicht geretteten Seele. — Vermischtes. — Nachtrag: Berlin. Sctleude (SLxhfzef. Bonn, 23. Februar. Professor Roscher und -ie Juden im Mittelalter. Herr Professor Roscher hat in der „Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft" (Tübingen 1875, B. 31, Heft 4 eine Abhandlung über „die Stellung der Juden im Mittelalter, betrachtet vom Standpunkt der allgemeinen Handelspolitik" veröffentlicht. Genau genommen, entspricht dieser Titel dem Inhalte der Abhandlung nicht ganz. Denn eine, wie man aus jenem erwarten sollte, detaiüirtere Schilderung der handelspolitischen Verhältnisse der Juden im Mittelalter wird in derselben nicht gegeben, sondern nur die These erörtert, daß der eigentliche und hauptsächliche Grund der Judenverfolgungen im Mittelalter ein handelspolitischer gewesen. Nun ist es bekannt, daß man aus den Zeiten jener Verfolgungen selbst her vielmehr den religiösen Fanatismus als das wirksamste Motiv dieser scheußlichen Verfolgungen, denen an manchen blutigen Tagen Tausende schuldloser Menschenleben zum Opfer fielen, angegeben und aus den vielfältigsten Thatsachen erwiesen hat. Dazu hat sich in neuerer Zeit die Ansicht gesellt, daß in nicht wenigen Fällen die tiefe Verschuldung vieler einflußreicher Personen bei den Juden die Veranlassung zu Mord, Plünderung und Vertreibung gegeben habe. Ultramontane Federn sind darum noch weiter gegangen und haben alle Verfolgungen der Juden aus deren Wucher hergeleitet. Solche gewissenlose Skribenten, welche auch die spanische Inquisition für eine ganz schuldlose und vollberechtigte BeranstalMng ausgeben, sind der Widerlegung nicht werth. Professor Roscher fügt nun als einen dritten Factor den handelspolitischen hinzu, d. h. mit einem anderen Worte den Concurrenzneid christlicher Kaufleute auf die jüdischen, und behauptet, daß dieser der hauptsächlichste, zugleich auf einem historischen Gesetz beruhende gewesen, gegen welchen der religiöse Fanatismus kaum geltend zu machen sei. Wir haben vor den Verdiensten des Herrn Prof. Roscher zu viel Respect, und die Abhandlung bezeugt zu sehr, daß er dabei völlig vom Geist der Unparteilichkeit sich leiten ließ, als daß wir uns nicht gedrungen fühlten, hier, wo er uns in einen Jrrthum verfallen zu sein scheint, eine Widerlegung zu versuchen. Man weiß, daß es den geistreichsten und scharfsinnigsten Gelehrten nicht selten begegnet, sich in eine Idee, die sie einmal gefaßt, und die ihnen neu und entscheidend scheint, so zu versenken, daß sie sich von derselben nicht mehr zu trennen wissen und ihnen ihre Gelehrsamkeit eine Menge einzelner Fälle herbeischafft, von welchen sie meinen, daß sie für ihre Ansicht den Beweis liefern, obschon dies gar nicht der Fall ist. Bevor wir jedoch in die Gedankenreihe des Prof. Roscher eingehen, wollen wir unsre eigene Meinung kurz angeben, damit man sieht, wie wir der Frage unbefangen gegenüberstehen. Sorgfältige Beobachtungen haben uns zu der Ueberzeugung gebracht, daß große Lebenserscheinungen, die sich über einen langen Zeitraum und über viele Länder erstrecken, niemals aus einer einzigen Ursache entsprungen sind und sich genährt haben, sondern aus dem Zusammenwirken mehrerer Factoren, so daß immer in Einseitigkeit