Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1876)
- Date
- 1876-02-22
- Page
- Seite 123 (sequence 11)
- Language
- German
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123 vereinbar zu verwerfen? Freilich wird das Unbegreifliche begreiflich, wenn man bedenkt, wie wenig die Juden selbst innerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle von ihrer Gleichberechtigung bisher verspüren; wie trotz Staatsgrundgesetze und confessioneller Gesetze die-Behörden ihre Entscheidungen in jüdischen Angelegenheiten noch immer auf Grund des Judenpatenles aus dem vorigen Jahrhunderte und anderer antiquirter Verordnungen treffen; und wie von Seiten der jüdischen Repräsentanzen nichts geschieht, um Las Cultusministerium zu veranlassen, die jüdischen Verhältnisse im Geiste der Staatsgrundgesetze zu regeln, und den ihm unterstehenden Behörden diesbezügliche Weisungen zu ertheilen. Doch bald hätten wir vergessen! War ja dieser Tage in einem Reichsrathsberichte zu lesen, daß der evangelische Senior Haase dem Cultusminister Stromeyer eine Petition der Judenschaft von Humpoletz übergeben hat, in welcher um die Aufhebung des Judenpatentes für Böhmen gebeten wird. Also doch etwas! Rumänien. Kronstadt, 3. Februar. (Privatmitth.) Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen von einem Pröbchen der edlen rumänischen Nation, welches ich während meiner jüngsten Anwesenheit in Bukarest erfuhr, Mittheilung mache. Die rumänische flauen ist nämlich für den sie ergötzenden Anblick sehr eingenommen, am Fest der drei Könige oder der Erscheinung Christi irgend einen Juden in's Wasser werfen zu sehen; sie wähnt hiermit noch mehr einen Act der Gotrgefälligkeit und Frömmigkeit als der Gehässigkeit zu begehen. So geschah es denn am jüngsten Fest der drei Könige, am 18. «6.) Januar d. I. zu Bukarest, am Tage, wo die sämmtliche, nach Hunderten zahlende Geistlichkeit der Hauptstadt in vollem prangenden Ornate, die Truppen en pleine parade, ja der Fürst selber (ausgenommen heuer seiner Unpäßlichkeit halber). Tausende von Bürgern und Bürgerinnen in festlichem Schmucke zur Gerla (Wasser-Kanal) zum Festplatze, wo die Weihe des Wassers vorgenommen wird, hinausziehen, daß man einen armen mit einem Wägelchen vorbeiziehenden Juden, Namens Schabße Körner, ausgedienter österreichischer Soldat, ergriff, und ihn, so wie er ging und stanv, in's Wasser stürzte. Die Schuld wäre zwar den Juden selbst, welche trotz aller Mahnungen dahin gehen, zuzuschreiben, aber diesmal ist es nicht der Fall. S. Köner, Petroleumverkäufer, zog mit seinem Wägelchen vorbei, als Jude erkannt, wurde er von einem rohen Schwarm umzingelt, aus dem Wagen gehoben, und über Hals und Kopf in die heilige, kühle Gerla geworfen. Es muß ein etwas unangenehmes Gefühl sein, wenn man plötzlich, mitten in den Januar-Tagen eines strengen Winters, überrumpelt und in voller Kleidung in das kalte Waffer geworfen wird. In den ersten Tagen nach dem Drei-Königen-Feste circulirte das Gerücht in Bukarest, der par force gelauste. oder richtiger, mißhandelte Jude sei bereits nach kurzem Todeskampfe verschieden, aber in Folge meiner diesbezüglich angestelllen Erkundigungen gelang es mir zu erfahren, daß das colporrirte Gerücht ein unwahres sei, Schabße Körner sei vielmehr sofort (vermuthlich von den mir der Ordnung betrauten Polizeiagenren) in's Spital genannt Colti, Nr. 17, gebracht worden, und habe auch das Spital am 25. Januar wieder verlassen. — Es dürfte wohl den Leser wenig Verwunderung nehmen, wenn er erfährt, daß man in Rumänien den Ministerpräsidenten auf offener Straße zu mißhandeln wagt, geschweige noch sich einen Spaß gegen einen rechtslosen Juden zu erlauben, aber ein kleiner Unterschied ist es, welcher obwaltet. Der Attentäter, der sich an den Minister mit dem Stocke heranwagen wollte, vom Angefallenen aber selbst überrumpelt wurde, so daß der Minister frisch und mit heiler Haut davonkam, wurde gleich am darauf folgenden Tage zu fünf Jahren Kerker verurtheilt. Mit denjenigen aber, welche einen harmlosen unschuldigen Juden in's Waffer stürzen, nimmt man es nicht so genau. Ich wenigstens konnte während meiner 16tägigen Anwesenheit in Bukarest nichts von irgend welchen ergriffenen Maßregeln gegen die, welche sich an S. Körner so schwer vergangen, in Erfahrung bringen. Fr. I e u i l «in öild. An der Südspitze von Malakka, also Hinterindiens, liegt eine kleine Insel, auf welcher sich eine seit kurzer Zeit rasch emporgeblühte Stadt befindet, Singapore. Sie ist eine der Hauptmarktplatze für den Handel zwischen Japan, China und Ostindien geworden. Sie liegt 1 Grad 17 Minuten nördlich vom Aequator und ihr Klima wird nur durch die Nähe der See gemildert. In einem Halbkreise dehnt sich die Stadt am Fuße einer Reihe von Hügeln aus, an deren Abhängen jedoch die Häuser und Billen bereits hinansteigen. An der anderen Seite l e t o n. erscheint sie von zahllosen Schiffen, mit den Flaggen aller Nationen bewimpelt, umringt. Auf den Straßen der Stadt, namentlich in dem, von den Geschäftshäusern besetzten Viereck, herrscht der lebendigste Verkehr, ein Gewimmel der verschiedenartigsten Völker in ihren bunten eigentümlichen Trachten. Da erblickt man überwiegend an Zahl die arbeitsamen und sparsamen Chinesen, die Malayen, Bugis, Javanen, Sundanesen und die Klings, wie die Bewohner Vorderindiens mit einem bequemen Sammelnamen benannt werden. Zwischen diesen Völkerschaften erscheinen Araber, Perser, Parsis, Armenier, Siamesen, Birmanen, Anamiten, Tagalen und Juden, letztere in alttestament' 8 *