Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1876)
- Date
- 1876-02-22
- Page
- Seite 124 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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124 licher Tracht. (S. Singapore ff. Reiseskizzen von F. Jagor, Berlin 1866.) Diese Juden genießen eines guten Ansehens als solide Kaufleute, und nehmen sich in der würdigen Kleidung gut aus. — Wir waren überrascht, als wir auf diese Notiz trafen; denn es ist bekannt, daß in Vorderindien die Zahl der Juden eine ansehnliche ist, giebt es doch dort auch farbige Juden, die, früher Sklaven, vor langer Zeit zum Judenthume übergetreten! daß aber auch in Hinterindien, und zwar an dessen südlichster Spitze, sich Glaubensgenossen befinden, war uns neu. Versetze sich aber nun der freundliche Leser mit uns im Geiste aus dieser Aequatoriallandschaft in eine nördliche Zone, nach der Haupt-Handelsstadt Ostsibiriens, wo sich der Handel zwischen Rußland und China einen feit der Besetzung der Amurmündung schnell anwachsenden Verkehrsplatz geschaffen hat. Unter dem 52. Grade 40 Minuten, also 760 geographische Meilen nördlich von Singapore, liegt Irkutsk, ebenfalls in einer Lage, die der Reize nicht entbehrt. An einer Krümmung des Angara, gegen Osten und Nordosten von bewaldeten Hügeln eingerahmt, durchflossen von dem kleinen Flusse Usbakofka, liegt die Stadt in einem Winkel, den die beiden Flüsse bilden. Die Häuser sind freundlich, und die Kirche der Stadt, sowie mehrere Staatsgebäude, und Privathäuser schnell reich gewordener Bürger geradezu von architectonischer Schönheit. Für die Bedürfnisse des Lebens ist reichlich gesorgt, da die Erzeugnisse des Landes sehr wohlfeil, die aus der Ferne herbeigeholten Waaren freilich sehr theuer find. Nun, auch in diesem eisigen Klima Sibiriens sind Juden ansässig, und namentlich Irkutsk zählt schon eine beträchtliche Gemeinde, die gegenwärtig für alle nöthigen Gemeindeanstalten sorgt. Dieser Gegensatz weckt von Neuem lebhaft die alte Vorstellung von der Zerstreuung des jüdischen Stammes über die ganze Erde. Diese Verbreitung wächst mit der immer größeren Ausdehnung der civilisirten Welt, welche jene unermüdlich begleitet. An den uralten Sitzen der Menschencultur finden wir sie; sie waren seit dem babylonischen Exil, und noch mehr seit der römischen Eroberung Jerusalems während des ganzen Mittelalters nach allen Gegenden gewandert, tief in die Wüsten Afrikas, wie über ganz Mittelasien bis in das chinesische Reich. Aber seitdem von Europa aus nach West und Ost überall Ansiedelungen und Mittelpunkte der Civilisation geschaffen wurden, schlossen sie sich auch Viesen Bestrebungen an, und erscheinen aller Orten, wo jene von Erfolg sind. Singapore wie Irkutsk verdanken ihren Aufschwung dem glücklichen Erfolge, den die europäischen Mächte in der Eröffnung des früher so eng verschlossenen „himmlischen Reiches" gehabt, und welcher einen unermeßlichen Handelsverkehr, hier zwischen dem englischen Ostindien und China, dort zwischen Rußland und demselben, von mehr als 300 Millionen Menschen bewohnten Reiche zur Blüthe brachte. Daß die Juden überall dem Charakter, den Sitten und Culturzuständen der Völker, unter welchen sie saßen, sich mehr oder weniger anschmiegten, ist selbstverständlich. Die Juden selbst hatten von dieser Verbreitung und den verschiedenartigen Zuständen ihrer Stammesgenossen nur ein allgemeines Bewußtsein. Die genauere Kenntniß derselben unter einander ist erst mit dem Erscheinen der Allg. Zeitung des Judenthums angebahnt worden, und auf diesem Wege erstand wieder eine Art Verbindung, die früher selbst von Land zu Land unter ihnen fehlte. Diese Verbreitung des jüdischen Stammes ist nicht bloß ein geschichtliches, sondern auch ein naturhistorisches Problem. Alle sonstigen Beobachtungen über die Fähigkeit der verschiedenen Menschenstämme, sich in entgegengesetzten Klimaten zu verbreiten und anzusiedeln, und über den Verlust der Fortpflanzuug in den nächsten Generationen finden beim jüdischen Stamme keinen Platz. Erloschen ist dieser nur in sehr seltenen Fällen, wo entweder der unerträgliche Druck sie ausrottete, oder das Bewußtsein und die Kenntniß ihres Glaubens wegen völliger Trennung von ihren Stammesgenossen und Jsolirung einer kleinen Zahl inmitten einer großen Völkerschaft allmälig verschwand (wie z. B. an zwei Orten in China). Irkutsk und Singapore geben ein sprechendes Beispiel, wie die Juden die contrastirendsten Zonen auffuchen und darin emporkommen. Und lassen wir nun unsren Blick über die bewohnte Erde schweifen: wie sind die Juden überall hingekommen? Nirgends mit dem Schwerte des Eroberers, sondern unter der Fahne des Friedens; nirgends mit dem Geiste des Haffes, der Feindseligkeit, Andere zu verdrängen und zu stürzen, sondern mit den Zwecken ftiedlichen Verkehrs, angestrengter Mühewaltung, gesetzlichen Erwerbes, den sie oft erst zu erfinden und zu erwecken hatten. Dies ist eine Thatsache, welche unsre Gegner zwar verkleinern, aber nicht ableugnen können. Und warum nun, ftagen wir weiter, fanden dieselben überall Feindschaft, Mißachtung und Mißhandlung? Ueberall, das ist zu viel gesagt. Da, wo der Geist der Freiheit wehete, wo Menschenrecht und Menschenwürde anerkannt wurden, wo man in seinem Mitmenschen einen Genossen in Arbeit und Streben, nicht einen Gegner oder Mitbewerber um das Stückchen Brod erblickte — da hat man auch die Juden fteundlich ausgenommen und ihnen vergönnt, ihre Kräfte frei nach allen Richtungen zu üben und zu entfalten. Es waren dies bis jetzt wenige Zeiten und Länder, aber unsre Epoche hat diese schnell vermehrt. Was folgt hieraus? daß die Ursache all' der Leiden, welche die Juden zu ertragen hatten, aus dem Egoismus flössen, der den Menschen in jedem, der nicht ganz feiner Art ist, einen Feind und Nebenbuhler erblicken läßt, ein Egoismus, der seine Vorwände bald in der Race, bald im Glauben, bald in Sprache, Sitte und Erscheinung sucht, der aber immer nur die Engherzigkeit selbst, Unvernunft und Unrecht ist. Wir wollen ja nicht leugnen, daß da, wo man die Juden auf einige wenige, an sich zweideutige Berufsarten, mit aller Gewalt beschränkte, sie auf begrenzten Räumlichkeiten einpferchte, einige Nachtheile für die Gesellschaft selbst daraus entstanden.