Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1876)
- Date
- 1876-02-22
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
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116 ausmacht. Wie viele schmerzdurchdrungene Herzen haben aus ihnen unauslöschliche Tröstungen geschöpft. Die Psalmen haben einen besänftigenden Balsam auf eine Menge Wunden gegossen. Die Unterdrückten, die Verfolgten, die Gebeugten aller Zeiten haben diese Klagen voller Zuversicht in die ewige Gerechtigkeit zu den ihrigen machen können. Die geängstigten Gewissen haben darin die Töne der Reue und der Zusicherung der Vergebung gefunden, die keine andere Literatur ihnen bieten konnte." Selbstverständlich können wir hier nicht auf unsre Ansichten über den Inhalt der Psalmen eingehen, und verweisen vielmehr auf die zwei letzten Abschnitte unsrer „Einleitung zu den Psalmen in unsrem Bibelwerke B. 111, S. 372 rc." Zwei Momente aber haben die Herren Reuß und Röville llargestellt, an welchen so Viele noch scheitern. Man wird doch endlich aushören, dem israelitischen Stamm aus der Vorstellung eines „auserwählten Volkes" einen Vorwurf zu machen, den reffen Gegner bereits allzusehr abgenutzt haben. Es war doch etwas ganz Anderes, wenn die Hellenen glaubten, die Natur selbst habe alle Völker der Erde bestimmt, ihre Sklaven zu sein! Das andere besteht darin, daß man den Psalmisten vorwarf, den Gefühlen rer Rache einen zu herben Ausdruck zu geben, und dies für wenig religiös und sittlich erklärte. Der Psalmist spricht im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit, des Gottesreiches, die von den Völkern unaufhörlich bekämpft, verletzt und unterdrückt werden. In diesem Kampfe giebt es keine Aussöhnung als bis der Gegner der Wahrheit huldigt, Gerechtigkeit übt, das Joch der Unterdrückung mit eigener Hand zerbricht! Auch Röville setzt trotz seiner Auseinandersetzung die evangelische Milde und Versöhnlichkeit gegenüber. Aber abgesehen davon, daß es auch für diese an Ausdruck in den Psalmen durchaus nicht fehlt, sagt doch auch Jesus selbst (Matth. 10, 34): „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen aus die Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schnur mit ihrer Schwiegerin, und feind werden einem Menschen seine Hausgenoffen sein." Sobald die Christen sich erst stark genug fühlten, hörten sie auf Märtyrer zu sein, bekämpften vielmehr ihre heidnischen Mitbürger mit dem Schwerte und rotteten sie mit Gewalt aus. Dies will doch noch etwas Anderes bedeuten, als den Kampf einer kleinen Nation gegen ihre übermächtigen Feinde um ihr Dasein und ihre Religion. Für diesen Kampf hätte übrigens Rvville nicht bloS Antiochus anzuführen gehabt, sondern schon früher aus der Geschichte des babylonischen Exils, wo nicht einmal das Heiligthum von der Entweihung zu befreien, sondern der Zwang zum Götzendienste von Individuen zurückzuweisen war. III. Den letzten Abschnitt widmet Rüville, immer in Vertretung des Prof. Reuß, der Frage nach den Abfaffern und der Abfassungszeit der Psalmen. Bekanntlich hat diese Frage keine theologische, sondern nur eine literar- und culturhistorische Bedeutung, was eine unbefangene Beantwortung sehr erleichtert. Aber das Resultat ist ein rein negatives. Er spricht die Abfassung von Psalmen der vorexilischen Zeit überhaupt und der davidischen sowie David selbst insbesondere ab. Zu diesem Ende erzählt er ausführlich die Lebensgeschichte Davids, deren Kenntniß freilich von jedem unterrichteten Schulkinde gefordert werden könnte, um zu beweisen, daß dieses kriegerische Leben weder Zeit gelaffen, noch die Neigung und Befähigung zugestehen konnte, religiöse Lieder zu schaffen. Wir glauben aber, daß er mit aller dieser Mühewaltung nichts bewiesen hat. Das Meiste, was wir von David wiffen, fällt in seine Lebenszeit vor seiner vierzigjährigen Regierung. Die Ereigniffe der letzteren sind durchaus nicht so reichhaltig, so viele Zeit in Anspruch nehmend, daß David in einer so langen Epoche nicht hätte sollen Lieder dichten können, noch dazu, da er später nicht einmal selbst mehr in den Krieg gezogen ist, sondern die Führung desselben seinem Feldherrn Joab überließ. Und wie will man die Seele eines reichbegabren Menschen durchaus so beschranken, daß er neben seinen kriegerischen Thaten nicht auch seinen dichterischen Anlagen hätte folgen können? Dies scheint uns geradezu die Anmaßung eines kleinlichen Sinnes und geringer Seelenkenntniß. Daß David sich als den „Gesalbten Gottes" anerkannte, daß er seine Kriege im Dienste und Aufträge des Ewigen zu führen glaubte, daß er in die kaum eroberte Residenz das Heiligthum verpflanzte, keine Ruhe empfand als bis die h. Lade nach Jerusalem gebracht worden, daß er vor derselben religiöse Lieder mit religiösem Tanze zur Harfe sang, alles Dies leugnet doch auch Herr Röville nicht, also die religiöse Richtung, das tiefreligiöse Gemüth Davids steht geschichtlich fest. Daß er Dichter und Sänger war, wie schon aus seiner Jugend berichtet wird, und wie die Trauerlieder auf Saul und Jonathan beweisen, ist nicht minder sicher. Wie will nun Jemand in die Tiefen einer solchen Seele so entschieden hineinzublicken sich Unmaßen, um behaupten zu können, David habe religiöse Lieder gar nicht abfaffen können! Uebrigens verfallen hierbei die Herren abermals in einen groben Widerspruch mit sich selbst. Sie bemerken, daß die Psalmen niemals populärer waren als im Schooße kriegerischer, kämpfender und verfolgter Genoffenschaften. Die Reformirten in der Schweiz, in Frankreich, in Schottland, in den Niederlanden schöpften aus dem Psalter ihre kriegerischen Gesänge. Sie Alle, wie besonders die Hugenotten, zogen und stürzten sich in den Kampf, Psalmen singend. Rvville erzählt hierbei einen „sehr wenig gekannten Zug aus der französischen Geschichte zu Ehren der Psalmen." Bei Arques in der Nähe von Dieppe stand im Jahre 1589 Heinrich IV. auf dem Punkte, eine völlige Niederlage durch den Herzog von Mayenne zu erleiden, so daß er schon Vorbereitungen getroffen, sich nach England zu flüchten. Die Schlacht fiel bereits sehr unglücklich aus, sein Heer war geschlagen und in Auflösung begriffen: da eilte