Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1876)
- Date
- 1876-02-15
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 I e II i l Mein Urgroßvater. (S ch l u ß.» Meine früheste Jugend fällt in sein hohes Greisenalter. Er ging nur höchst selten aus und verbrachte die Tage und einen Theil der Nacht in seinem großen ledernen Armsessel, der mir zwei Ungeheuern dick ausgepolsterten Wangen versehen war, an denen es sich trefflich schlummern ließ. Er empfing indessen, besonders an Festtagen, zahlreiche Besuche von den Mitgliedern seiner Familie, von den Honoratioren der Gemeinde und von seinen vielen Schülern. Das lustigste Fest war das Purimsest, zur Erinnerung an den Untergang res Judenfeindes Haman. Wie man aus der Bibel weiß, senden sich die Juden am Purim gegenseitig Geschenke zu. Dieselben bestehen aus köstlichen Backwerken, Weinen, Liquoren und Früchten. Mein Urgroßvater wurde natürlich mit solchen Gaben von allen Seiten sehr reichlich bedacht. Die eingesendeten Leckereien wurden aus eine lange Tafel malerisch ausgestellt, und die zahlreichen Gäste, die sich am Abend dieses lustigen Festes einfanden, griffen unter heitern Gesprächen wacker zu, am wackersten meines Urgroßvaters Schüler, denen nicht jeder Tag solche Herrlichkeiten bescheerte. Als Canvidaten der Theologie hatten sie einen starken Appetit, der selten auf eine so üppige Weise befriedigt wurde. Sie aßen jeden Tag der Woche in einem andern Hause, was indessen nicht demüthigend für sie war. Sie hatten vielmehr ein Recht an der Gastfreundschast der wohlhabenden Gemeindemitglieder, denen die Pflicht oblag, wenigstens einmal wöchentlich einen Talmudschüler bei Tische zu haben. Es gab indessen sehr viel Juden, die täglich einen, ja selbst mehrere dieser jungen Leute beköstigten. Dieselben glichen den fahrenden Scolaren des Mittelalters. Sie suchten die Städte aus, wo ein berühmter Rabbi an der Spitze einer Talmuvschule stand; für ihren Unterhalt wurde dann immer pflichtschuldigst gesorgt. Wer sich aber unter ihnen durch Talent besonders hervorthat, war sicher, einen mehr oder minder glänzenden Hausstand gründen zu können. Die reichen Juden rechneten es sich zur Ehre an, einen jungen ausgezeichneten Talmudisten zum Schwiegersohn zu haben. Er wurde als Zierde der Familie betrachtet und konnte vor Nahrungssorgen geschützt seinem Studium obliegen. Erhielt er dann einen Ruf als Rabbiner in irgend eine Gemeinde, so wurden die entferntesten Mitglieder seiner Sippe mit Stolz erfüllt. Bloßer Reichlhum verlieh den Juden damaliger Zeit kein Ansehen; ja, der unwissende jüdische Millionär wurde von dem armen Gelehrten mit einem gewissen verächtlichen Mitleiden behandelt, wenn er seinen Reichthum nicht zu wohlthätigen gemeinnützigen Zwecken verwendete. Der junge Scolar unterließ auch nichts, sich bemerkbar zu machen. An Sonnabenden, wo es Sitte war, beim Nachtisch aus eine geistvolle heitere Weise, gewisse Stellen der heiligen Schrift durch t c t o n. Belege aus dem Talmud und den Midraschim zu erklären, konnte der junge Mann seinen Scharfsinn, seinen Witz und seine Kenntnisse an den Tag legen, und er war der Bewunderung der Taselgenoffen sicher, wenn er sich bei Vieser Gelegenheit auszeichnete. Mein Urgroßvater lieble seine Schüler, wie ein Vater seine Kinder liebt; aber er verlangte von ihnen nicht nur ein unausgesetztes, sondern auch ein ausschließliches Studium des Talmuds. In seiner frommen Beschränktheit, in seiner Unwissenheit aller Dinge, die außerhalb seines eng umschriebenen Kreises lagen, hielt er den Talmud für den Inbegriff alles menschlichen Wissens. So oft man ihm von der Nothwenvigkeir sprach, daß seine Schüler sich auch in anderen Zweigen der Wissenschaft, in Grammatik, in Geographie und Weltgeschichte unterrichten, ries er nicht ohne Heftigkeit: „Solche Dinge führen von den Wegen Gottes ab und sind außerdem völlig unnütz; denn wer den Talmud versteht, dem ist keine Wissenschaft verborgen." Als man ihm eines Tages meldete, die jüdischen Schullehrer würden künftig die deutsche Grammatik lernen und sich einem Examen unterwerfen müssen, ries er, daß er dies nimmermehr zugeben würde. „Aber Rabbi," bemerkte einer seiner Schüler, „die Regierung verlangt es." „Die Regierung?" rief er, „Was geht mich die Regierung an? Wenn sie solche unsinnige Dinge verlangt, muß man sie absetzen." Für ihn, wie für so viel andere Juden, die ihre ganze Thätigkeir dem Trlmudstudium widmeten, war das wirkliche Leben mit seinen materiellen Forderungen, mit seinen Wünschen, Hoffnungen und Befürchtungen nichts als eitel Schein und der Beachtung nicht werth. Er kannte die babylonischen Städte Nahardea, Sura, Pumbedita, die Hochschulen des Talmuds, viel besser als seine Vaterstadt. Wo der Talmud aushörte, hörte für ihn die Welt aus. Der fromme Mann hatte manche Eigenheiten. Ich erinnere mich besonders folgender. Er legte sich nicht zu Bette, wie andere Menschenkinder, sondern stand, sobald er daffelbe bestiegen, einige Sekunden aufrecht und warf sich dann mit solcher Gewalt nieder, daß ich jedesmal befürchtete, er würde sich an der Bettlehne den Kops einschlagen. Ich konnte mir diese absonderliche Gewohnheit nicht erklären, eben so wenig wie die anderen Mitglieder seiner Familie. Man wagte aber nicht, ihn darüber zu befragen und war überzeugt, daß der heilige Mann gewiß seine Gründe habe, sich nicht wie gewöhnliche Sterbliche zu Bette zu legen. Eines Tages wurde ich während der Unterrichtsstunden aus der Schule geholt. Ich schloß, daß etwas sehr wichtiges vorgefallen sein müßte und srug die Magd, die mich nach Hause führte, nach der Ursache dieser Unterbrechung meines Unterrichts. Sie