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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-15 · Heft 7 (15.2.1876) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 7 (15.2.1876)
Date
1876-02-15
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Gegen dieses Uriheil appellirte wiederum der Vertreter des Geklagten au veu obersten Gerichtshof, welcher jedoch über Referat des Herrn v. Ferenczy daS obige Uriheil der konigl. Tafel aus den vorgebrachteu Motiven bestätigte. Die Chalizah - Ceremonie, welche, insolange das interne jüdische Eherecht Geltung besitzt, sehr häufig vorzukommen pstegt, ist somit durch die obersten Instanzen gewiffermaßen sichergestellt worden. Italien. Leuedig, 1. Februar. Wie wir bereits S. 829 v. I. berichtet haben, ist am 13. November der Oberrabbiner Abraham Lottes allhier verstorben, zur großen Trauer seiner Gemeinde. Wir geben hier einige biographische Notizen über ihn, die wir den Arch. isr. entnehmen. Er war geboren zu Savigliano in Piemont 1809. Einige Jahre seiner Jugend brachte er bei seinem Großvater, Elias Ahron Lattes, Oberrabbiner zu Venedig, zu. Als 1829 das Rabbiner-Seminar zu Padua gegründet ward, gehörte er zu den ersten Schülern dieses Instituts. Fünfundzwanzig Jahre alt erlangte er die Rabbinerwürde, und in seinem dreißigsten Jahre folgte er seinem Großvater im Rabbinat von Venedig. Er entwickelte eine große Thätigkeit, die besonders erfolgreich auf das Schulwesen gerichtet war, namentlich zur Erziehung der Töchter, die damals noch sehr vernachlässigt war; er gründete einen philotechnischen Verein zur Unterstützung von Handwerkern durch zinslose Darlehen; er reorganisirte den Verein zur Unterstützung von Handwerkslehrlingen, und errichtete ein Arbeitshaus. Er war die Seele des Armenwesens seiner Gemeinde. Ganz besonders im Jahre 1849 während der Belagerung Venedigs durch die Oesterreicher entfaltete Lattes die ganze Festigkeit seines Charakters. Die Cholera und der Hunger herrschten in der Stadt; Lattes war Mitglied der Commission für Gesundheitspflege und unermüdlich, das große Elend nach Kräften zu mildern. Seine Wohnung befand sich in dem ehemaligen Ghetto an einem, dem Bombardement besonders ausgesetzten Platze. Vergebens bat man ihn eine andere anzunehmen : er verweigerte dies, weil er sich dort in rer Mitte derer befände, die seiner Hülfe am meisten bedürften. Obgleich er literarisch nicht hervorgetreten, war er doch wiffenschaftlichen Studien sehr ergeben. Auf dem wiffenschaftlichen Congreß zu Venedig von 1848 nahm er eine sehr geachtete Stelle ein, und trat besonders mit großem Erfolge zur Vertheidigung der Israeliten auf. Sein ältester Sohn ist seit mehreren Jahren Profeffor der griechischen und römischen Alterrhümer an der wiffenschaftlichen Akademie zu Mailand; sein jüngster Sohn, ebenfalls Zögling der Paduaer Schule, ist bereits graduirter Rabbiner. In seinem Testamente verbat er sich allen Pomp bei seiner Bestattung, und bestimmte das dafür aufzuweudende Geld für die Armen, die er auch anderweitig bedachte. Rumänien. Bukarest, im Januar. Gegenüber den lebhaften Vorwürfen, welche die Rumänen den Israeliten wegen Unzuverlässigkeit im Handelsverkehr zu machen pflegen, ist es wohl der Mühe werth hervorzuheben, daß bei der finanziellen Krise, die auch auf diesem Lande schwer lastet, kein einziges der alten israelitischen Häuser seinen Verpflichwngen ungetreu geworden ist. Dagegen hat z. B. der christliche Bankier Nikolaus Christo mit Passivis im Betrage von vier Millionen Francs Bankerott gemacht. Amerika. Cinciuuati, 11. Januar. (Privatmitth.) Gestern fand hier eine Sitzung des Executivcomitss der Vereinigung israelitisch-amerikanischer Gemeinden statt. Man muß dem Comitö wegen seiner unverdroffenen Mühewaltung und Thätigkeit den lebhaftesten Beifall zollen, zumal in Betreff des jüdisch-theologischen Seminars oder „College", wie man das hier zu Lande nennt. Ich will nur vorweg erwähnen, daß die Zahl der Gemeinden, welche der Union beigetreten sind, stetig wächst, aber freilich recht langsam für die westlichen Zwecke des Bundes; und daß die Caffe des letztern seit der jüngsten Zusammenkunft des Comitös 11,610 Dollars an Geschenken erhalten hat, darunter 10,000 Dollars von einem edelmüthigen Schenker, Henry Adler, der recht viele Nachfolger finden möge. Was nun die hauptsächlichste Schöpfung des Gemeinvebundes, das jüdisch-theologische Seminar, betrifft, so ist die Eröffnung deffelben bekanntlich schon vor mehreren Monaten erfolgt, obwohl die Zeichnungen für daffelbe nur erst 64,000 Dollars bettagen, während man die dafür nöthige Summe auf 300,000 Dollars anschlägt. Es bleibt also noch viel zu thun übrig. Wahr ist allerdings, daß außerdem an jährlichen Beiträgen 1000 Dollars, also entsprechend etwa einem Capital von weitern 20,000 Dollars, gezeichnet sind. Die Zahl der geeigneten Aspiranten zum Besuche des Seminars ist nicht gering, wenn auch eine Menge von ihnen nicht im Stande ist, ihren Unterhalt völlig selbst zu bezahlen. Aber mit ehrendem Muthe und Vertrauen auf den Beistand Gottes und die Milcthätigkeit der Israeliten hat das Comitö den Director des Seminars bevollmächtigt, so viele auch unbemittelte junge Leute aufzunehmen, wie er für geeignet und hinreichend vorbereitet hält. Möge diese Zuversicht nicht getäuscht werden und Gottes Segen einem Werke erhalten bleiben, das für die Zukunft des Judenthums in unserm Erdtheil von der größten Wichtigkeit ist.

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