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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-01 · Heft 5 (1.2.1876) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 5 (1.2.1876)
Date
1876-02-01
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
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76 Verfügung haben, ohne daß einer der zahlreichen Versuche, als des Gegenstandes völlig würdig und ihn meisterhaft erschöpfend, angesehen werden könnte. Sehe ich aus naheliegenden Gründen von den drei Dramen des Redacteurs dieses Blattes „Esterka", „Jajachin" und „Tie Entthronten" ab, von denen das erste ein Bild aus dem Mittelalter ausstellt, die beiden anderen in Ancinanderschluß die erste Catastrophe von Jerusalem, was vorausgegangen und was nachgefolgt, behandeln: so sind es insonders zwei Dramen, welche der Aufmerksamkeit noch immer Werth gehalten werden, ich meine „Uriel Akosta" von Gutzkow und „Deborah" von Mosenthal. Niemand wird dem ersteren große poetische Schönheiten absprechen und eine bleibende Stellung in der deutschen dramatischen Literatur versagen. Kühn ist der Gegenstand aus rem dramatischen Gesichtspunkte zu nennen: der Dichter will zeigen, wie der Zweifler selbst in dem geschloffenen Lager der jüdischen Orthodoxie auswuchs, und wie diese sich gegen ihn verhielt. Aber trotz ces intereffanten Gegenstandes und vielfacher Schönheiten im Einzelnen ist das Ganze als Kunstwerk verfehlt, da es die Lösung des Knotens in einem zufälligen Ereigniß findet und sich selbst nur durch die Einführung des jungen Spinoza, also durch eine Anweisung auf die Zukunft, rettet. Dem anderen erwähnten Drama können wir, obschon es noch dann und wann die Bühne passirt, keine Zukunft verheißen. Es ist kein wahrhaft jüdisches Leben darin, und fand sein Publicum nur durch Effecthascherei vermittelst Uebertreibungen in Situation und Leidenschaft. Jndeß in allen den Stücken, deren wir erwähnten, ist doch noch dramatischer Beruf und mehr oder weniger Kunst vorhanden. Vor einigen Monaten erhielten wir aber eine Piece, deren wir aus Schonung für den sonst geachteten Verfaffer nicht weiter erwähnen wollen. Sie behandelte die Geschichte Esthers, aber in solcher Geschmacklosigkeit, sowohl was die Scenen, während derer die Schauspieler nicht aus dem Niederknien vor Ahrsveros herauskamen, und dieser selbst nicht aus dem Schreien, Toben und Köpfen, als auch in den Versen in der ganzen Ausdrucksweise. Dies ist nun glücklicher Weise von dem eben erschienenen Drama: „Aben Esra", Schauspiel in drei Auszügen von M. B. Leunau. Detmold, Meyer. 1875, nicht zu sagen. Es ist überall angemeffen gehalten, und der zweite Aufzug enthält einige schöne Stellen und glückliche Aussprüche — worunter ich jedoch den langen Monolog Juda's nicht zähle. Jndeß fiel mir bei der Lesung des Ganzen die von Saphir erzählte Anekdote ein, der, als er zwei Manuscripte, das eine eines Trauerspiels, das andere eines Lustspiels, von einem jungen Dichter verfaßt, zu beurtheilen gebeten wurde, schließlich meinte: „Sie wären ganz gut, aber der Verfasser Härte vergeffen, aus die Titelblätter zu schreiben, welches das Trauer- und welches das Lustspiel sei." Denn der Verfasser des obigen Stückes hat sich offenbar in seinem Sujet vergriffen, das viel eher zu einem Lustals zu einem Schauspiel pafft. Denn ein Vater, der, da ihn feine Frau drängt, für ihre (noch dazu erst sechszehnjährige) Tochter einen Mann zu suchen, und nun schwört, der erste Mann, der die Schwelle seines Hauses überschreite, solle sein Schwiegersohn werden, und ein junger Mann, der, von der Tochter heimlich geliebt, vom Vater sehnlichst erwünscht, sich als Greis verkleidet einsührt, und als er dennoch erkannt wird, den Bart und die grauen Haare und das alte Gewand abwirft — diese bilden wahrlich keinen Gegenstand eines Schauspiels, sondern würden, richtig behandelt, treffliche Figuren in einem Lustspiele darbieten. Der Verfaffer wählte zu seiner Dichtung die drei erhabenen Gestalten unserer Literatur: Judah Halevi, Aben-Esra und Benjamin von Tudela; aber er verstand nicht einen einzigen derselben in voller Würdigkeit darzustellen. Der Leser weiß von Anfang an, daß Thamar, das einzige Kind Judah's, in Aben- Esra verliebt ist, und ebenso, daß Judah sich nach nichts mehr sehnt, als Aben-Esra, den er trotz deffen Jugend hochverehrt, zu sehen und in seinem Hause auszunehmen. Die Vermummung Aben-Esras, um Thamar aus die Probe zu stellen, erscheint ihm Daher sehr überflüssig, zwecklos, und da die Probe durch einen alten Mann sehr ungefährlich ist, lächerlich. Daß Judah trotz seiner Weisheitssprüche keine würdige Rolle spielt, wenn er seine Tochter dem ersten Besten, der in fein Haus eintritt, gelobt, haben wir schon erwähnt, und er verdient es gar nicht, daß dieser erste Beste ein Aben - Esra war. Benjamin von Tudela endlich, der sich in die maurische Zofe der Thamar verliebt, und sie trotz Religionsverschiedenheit, über welche selbst Judah — trotz seines Kasan — leicht hinweggeht, heirathet, hat diese Rolle zu spielen nicht verdient, abgesehen davon, daß diese letzte Scene sich erst hinterdrein abspielt, nachdem das Stück bereits in der Umarmung des eigentlichen Brautpaars seinen Abschluß gesunden hatte. Was die Sprache betrifft, so hat der Verfaffer dem fünffüßigen Jambus kein Leben einzustößen verstanden, und die Verse spielen sich in langweiliger Monotonie ab. Ich brauche dem Leser nicht erst zu sagen, wie gern ich vor ihm recht bald, jedoch mit großartigern Leistungen in der Hand, erscheinen mochte. Vermischtes. Man berichtet aus Wien vom 21. Januar: Gestern ist hier Herr Michael Neumann, Privatmann und gewesener Schnittwaarenhändler, im Alter von 104 Jahren gestorben. Neumann wurde zu Boskowitz in Mähren im Jahre 1771 als der Sohn jüdischer Eltern geboren. Er lebte 40 Jahre im Neutraer Comitat, 40 Jahre in Königsbrunn und verbrachte den Rest seiner Tage in Floridsdorf. Er war zweimal verheirathet und hinterläßt 11 Kinder und 69 Enkel und Urenkel.

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