Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1876)
- Date
- 1876-02-22
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gründen der modernen Philosophie, Spinoza, hervorgebracht, in Mendelssohn den besten Träger der Populärphilosophie, in Salomon Maimon den Uebergang von Kant zu Fichte. Hinsichtlich der Hebräer stützt sich Prof. Reuß auf die Beschaffenheit der hebräischen Sprache, welche aus Mangel genügender Partikeln, zusammengesetzter Wörter und der Syntax für den philosophischen Ausdruck ganz unfähig gewesen. Dies ist nun eine sehr einseitige Behauptung. Wer die Literaturen der verschiedenen Bölker in ihren Phasen kennt, weiß, daß die Sprache je nach dem sich entwickelnden Geist der Nation auch das gefügige Werkzeug späterer Geistesentwickelung wird. Wer die Ueberreste der ersten jonischen Philosophen kennt, selbst eines Anaxagoras, würde die Sprachentwickelung eines Plato und Aristoteles aus denselben nicht Vorhersagen können. Nicht wenige spätere hebräische Schriften, aus einer Zeit verfaßt, wo die Sprache schon todl war und man sich deshalb auf den im A. T. überlieferten Sprachschatz beschranken mußte, bieten einen tief eingehenden philosophischen Ausdruck. Auch die französische Sprache entbehrt der Zusammensetzbarkeit von Worten, und muß daher in zahllosen Fällen zu griechischen und lateinischen Ausdrücken gereifen: sind darum in ihr keine philosophischen Werke abgefaßr? Nicht die Menge rer Partikeln, sondern die Anwendung derselben macht es. Dagegen konnte der Reichthum der hebräischen Sprache an Synonymen für die feinschattirende und scharf unterscheidende Philosophie sehr gut dienstbar gemacht werden. So wird ein System zu Stande gebracht mitten durch Widersprüche aus Boraussetzungen, deren Begründung noch zweifelhaft ist. So lange dieser unhistorische und trotz allem Scheine unkritische Weg nicht verlaßen wird, kann die Racen- und Völkerpsychologie zu sichern Erfolgen nicht gelangen. II. Im dritten Absätze seiner Abhandlung geht Herr Röville an der Hand des Pros. Reuß auf den Inhalt der Psalmen ein, und spricht hier viel Richtiges und Schönes aus, wovon wir Einiges hervorheben wollen. Er sagt: „Ein wesentlicher Zug, der zu betonen, ist was man die Vertraulichkeit (la familiariie) der Psalmisten nennen kann, wenn sie sich an Gott wenden, den sie doch als ein unendlich erhabenes und ehrfurchtbares Wesen zu erfassen und zu beschreiben verstehen. Ihre Anrufungen setzen eine Innigkeit des Verhältnisses voraus, welche einen seiner selbst weniger sichern Glauben leicht verwirren würbe." Ueber den 8. Psalm heißt es: „In den Stücken dieser Art offenbart der jüdische Monotheismus seine unermeßliche Erhabenheit (--„perioritö, über die besten Ausflüffe der Naturreligionen. Dieser Ausdruck der Demuth vor Gott zugleich mit dem des Stolzes gegenüber Allem, was nicht Mensch ist, diese tiefgefühlte, aber gemessene Bewunderung der sichtbaren Natur, diese Freude durch den göttlichen Auftrag als Herr der Erde zu leben, Alles in diesem kleinen,Gedichte athmet die männliche und gesunde Religion. Wie gern möchte man immer in den Annalen rer Frömmigkeit diese Harmonie zweier Tendenzen antreffen, welche vollkommen vereinbar sind und die zu seinem Unglück der Mensch allzu oft eine der anderen entgegenstellt! Entweder Buddhist, d. h. passiv und träge, oder thätig, aber in Empörung sollte man sagen, daß er den vermittelnden Punkt nicht zu finden vermöge! Dennoch besteht riese Mitte, und weil er sich in derselben hält, ist der 8. Psalm so schön." — Mir großem Rechte sagt er weiterhin: „Die Psalmisten singen was in ihrer Seele lebt, aber in der Idee, daß das ganze Volk mit ihnen singt. Der nationale Individualismus ist noch absoluter als der persönliche. Jnreß der Feind der Nation und der Gottes war ganz derselbe. Die Bedrückung des auserwählten Volkes war nicht allein eine Ungerechtigkeit, sondern auch eine Gotteslästerung. Die Entschuldigung für dieses Volk war, daß es ihnen bei einer Vergleichung ihres religiösen Glaubens mir dem ihrer götzendienerischen 'Nachbaren, ganz unmöglich war, sich ihrer Erhabenheit nicht bewußt zu werden." „Jede Nation glaubt sich leicht die erste der Welt, aber bei keinem Volke war diese Vorstellung entschuldbarer als bei den Israeliten." „Dennoch war dies geistige Uebergewichl fern davon, seine Sanclion in den weltlichen Tharsachen zu finden. Zu allen Zeilen legte der Götzendiener, der blödsinnige Götzendiener, dem Verehrer des lebendigen Gottes sein unerträgliches Joch auf. Nichts vergrößert die Feindseligkeit des Unterdrückten gegen den Unterdrücker mehr als das Bewußtsein, begründet oder nicht, ihm geistig überlegen zu sein. Wie kannte Antiochus seine Welt schlecht, als er sich einbildete, daß ein Abbild des olympischen Jupiter den widerstrebenden Juden imponiren und sie mir der griechischen Civilisation versöhnen würde! Im Gegentheil zeigte dies ihnen dieselbe in ihrer lächerlichsten Gestalt, und bei einem Volke, das gewöhnt ist, Alles was die Religion betrifft, auf's Ernsteste zu nehmen, würde der Jupiter von Phidias selbst keinen anderen Erfolg, als den des Skandals gehabt haben. Die Mehrzahl der Psalmen spiegelt diesen schmerzlichen Conftiet des nationalen Bewußffeins und der thatsächlichen Lage wieder. Herr Reuß hat gezeigt, daß da, wo man versucht sein könnte, den Ausdruck eines persönlichen vereinzelten Schmerzes zu sehen, es fast immer die Klage des Volkes ist, die unter individueller Form ausströmt. Dieser verfolgte Diener des Ewigen, der in einer Menge von Psalmen klagt, sich auflehnt, die göttliche Rache gegen seine Bedrücker anruft, sie schmäht und verwünscht, ist kein einzelner Mann, er ist die Verkörperung des ganzen Volkes. Von anderer Seile muß man anerkennen, daß niemals die menschliche Sprache die religiösen innern Gefühle der Unterwerfung, des Vertrauens, der Reue, der unzerstörbaren Hoffnung besser ausgedrückt har. Es finden sich in diesen Ausflüssen der jüdischen Frömmigkeit Zeichen von einer unbegrenzten Zartheit, einer ausgesuchten Feinheit. Das ist eine Begeisterurig voll glühender, fester Religiosität, welche die Lieblingslcctüre der wunden Seelen 8*