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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-08 · Heft 6 (8.2.1876) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 6 (8.2.1876)
Date
1876-02-08
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 als Missionär gewirkt habe. Es ist jetzt durchaus nicht unsere! seine Collegen zu beneiden, sondern stets bereit, mit allen ihm Absicht darauf einzugehen, ob diese Anklage eine begründete oder i zu Gebote stehenden Mitteln das Wohl derselben zu fördern, unbegründele ist; die Gemeinde des Herrn Meyer hat die Sachen Ihn hat hier nur der reinste Eifer für die Ehre des Jureneinem Comitv überwiesen, das seiner Zeit darüber berichten wird, j thums geleitet. Wozu sollte Herr Szold auch einen Collegen Es ist uns bloß darum zu thun, einem alten Freund und Col-; beneiden? Seine Gemeinde ist die größte und wohlhabendste legen Gerechtigkeit widerfahren zu lasten. Wie wir Herrn vr.! unter den hiesigen Gemeinden, seine Besoldung höher als die Szold seit Jahren kennen, ist er nicht nur weil davon entfernt,!der anderen hiesigen Rabbiner. Hochheimer. Feuilleton. Mein Urgroßvater. Herr Ludwig Kalisch gab im Jahre 1872 „Bilder aus meiner Knabenzeit (Leipzig. Keil 1872)" heraus, welche, abgesehen von dem schönen, flüssigen und correcien Style, manche intereffante Schilderung aus dem jüdischen Leben enthalten. Er hat nichts Merkwürdiges zu berichten, aber geboren 1814 in Polnisch Liffa, gehört die Knabenzeit des Berfasters in die Periode, wo auch in die Gemeinden des östlichen Deutschlands die Cultur mit Macht einzudringen begann. Bald daher gehörten Anschauungen und Sitten, die viele Jahrhunderte unverrückt und unangetastet bestanden , zu den immer mehr verblaffenden Bildern der Vergangenheit , und es ist daher gerade Männern, welche der angeführten Zeit entstammten, gegeben, der Nachwelt ein getreues Gemälde von jenen zu hinterlasten, bevor die Gestalten und Lebensformen eines früheren Geschlechts sich gänzlich aus dem Bewußtsein verloren haben. Eines der anziehendsten Bilder des Herrn Kalisch ist das erste: „Mein Urgroßvater", das wir hier wievergeben wollen. Zuvor möchten wir uns noch eine Bemerkung gestatten, die sich uns in den letzten Jahren wiederholt aufgedrängt hat. Es stellt sich nämlich häufig ein sehr fühlbarer Unterschied zwischen deutschen und österreichischen Juden heraus, sobald sie die Sitten und Ansichten schildern, welche die Juden in der ihnen auferlegten Aus- und Abschließung so lange Zeiten hindurch gehegt haben. Die deutschen Schilverer gehen mit echter Pietät an ihr Werk; sie verschweigen nicht die Schwachen und dunkeln Seiten, aber sie wissen doch die sittliche Größe und das religiöse Feuer zu würdigen, die unter der dichten und sonderbar geformten Schale als echter Kern ruheten. Man lese nur die Erzählungen von Bernstein und die belletristen Schriften von Phöbus Philippson. Bei den österreichischen Autoren fast immer das Gegentheil. Ein bitterer Hohn, scharfe Satyre verbindet sich mit Schilderungen sittlicher Verkommenheit, Heuchelei und des verfolgungssüchtigen Zelotismus. Es versteht sich, daß wir den liebenswürdigen Kompert vollständig ausnehmen, der mit einer gewissen Elaste von Feuilletonisten in Wien nichts gemein hat. Der Grund mag darin liegen, daß die Orthodoxie in Deutschland im Allgemeinen naiv, edel und der Bildung zugänglich war, so daß schwere Conflicte nur selten entsprangen, wahrend sie in den östlichen Provinzen des Kaiserstaates in einem hohen Grave bigott und fanatisch ist, so daß die gedachten Literaten persönlich allzuviel von ihr gelitten, um nicht eine gewisse Gehässigkeit in der Seele mit davongetragen zu haben. Den jüdischen Jünglingen in den deutschen Ländern ist es gar nicht so überaus schwer geworden, sich den Quellen der Bildung zu nähern und daraus zu schöpfen. Waren sie arm, und das war freilich die Mehrzahl, nun, so hatten sie eben eine Schwierigkeit zu überwinden, wie die Armuth sie noch heute dem Strebsamen entgegenwirft; nur daß gegenwärtig der arme jüdische Student vielmehr Unterstützung findet, als sich ihm früher darbot. Der deutsche Jude sah deshalb aus dem Boden der älteren Orthodoxie die trefflichsten und kräftigsten Schößlinge der Cultur aussprießen, ohne daß es mehr als die stillen innern Kämpfe des Geistes kostete. Ganz anders liegt es noch heute für jüdische Jünglinge aus Galizien und einem Theile Ungarns: sie sehen jüdische Orthodoxie und europäische Bildung in einem heftigen Streite begriffen, der eine ungezählte Schaar von Jünglingen den Weg zum allgemeinen Culturleben entweder vollständig verlegt oder dermaßen schwierig macht, daß die beste Kraft und Geistesblüthe darüber verloren geht. Es ist da sehr zu beklagen, aber nicht zu verwundern, daß mancher dieser Männer, wenigstens bei Gelegenheit, einen Ausfall gegen diejenigen unternimmt, welche früher seine Gegner waren, und sich an ihnen rächt, wozu es ihm an Stoff nicht fehlt. Wir freuen uns daher, auch in Ludwig Kalisch einen Sittenmaler zu begrüßen, der für seinen Pinsel ebenso von der Pallette der Wahrheit seine Farben entlehnt, wie von der der sittlichen Würde und des ftommen Sinnes, wie es sich für die Erinnerungen aus vergangener Zeit geziemt. Mein Urgroßvater. Ich meine, ich sehe ihn noch vor mir in seiner hohen ehrwürdigen Gestalt. Er trug einen Talar von weißem Seidendamast. Dieses Gewand, das ihm bis an die Füße reichte, war vorn mit silbernen Krampen geschloffen. Der schneeweiße Bart floß ihm über die Brust, und die schwarze, etwas nach hinten geschobene Sammtkappe ließ die breitgewölbte Stirne in ihrer ganzen Pracht erscheinen. Unter den buschigen Brauen blitzte ein schwarzes, feuriges Auge. Er hatte eine kräftige, wohltönende

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