Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1876)
- Date
- 1876-02-08
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
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92 Es ist erfahrungsmäßig, zugleich aber charakteristisch, daß von Len Schmähschriften auf die Juden die meisten Exemplare von den Juden selbst gekauft werden, eine Vergünstigung, deren sich die Schriften zu ihrer Berlheivigung und zur Abwehr jener nicht zu erfteuen haben. Das christliche Publikum kümmert sich wenig um die einen wie um die anderen, und giebt kein Geld dafür aus. Dies wissen .auch die Ultramontanen und suchen daher ihre Pamphlete möglichst gratis unter das katholische Volk zu verbreiten, wiederum ein Vortheil, der den Gegenschriften abgeht. Wir haben es öfter erfahren, daß, wenn eine recht heftige Schmähschrift erschienen war, zehn Glaubensgenoffen uns fragten: „Haben Sie diese Schanvschrift schon gelesen? Wird dagegen nicht etwas geschehen?" Kein Einziger wußte nur davon, daß bereits eine oder mehrere Widerlegungen erschienen waren. Es ist dies immerhin erklärlich, aber gescheidt ist es nicht. Daß unsre Zeit an Humanität und sittlicher Bildung den vergangenen Jahrhunderten weit voranstehr, kann keinem Zweifel unterworfen sein. Auch ist es gewiß, daß die Freigebigkeit für gemeinnützige und wohlthätige Anstalten und Stiftungen eine viel reichere und allgemeinere geworden ist. Dahingegen kann es dem Beobachter nicht entgehen, daß die persönliche, unmittelbare Wohlthatigkeit, ausgeübt von Person zu Person, überaus nachgelassen hat. Kein Buch der Welt enthält hierüber rührendere und feinere Beispiele als der Talmud, der sie so erzählt, daß man daraus erkennt, wie diese Art von Wohlthätigkeir allgemein verbreitet war, und daß sie nur dann eben hervorgehoben ward, wenn sie mit einigen besonderen Umständen verbunden war. Heben wir heute als ein solches Beispiel nur Folgendes hervor, das in Derech-Erez erzählt wird. Rabbi Hillel der Alte hatte einen Freund zu Tische geladen und seiner Frau davon KennMiß gegeben. Als sie nach seinem Hause gekommen und sich zu Tische gesetzt, warteten sie Stunden lang auf das Aufträgen der Speisen. Sie unterhielten sich unterdeß über Gegenstände der Gelehrsamkeit. Endlich erschien die Frau mit den Speisen. „Warum hast Du so lange gezögert?" fragte R. Hillel ruhig seine Gattin. Sie antwortete: „Ich war zur rechten Zeit mit dem Mahle fertig. Da kam ein armer Mann und sprach mich an: er feiere heute seine Hochzeit, habe aber keine Speisen zum Hochzeitsmahl. Da gab ich ihm die fertigen Speisen, und fing von Neuem an, solche sür Euch zu bereiten." Da erwiederte ihr Hillel mit leuchtenden Augen: „Du bist ein braves und gottesfürchtiges Weib und hast recht gethan!" Schilderung eines Ereigniffes, das in der Zeit vor der Geburt des Verfassers vor sich gegangen, und an welchem seine eigene Familie betheiligt war. Er betitelt sie: „Aus dem jüdischen Familienleben". Allerdings ist es kein Bild auS der Vorzeit, denn die deutschen Freiheitskriege waren einige Jahre vorher beendet, und der Schauplatz lag in dem wiederaufgerichteten Kursürstenthum Hessen. Ein jüdischer Verbrecher, der Schmuggel und Hehlerei getrieben, und sein heldenmüthiges Weib, das durch seine aufopfernde Treue das Schlimmste von seinem hartbetroffenen Manne abwendet, bilden den eigentlichen Gegenstand der Erzählung. Wir hätten hiergegen durchaus nichts einzuwenden; aber die Darstellung ließ uns in manchen Punkten unbefriedigt. Wir halten es nicht für opportun, gegenwärtig in einem so überaus weitverbreiteten Blatte den jüdischen Jargon, das Mauscheln und die vielen hebräischen oder hebraisirenden Ausdrücke im Bewußtsein der Leser wieder hervorzurusen, während die Mehrheit der deutschen Jugend ihn abgelegt und größtentheils vergeffen hat, und der übrige Theil ihn abzulegen sich bemüht, so daß die meisten jüdischen Leser, so gut wie die christlichen, der Erklärung bedürfen, die der der Berfasier in Paranthese giebt. Zweierlei wollen wir beiläufig bemerken. Zuerst, daß der Verfasser mit dem Ausdruck „heilig", auf Menschen bezogen, viel zu viel um sich wirst. Dies ist nicht jüdisch. Alsdann macht der Berfasier einen Schnitzer, der nicht sehr für seine Bibelfestigkeit zeugt. Er sagt: „Ich weiß nicht, wie es historisch zu begründen ist. daß wir Juden für die Mahlzeit am Freitagabend, als am „Eingang des Sabbaths", ein Fischgericht für unerläßlich halten. Die Bibel zählt unter den nationalen Lieblingsspeisen nur die Zwiebeln und den Knoblauch auf." Wenn der Berfasier 4 Mos. 11, 5 kannte, so hätte er gewußt, daß daselbst gerade die Fische vor der Zwiebel und dem Knoblauch aufgeführt sind. Es heißt daselbst: „Wir gedenken der Fische, die wir in Mizrojim umsonst aßen, der Gurken und der Melonen und des Lauchs und der Zwiebeln und des Knoblauchs." Wir fordern von Herrn Mosenthal nicht, daß er bibelfest sei; wenn aber Jemand etwas aus der Bibel citirt, so muß er den betreffenden Gegenstand genau kennen, noch dazu, wenn man sonst dadurch nur ein Vorurtheil gegen die Juden bestärkt. Noch weniger verlangen wir von ihm, daß er sich des Reftains in dem alten Sabbathliede für den Freitagabend erinnere: jrwsro a:snnb .-arm vbiri D’naia Sonst würde er wohl auch nicht auf Petri Fischzug gekommen sein'.l) 1) Wenn Räbboth 13 b. anekdotisch erzählt wird, wie ein Mann durch Fischessen einen Tag „ehren" will, so geschieht dies dort mit Bezug aus den Rüsttag des Bersohnnngstages. In Nr. 2 der „Gartenlaube" l. I. giebt Herr S. Mofenthal, der Dichter der „Debora" und vieler anderer Dramen die