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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-15 · Heft 7 (15.2.1876) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 7 (15.2.1876)
Date
1876-02-15
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 antwortete nicht, sondern machte ein ernstes, betrübtes Gefickt und forderte mich zur Eile auf. Ich wurde in's Zimmer meines Urgroßvaters geführt, der in den letzten Zügen lag. Das Zimmer war gedrängt voll. Seine Kinder, Enkel und Urenkel, sowie die angesehensten Mitglieder der Gemeinde hatten sich eingefunden, um Zeuge seines Todes zu fein. Ich wurde an sein Bett geführt und ich erinnere mich noch deutlich, daß er sich ein wenig aufrichtete, beide Hände auf meinen Kopf legte und mich segnete. Diese fromme, liebevolle Handlung war auch die letzte, die er vollzog. Nach gesprochenem Segen legte er sich in's Kisien zurück und war nicht mehr. Sobald die Nachricht von seinem Ableben sich verbreitete, wurden alle jüdischen Laden geschloffen. Die ganze Gemeinde folgte seinem Sarge. Ich wohnte der Beerdigung bei und sah, daß mein Großvater, der Sohn des Verblichenen, als dieser in's Grab gesenkt war, ihm ein Säckchen unter ras Haupt legte. Dasselbe enthielt eine Hand voll Erde aus dem gelobten Lande. — In allen Synagogen wurden nun zu Ehren des Hingeschiedenen lange Trauerreden gehalten und zwar nicht nur in meiner Vaterstadt, sondern in vielen großen jüdischen Gemeinden des In- und Auslands. Die Juden lebten damals in einem innigen Zusammenhang und betrachteten den Tod eines bedeutenden Mannes aus ihrem Volk als ein Nationalunglück. Man hatte das große Zimmer, in welchem er seinen Studien obgelegen, unverändert gelaffen und am nächsten Freitagabend nach seinem Tode dort den Tisch gedeckt, die Leuchter angezündet, die zwei Weißbrore, die bekanntlich an die Schaubrode im Tempel zu Jerusalem erinnern sollen, unter einer Serviette auf den Teller gelegt und den Armseffel an die Stelle geschoben, die er bei Tische eingenommen. Dieses Zimmer befand sich im ersten Stocke. Seine Familie wohnte im Erdgeschosse. Nach beendigter sabbathlicher Abendmahlzeit ging mein Großvater mit den Seinigen hinaus, und als man das Zimmer öffnete, bemerkte man um die Kerzenflammen große Kreise, die sich zu drehen schienen. Nichts war natürlicher. Die Kreise wurden von den im verschlossenen Zimmer vorhandenen Dünsten gebildet, die durch das Oeffnen der Thüre in Bewegung gerathen waren. Meine Großeltern hegten jedoch die Ueberzeugung, daß diese Erscheinung die Anwesenheit des abgeschiedenen Geistes anzeigte, der sich eingefunden, um den Segen am Tische zu sprechen. Kein Mitglied der Familie zweifelte daran. Ein Miethsmann des Hauses jedoch, der in's Zimmer trat — es war der Vorsänger der großen Synagoge — versicherte, daß er keine Ränder um die Kerzenflammen sähe. Diese waren auch in der Thal verschwunden und zwar, wie man sich leicht erklären kann, durch das fortwährende Zuströmen frischer Luft. Meine Verwandten behaupteten aber nicht'ohne Verdruß, daß die Erscheinung durch die Anwesenheit eines Fremden bewogen worden, das Zimmer zu verlassen. Es mochte ihnen dabei die Sage vorgeschwebt haben, der zufolge Rabbi Jehuda Hannassi nach seinem Tobe jeden Freitagabend in seine Wohnung zurückkehrte und sogar in der Gestalt, die er während seines Lebens trug. Es ist eine unbestreitbare Wahrheit, daß die Wunder nur immer da geschehen, wo man an Wunder glaubt. Bei dieser Gelegenheit sei auch erwähnt, daß mein Urgroßvater bei Lebzeiten als ein Mann galt, dem die Verrichtung eines Wunders eben nicht sckwer war. Er berechtigte zu diesem Glauben nicht nur durch seine außerordentliche talmudische Gelehrsamkeit, sondern auch durch seine Frömmigkeit. Er lebte nur im Umgänge mit Jehova und war in irdischen Dingen unerfahrener als ein Knabe. Solche Männer standen bei den Juden in Ruf, Wunder verrichten zu können. Was sollte auch einem Manne unmöglich sein, der einen ununterbrochenen Verkehr mit dem Himmel pflegt? Es hieß auch von ihm, daß er durch kabbalistische Berechnung das Jahr bestimmt habe, in welchem der Messias erscheinen würde, und es gab Leute genug, die diese Berechnung für unfehlbar hielten und aus die Ankunft des so heiß Ersehnten in der vorausverkündeten Zeit sicher zahlten. Der Wunderglaube war damals unter den Juden noch sehr lebhaft, und viele Gelehrte waren als Wunverthater bekannt. Ein solcher Wundermann hieß „Bal schem", d. h. ein Mann, der durch kabbalistische Künste das Unmögliche möglich machen konnte. Man wandte sich an sie in schweren Nöthen, besonders in Krankheitsfällen. Ich erinnere mich noch, daß ich in meiner frühesten Jugend von einem heftigen Wechselfieber ersaßt wurde, von dem mich kein Arzt zu befreien wußte. Eines Tages reichte man mir bittere Mandeln, aus welchen sich allerlei mit Tinte geschriebene hebräische Buchstaben befanden. Ich mußte eine Anzahl dieser Mandeln verschlucken. Nach einigen Tagen war ich, der Himmel weiß durch welchen Umstand, wieder hergestellt, und man schrieb natürlich diesen mysteriösen Mandeln meine Genesung zu. Wer hat noch die Grenzlinien zwischen dem Glauben und dem Aberglauben gezogen? Wer weiß, wo jener in diesen übergeht? Die Leidenschaft hat ihre Räthsel, die kein Denker aufzulösen vermag. — Ich habe soeben von dem Tode meines Urgroßvaters gesprochen. Sanft und ergeben wie ihn, sah ich später viele Juden sterben. Diese Leute fürchteten die Todesstunde nicht, da sie sich auf dieselbe ihr ganzes Leben hindurch vorbereiteten. Sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatten, legten sie die Gewänder bereit, in denen sie begraben werden sollten. Biele Frauen nährten ihre Leichenhemden selbst und verwahrten sie sorgfältig wie einen Ballanzug. Die Juden suchten den Tod nicht. Sie vermieden jede Lebensgefahr, wenn sie nicht durch religiöse Gründe veranlaßt wurden, sich einer solchen auszusetzen. Ein Selbstmord gehörte unter den damaligen Juden zu den unerhörten Dingen und wurde als ein gräßliches Vergehen betrachtet. Aber wenn der Tod, oder wie er bei ihnen hieß: Der Todesengel, sich einstellte, schreckten sie nicht zurück, sondern lieferten sich ihm mit Dankgebeten in die Hände. Wenn ihnen der Tod ein Familien-

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