Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1876)
- Date
- 1876-02-22
- Page
- Seite 121 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227078--34241-3304098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
121 ihm das ganze Ministerium die Cabinetsfrage, und erhielt durch diesen Druck 19 Stimmen gegen und 10 für den gestellten Vertagungsantrag. So wird es auch wohl dem Vertrage im Reichsrathe selbst ergehen. Uebrigens hat schließlich der Ausschuß eine Resolution angenommen, in welcher bedauert wird, daß in dem Vertrage nicht das gleiche Recht für alle Oesterreicher gewahrt worden. Wie», 7. Februar. Ein von hier ausgegangenes Telegramm lautet wie folgt: „Der volkswirthschaftliche Ausschuß beschloß in seinem Berichte betreffs der rumänischen Convention zu constatiren, daß Oesterreich-Ungarn seine Rechte aus den Verträgen mit der Türkei aufrecht betrachte; in Betreff der Bestimmung über die Juden wird Las Bedauern in dem Berichte ausgedrückt und erklären die jüdischen Ausschußmitglieder zu Protocoll, daß sie nur unter der Pression der gestellten Cabinetsfrage für die Convention zu stimmen im Stande seien. (Wir haben hiervon in den Specialberichten über die Sitzungen noch nichts gefunden.) Wien, 11. Februar. Der bereits durch die Vorgänge in Neu-Sandec (s. z. B. S. 694 v. I.) berüchtigte Rabbi Halbe rstamm „Wunderthäter" wird nächstens zu einer cause celebre Veranlassung geben. Rabbi Halberstamm nämlich, welcher einen Theil der dortigen Judengemeinde mit dem Bannflüche Belegte und deshalb vom Kreisgerichte wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthäligkeir durch Erpreffung verurtheilt wurde, hat gegen dieses Erkenntniß Lurch vr. Edmund Markbreiter die Nullitäts- Beschwerde ausführen laffen, und wurde vie öffentliche Verhandlung vor dem Caffationshofe für den 7. Marz d. I. ausgeschrieben. Die Verhandlung wird Präsident Ritter v. Schmerling leiten; für die General-ProcuraMr wird General - Advocat vr. Ritter v. Simonovich eintreten. Wien, im Februar. Wir geben im Folgenden einige statistische Angaben aus der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde aus dem Jahre 1875, welche in manchen Zahlen den sittlichen Zustand charaklerisiren, Zahlen, die freilich noch viel günstiger sich stellen, als für die gesammte Bevölkerung Wiens. Im Auge muß man behalten, daß die Gemeinde ca. 40,000 Seelen zahlt, und daß der Zufluß fremder, trauriger Elemente bei den gegebenen Zahlen schwer wiegen, wie z. B. bei rer Zahl der unehelichen Kinder. Im Jahre 1875 weisen die amtlichen Register der Wiener Jsraelitengemeinde 341 Trauungen gegen 387 im Jahre 1874 nach.' Nach dem Civilstande der Brautleute sind 283 Ehen zwischen Ledigen, 36 von Wittwern mit Ledigen, 10 von Wittwen und Ledigen, endlich 12 von Wittwern mit Wittwen geschloffen worden. Durch den Tod wurden 55 und durch Scheidung 15 Ehen aufgelöst. Die Dauer der ersteren betrug zusammen 669 , die der letzteren zusammen 72 Jahre. Den Geburtsregistern entnehmen wir, daß im Jahre 1875 1835 (im Vorjahre 2028) lebende Kinder geboren wurden, und zwar 971 Knaben und 864 Mädchen; hiervon waren 110 Knaben und 102 Mädchen unehelicher Abkunft. Bei 19 Zwillingsgeburten kamen in 5 Fällen je 2 Knaben, in 7 Fällen je 2 Mädchen, und in 7 Fällen je 1 Knabe und je 1 Mädchen zur Welt, welche in obiger Gesammtzahl der Gebornen inbegriffen sind. Todt geboren wurden 37 Knaben und 34 Mädchen (darunter je 6 uneheliche). Gestorben sind im Jahre 1875 in Wien 876 Israeliten (480 männlichen und 396 weiblichen Geschlechts). Davon waren 410 (230 Knaben, 180 Mädchen) im Alter bis zu 5 Jahren. 41 (16 Knaben, 25 Mädchen) waren bis 15, 29 (15 Männer, 14 Weiber) bis 20, 71 (39 Männer, 32 Weiber, bis 30, 60 (26 Männer. 34 Weiber) bis 40, 48 (29 Männer, 19 Weiber) bis 50, 81 (43 Männer, 38 Weiber) bis 60 und 136 (82 Männer, 54 Weiber) über 60 Jahre alt. Der älteste verstorbene Mann zählte 90, die älteste verstorbene Frau 94 Lebensjahre. Durch Selbstmord endeten 12 Männer und 1 Frau das Leben, und zwar durch Erschießen und durch Schnittwunden je 2, durch Sturz aus dem Fenster und durch Ertränken je 3, sämmtlich Männer, und durch Erhenken 3 (2 Männer, 1 Frau). „Mißliche Verhältniffe" waren in 7 Fällen das Motiv zum Selbstmorde. Der jüngste Selbstmörder war 20, der älteste 70 Jahre alt. Aus Ungarn, im Februar. (Privatmitth.) Ich brauche wohl nicht erst zu bemerken, daß die Trauer um Franz De.«k eine allgemeine ist, die sich nicht nach Comitaten und Confessionen abgrenzt. So werden auch in allen Synagogen des Landes Trauerfeierlichkeilen zu Ehren des großen Todten, dessen Verlust das Vaterland so tief empfindet, abgehalten. — Folgendes Curiosum will ich seines charakterisirenden Inhalts wegen nicht übergehen. „Aus Andrievce (Brooder Grenzdistrict, wirb der „Drau" geschrieben: Vor einiger Zeit haben die hier ansässigen Israeliten ein Stück Ackerfeldes zur Anlegung eines Friedhofes an sich gebrachr und seitdem mit Erlaubniß der Behörde ihre Todten daselbst bestattet. Nun ereignete sich vor einigen Wochen hier der bedauerliche Zufall, daß sich ein lebensüberdrüfsiger ehemaliger Osficier Namens Kostics mittelst eines Revolverschuffes entleibte. Als man sich an den hiesigen Pfarrer Stics wegen der Beerdigung wendete, verweigerte derselbe die Einsegnung und rief zornig aus: „Begrabt den Esel auf dem jüdischen Gottesacker! Und so geschah es auch, der Selbstmörder liegt auf dem Judenfriedhofe begraben. Wenn es auch vom juridischen Standpunkte aus keineswegs fraglich ist, daß der hiesige Pfarrer nicht befehlen könne, daß nichtjüdische Selbstmörder auf dem jüdischen Gottesacker bestattet werden müsien, so sind doch die Besitzer des Friedhofes viel zu tolerant, als daß sie etwa eine Exhumirung des Unglücklichen verlangen wollten und bringen nur das intolerante Verfahren des hiesigen Pfarrers hiermit zur KennMiß der Oeffentlichkeit." Krakau, 8. Febr. <N. fr. Pr.) In der Stadt Stry hat die Behörde, gestützt auf einen im Jahre 1874 erflossenen Statt- Halterei-Erlaß bezüglich der Errichtung und Ueberwachung der 8