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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-22 · Heft 8 (22.2.1876) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 8 (22.2.1876)
Date
1876-02-22
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 urtheilt? Wenn man sagen würde: in den Schriften des A. T. findet sich weder Drama noch Epos, so hätte dies einen Sinn, und es ließe sich weiter darüber sprechen. Aber in einem Athemzuge zu behaupten: wir besitzen nur noch einen kleinen und aus einem ganz bestimmten Gesichtspunkte gewählten Rest der hebräischen Literatur, und diese besaß kein Drama und kein Epos, weil sich solche nicht in jener verhältnißmäßig geringen Sammlung befinden — das ist doch wahrlich keine Logik! Wir glauben auch nicht, daß die Hebräer es zu einem Drama nach griechischem Muster gebracht haben; dazu fehlte es an vielen Momenten. Wenn Ihr aber aus dem Epithalamium im 45. Psalm, aus den Trauerliedern Davids über Saul und Jonathan u. s. w. auf eine reichausgebildete nichtreligiöse Lyrik schließet, dürsten wir nicht aus dem Hohenliede und selbst der Anlage des Buches Hiob aus das Vorhandensein einer Art Dramatik schließen, in welcher die Personen sprechend und handelnd austraten und ein bestimmter Gegenstand abschließend behandelt wurde? Ganz und gar nicht verzichten wir aber auf das Epos. Wenn wir uns irgend eine Vorstellung von dem 4 Mos. 2l, 14 citirten rvanb» „Buche der Kriege des Ewigen" und zwar nachdem daselbst angeführten Verse: ■pzps a-brrzr: rsn bilden wollen, so kann dies nur die sein, daß dasielbc epische Beschreibungen von den Kriegen Israels gegen die heidnischen Völker (vgl. 1 Sam. 18, 17 i entbalten habe. Und haben wir nicht Erzählungen in den Büchern des A. T. genug, welche vollkommen den epischen Charakter besitzen? B. die Geschichte Ioseph's und Simscn's. Der Einwand, daß sie nicht in gebundener Sprache, soweit von dieser in der hebräischen Poesie die Rede sein kann, abgefaßt sind, ist ohne Bedeutung. Denn es kommt hierbei auf Inhalt, Charakter, Anlage und Abschluß an. Niemand wird die ersten Dramen Schillers und Götz und Egmont von Göthe für keine Dramen erklären, weil sie in ungebundener Rede, oft in sehr schlichter Prosa, die aber gerade recht charakteristisch ist, abgefaßt sind. Wenn wir das Unglück gehabt hätten, daß uns die großen griechischen Geschichtsschreiber verloren gegangen, dagegen einige Schriften der Logographen, etwa wie der Milesier Kadmos und Hekataios «um 500) übrig geblieben, wie wäre es dann, wenn wir sagen wollten: die Griechen hätten es nicht bis zur eigentlichen Geschichtsschreibung gebracht? Man wird ftagen: wozu dieser Streit über das Vorhandensein des Dramas und des Epos bei den Hebräern, da doch eben keine solche in ausgesprochener und vollendeter Art vorhanden sind? Dies ist es aber eben. Prof. Reuß, Roville und viele Andere machen die besprochenen Behauptungen zur Grundlage ihrer Beurtheilung über den Geist des hebräischen Volkes und der semitischen Race überhaupt. Weil diese nach ihrer Ansicht kein Drama und kein Epos gehabt, muß ihr jede Fähigkeit zu generalisiren und zur objectiven Anschauung abgesprochen werden: die Semiten vermögen nur zu individualisiren, und darum sind sie allein Lyriker, und waren nicht befähigt zu philosophiren. Man hat also auf diese Weise richtig das Schema wieder hervorgebracht und die Rubrik genau bestimmt, in die man die ganze semitische Race ohne Unterschied der ihr angehörigen Völkerschaften und der großen Zeitepochen, denen sie angehörten, hineinpracticirt. Individualisiren? Man verfällt hier wiederum in einen Widerspruch mit sich selbst. Der Verfaffer betont später mit großem Nachdruck, wie in den Psalmen die Person sich mit ihrer ganzen Nation, ja mit Allen, welche für Recht und Wahrheit eintreten und unablässig deren.Gegner als „Feinde Gottes" bekämpfen, identificirt, wie das Individuum ganz verschwindet und die Noch und den Druck der Nation und aller Gerechten, sowie deren Sieg und Triumph ganz als die seinigen fühlt und im Gesang aus den Tiefen des Gemüthes herausströmt. Heißt dies individualisiren oder generalisiren? Die Anschauung der Hebräer von der Einheit des ganzen Menschengeschlechtes steht im ganzen Alterthum einzig da, diese ihre Anschauung ging selbst durch ihre ganze Gesetzgebung und bildet deren Eck- und Grundstein; sie tritt dann als Einheit der Nation, als Einheit der Gesellschaft und der Sittlichkeit auf, so daß es keine individuelle, sondern nur eine gesellschaftliche Tugend giebt; ihre Religion ist eine generelle, und erst das Christenthum wurde zu einer Religion des Individuums. Hieraus geht unleugbar hervor, daß die Ansicht, welche den Geist der Semiten auf das Individualisiren beschränkt, eine durchaus irrige, oder doch sehr bestreitbare ist. Gleicher Weise verhält es sich mit der Verneinung des philosophischen Geistes. Die Philosophie in ihrer wisienschaftlichen Gestaltung ist Product späterer Geistesentwickelung, und wir geben zu, daß es unter den Schriften des A. T. keine giebt, die als wissenschaftlich philosophisch bezeichnet werden kann; indeß philosophirt wird im Hiob, im Prediger und auch noch in anderen Büchern. Aber haben die Araber und die mittelalterlichen Juden, beide Semiten, keine Philosophie, keine wissenschaftlich philosophischen Schriften hervorgebracht? Dies könnte nur ein Sachunkundiger behaupten. Man wendet ein, diese wären von der griechischen Philosophie abhängig gewesen. Einverstanden; aber das lag in der Natur der Sache, denn die griechische Philosophie war da und lag ihnen, freilich nur mittelbar, vor. Auch die moderne Philosophie lehnt sich an die griechische, und ist ohne sie nicht so denkbar wie sie ist. Die Araber und Juden aber haben doch die Befähigung gehabt, die griechische Philosophie nach ihrer Art zu erfassen, und in einer eigenthümlichen aber sehr bedeutenden Weise zu entwickeln. Wie will man also den Semiten den philosophischen Geist geradezu absprechen? Hat doch der jüdische Stamm den eigentlichen Be-

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