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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-08 · Heft 6 (8.2.1876) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 6 (8.2.1876)
Date
1876-02-08
Page
Seite 91 (sequence 11)
Language
German
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91 » » Stimme, Der sich das Ohr gern hingab. Weltlichen Dingen wivmete er kaum eine Stunde des Tages. Er verbrachte die Tage und einen großen Theil der Nacht mit Gebeten und mit dem Studium des Talmuds. In diesem war er denn auch wie Wenige bewandert, und er wußte die schwierigsten Stellen desselben mit solch seltenem Scharfsinn zu deuten, daß er von feinen berühmtesten Zeitgenossen mit dem Beinamen Chereb chadda (scharffchneidiges Schwert» beehrt ward. Man nannte ihn auch Jad Hachasaka (die starke Hand) nach dem Titel eines Folianten, den er verfaßt hatte. Er stand als Rabbiner an der Spitze der Gemeinde und man begegnete ihm mit der größten Ehrfurcht. Selbst seine Frau duzte ihn nicht und rief ihn auch niemals bei seinem Namen. Sie nannte ihn Rabbi und erlaubte sich ihm gegenüber nicht die allergeringste Vertraulichkeit. Sie hieß Judith und war seine Gattin. So sehr verloren war er in seinen Studien, daß er kaum einige Worte mit ihr wechselte. Als man einst mit ihm von ihr sprach, schien er sich nicht zu besinnen, daß er aus dem Wittwenstande getreten und man mußte ihn erst erinnern, daß er sich zum zweiten Male verheirathet habe. Er war stets von einer Schülerschaar umgeben, die er zum Theil in seinem Hause unentgeldlich beherbergte. Mehrere von ihnen sind berühmte Talmudisten geworden. Mich als das älteste männliche Enkelkind liebte er sehr, um so mehr als ich bereits im sechsten Jahre Len Talmud zu studiren begann und wie es schien ziemlich viel versprach. Ich wurde daher von ihm sehr verhätschelt. Eines Tages, als mein Großvater, sein Sohn, mich in seiner Gegenwart wegen einer begangenen Unart schalt, fuhr er ihn mit den Worten an: „Dummer Junge, quäle das Kind nicht!" Mein Großvater beugte das Haupt und ging schweigend davon. Ich habe diese Scene nicht vergessen, und die Demuth, mit der mein Großvater, dessen Haar auch schon ergraut war, die Zurechtweisung hinnahm, rang mir die lebhafteste Hochachtung ab. Mein Urgroßvater konnte sehr heftig werden, aber nur wenn es sich um höhere Dinge handelte. Seine Heftigkeit veranlaßte einst einen Auftritt, der viel von sich reden machte. An Sonnabenden und Feiertagen fanden nämlich in rer Synagoge öffentliche Disputationen über schwierige Talmudstellen statt. Diese Disputationen, Pilpul genannt, interessirten besonders den gelehrten Theil der Gemeinde, während die Ungelehrten und die Frauen andächtig zuhörten, ohne das Allergeringste von der Sache zu verstehen. So oft ein berühmter auswärtiger Talmudist meine Vaterstadt besuchte, unterließ er es nicht, in der Synagoge eine 1 )__ Es war Lies unter den mehrfachen hebräischen Autoren, welche Kalischer hießen, Joh. Löw Kalischer, ressen NP77777 -p 1S20 in Breslau erschien und Verhandlungen über die gesetzlichen Bestimmungen von der Usucapio enthielt. Redaction. Gastrolle zu geben und sein Licht leuchten zu lassen. Um nun vor einer großen Gemeinde, wie die meiner Vaterstadt war. einen Pilpul zu wagen, mußte man ein wahrer Virtuos und als solcher bekannt sein. Der Rabbi, der ein solches Wagstück unternahm, stieg die Stufen hinan, die zu dem Allerheiligsren führten, und begann vor demselben unter der gespanntesten Erwartung und der andächtigsten Sammlung der Gemeinde seine casuistisch-dialectischen Sprünge. Jevem stand das Recht zu. den Redner zu unterbrechen und mit ihm zu disputiren; es versieht sich indessen von selbst, daß nur sehr Wenige den Muth hatten, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Es war nun an einem Feiertag, als ein sehr berühmter fremder Rabbiner vor dem goldgestickten Vorhänge des Allerheiligsten seine These begann. Mein Urgroßvater, als größter Würreträger der Gemeinde, hatte seinen Platz dicht an den Stufen, die zum Allerheiligsten führten. Kaum hatte nun der Rabbiner fünf Minuten gesprochen, als mein Urgroßvater ihn unterbricht. Jener bleibt die Antwort nicht schuldig und der Disput wird immer heißglühender, bis endlich mein Urgroßvater, in der Ueberzeugung, daß sein Gegner falsche Behauptungen aufstelle und von heiligem Eifer forrgerissen, einen Schuh vom Fuße nimmt und ihn nach dem unglücklichen Rabbi schleudert. Man kann sich die Bestürzung der Gemeinde, die Bestürzung des Rabbi denken, an dem das Gastrecht so bitter verletzt worden. Niemand aber war bestürzter als mein Urgroßvater, und ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, eilte er die Stufen hinan, reichte dem Rabbiner die Hand, klagte sich so laut, daß die ganze Versammlung es deutlich vernehmen konnte, der eben begangenen Mißhandlung an und bat den Beleidigten zerknirscht um Verzeihung, indem er zu seiner Entschuldigung versicherte, es habe sich in diesen Streit nichts Persönliches gemischt. Der Beleidigte ließ ihn kaum ausreden, erklärte laut seine unbegrenzte Verehrung vor der Gelehrsamkeit, der Frömmigkeit meines Urgroßvaters, indem er ihn die Zierde seines Zeitalters nannte. Mein Urgroßvater begab sich wieder auf seinen Platz. Die Disputation wurde mit außerordentlicher Lebhaftigkeit fortgesetzt, und noch an demselben Tage speiste der Rabbi am Tische meines Urgroßvaters. — (Schluß folgt.) Vermischtes. In dem, den Regierungsbeamten vorbehaltenen Zimmer in der City-Hall in New-Port steht eine Statue Thomas Jefferfon's, welche folgende Inschrift trägt: „Der Corporation der Stadt New-Aork geschenkt von dem Lieutenant U. P. Levy, von der Flotte der Ber. Staaten, den 6. Februar 1834." Commandant Levy war ein tapferer Ossicier, der sich zugleich durch reiche Spenden an viele wohlthätige Anstalten auszeichnete, und dessen Herz vom edelsten Patriotismus erglühte.

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