Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1876)
- Date
- 1876-02-22
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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119 Klage war ein an das Gericht gerichtetes Gesuch, in welchem es hieß: „Da kommt der Jude und erhebt nun Anspruch auf den Gegenstand!" Das Stadtgericht führte in seinem Erkenntniß aus, daß in der Bezeichnung „Jude" an und für sich eine Beleidigung nicht liege. Laß aber auch eine beledigende Absicht nicht anzunehmen sei, weil Verklagter nicht voraussehen konnte, daß Kläger eine Abschrift des Gesuchs erhalten würde. Der Kammergerichtshof hingegen erachtete die gebrauchte Form als zweifellos beleidigender Natur. Breslau, im Februar. Man theilt der „Tribüne" ein Curiosum mit, welches an die Zeit der früheren Breslauer Börse erinnert. In der schlesischen Hauptstadt besteht nämlich ein sogenannter „Verein christlicher Kaufleute", welcher in seinen Statuten die kaum glaubliche Bestimmung hat. daß Juden weder als Mitglieder ausgenommen, noch als Gäste eingeführt werden dürfen. Das Hauptcontingent an flotten Tänzern für die „Zwinger- Ressource" liefert die Direction einer Staatsbahn durch die bei derselben beschäftigten Regierungs-Assessoren; plötzlich blieben Liese aber aus, und die „Zwinger-Resiource" war in Noch, Nach Anfrage über den selkfamen Vorfall erfolgte die Auskunft, es befänden sich augenblicklich in dem Collegium zwei jüdische Assesforen, und der Umstand, daß diese nicht einmal als Gäste eingeführt werden könnten, habe die Uebrigen veranlaßt, sich fern zu halten. Nun wollten die „christlichen Kaufleute" eine Ausnahme statuiren, aber die Regierungs-Assessoren blieben unerbittlich, und da« Ganze bildet den Gegenstand allgemeiner Erheiterung in dieser ernsten Zeit. Bonn, 13. Februar. (Privatm. > Wir erhielten einige Zuschriften, in welchen wir ersucht wurden unsre Ansicht auszusprechen, wie wohl dem Ministerialreskripte gegenüber zu verfahren sei. nach welchem nur angestellte Rabbiner den jüdischen Religionsunterricht in den oberen Clasien der höheren Lehranstalten ertheilen sollen? Wir meinen. Laß sich einige jüdische Lehrer zu einer Vorstellung bei dem Herrn Unterrichtsminister vereinigen mögen, in welcher die in unsrem Leitartikel in dir. 7 dargelegien Ansichten, soweit sie riesen Gegenstand berühren, auseinandergesetzt würden. Der einfache Umstand, daß in den meisten Provinzen nur sehr wenige Rabbiner angestellt sind, wird zu einer Remedur führen. Ohne eine Prüfungsbehörde laßt sich aber nichts machen; denn ein bloßes Elementarlehrerzeugniß kann die Befähigung in jenen oberen Classen nicht verbürgen. Marburg, im Februar. Der bisherige außerordentliche Profesior der Philosophie an hiesiger Universität, Di-. Hermann C ohn, ist zum ordentlichen Profesior ernannt worden. Bremen, im Februar. «Privatmitth.) Es giebr keine größere und darum mehr geglaubte Unwahrheit als die von dem Einfluß der Juden auf die Poesie. Wer sich hiervon überzeugen will, braucht nur die Mehrzahl der deutschen Blätter, der großen wie der kleinen, flüchtig durchzumustern, und er wird gewahren. wie sie jede Gelegenheit benutzen, ja oft genug bei den Haaren herbeiziehen, oder vom Zaune brechen, gegen die Juden in gröbster Weise loszuziehen. Wehe, wenn Andere darauf antworten. Die schnödeste Erwiderung bleibt nicht aus. Auf Gründe läßt man sich nicht ein, schließlich fertigt man die Juden und ihre Vertheidiger mit „der nationalen Antipathie gegen Las fremde Element" ab. Und bei solchen Zuständen sprechen dieselben Blätter unaufhörlich vom dominirenden Einfluß der Juden auf die Presse! Wir haben hierbei selbstverständlich nicht die ultramontanen und pietistischen, nicht die feudalen und reactionären Organe im Auge, denn bei diesen gehört der Judenhaß zur Pro- und Confession. Auch die geringe Zahl radicaler Blätter meine ich nicht, denen nun einmal die Träger jeder positiven Religion widerwärtig sind. Sondern die sogenannten liberalen Blätter, namentlich die großen unter Liesen, die sich auf ihren Liberalismus so viel zu Gute thun, und dessen Säulen zu fein sich dünken, die ihn jedoch in großen und kleinen Dingen oft genug im Stich lassen. Sie waren vor Kurzem, Herr Redacteur, genörhigt, die „Köln. Ztg." nach dieser Richtung hin zu besprechen. Ich muß dasselbe heute von der „Weser-Zeitung" rhun. Eines muß ich vorausschicken. Es kann Niemandem einfallen, den öffentlichen Organen zu verdenken, wenn sie es nachdrücklich tadeln, falls von einem oder mehreren Juden etwas Tadelnswerthes geschieht. Es ist dies ihr Amt und ihre Pflicht. Was wir bekämpfen, ist die Art und Weise, wie dieser Tadel sofort auf alle Juden ausgedehnt, die ganze Judenheit wie ein Individuum be- und mißhandelt wird, weil irgend ein Jude etwas Unangenehmes gethan hat. Dies paßt so recht auf die „Weser-Zeitung". Der Vorstand des israelitischen Waisenhauses zu Schippenbeil hatte in seiner Bekanntmachung über die vom Ministerium des Innern ihm gestattete Lotterie bemerkt, daß zur Ziehung seiner Lotterie der Ziehungssaal der königl. preußischen Staatslotterie „in Aussicht genommen sei," und die General-Lotterie-Direction machte im Reichsanzeiger bekannt, daß jene Ziehung in ihrem Saale nicht stattfinden werde. Man muß zugestehen, daß die Reclame des Schippenbeiler Vorstandes, bevor er die gewünschte Erlaubniß erhalten hatte, unpassend, ja sogar anmaßlich war. Was macht aber die „W.-Z." hieraus? Sie klagt darüber, daß seit längerer Zeit die Juden dem großen Publicum über die Stellung der Regierung zu speciell israelitischen Interessen Sand in die Augen zu streuen suchten. In der Thal, meint sie, scheine auch an einigen Stellen unsrer leitenden Kreise eine Art sentimentaler Zärtlichkeit für Liese Dinge zu bestehen oder wenigstens zur Sckau getragen zu werden; aber durchgehends sei dies doch nicht der Fall, und dann schließt sie: „Man kann gewiß recht weit davon entfernt sein, den israelitischen Bürgern eines Staates in ihren berechtigten Bestrebungen nach vollkommener politischer Gleichstellung mit den deutschen Staatsangehörigen entgegenzutreten und es doch mit Genugthuung begrüßen, wenn endlich einmal der Versuch gemacht wird, sich von der seit einigen Jahren zur Mocesache gewordenen