Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1876)
- Date
- 1876-02-01
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
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75 jetzt 220 Jahre her, daß die erste Colonie Ihres Stammes und Ihrer Religion sich in der Stadt New-Iork niedergelaffen hat, und obgleich ihre Vermehrung in den ersten Zeiten nur langsam vor sich ging, ist sie jetzt bereits soweit angewachsen, daß sie nahe an 70,000 Seelen unter der Stadtbevölkerung zahlt. Aber nicht allein durch ihre Anzahl, ihre Thätigkeit und durch ihre Industrie zeichnet sie sich aus; sie ist hervorragend in allen Berufsarren, welche die Krast und die Ehre der kaufmännischen Metropole bilden; nützlich und aus guten Bürgern bestehend, allgemein als Muster der socialen und häuslichen Sittlichkeit geltend, voller Respect für ihre Eltern und voller Zärtlichkeit für ihre Kinder, ausgezeichnet in der ehelichen Treue und allen häuslichen Tugenden, zahlt sie reichlich dieser großen Gemeinde zurück, was diese ihr durch ihr Entgegenkommen und durch die Gleichheit der Rechte, die sie ihr vom Beginn an auf's liberalste gewährt. Ich glaube, daß dieser Stamm und diese Religion, verfolgt in allen Landern und zu allen Zeiten, in Amerika zum ersten Male die Gleichheit vor dem Gesetze gesunden haben und dieser große Staat von New-Aork, der fast 5,000,000 Einwohner zählt, hat ihnen zuerst die amerikanischen Bürgerrechte gewährt. Während dem Sie Ihren Antheil an den öffentlichen Lasten und Wohlthätigkeitsanstalten tragen, sorgen Sie noch außerdem für Ihre eigenen Armen. Diese Barmherzigkeit empfiehlt sich zur Nacheiferung für die ganze Bevölkerung. Ich habe außerdem erfahren, daß dies Werk nicht blos für eine einzige Nationalität oder eine Religionsgenoffenschaft begründet ist, sondern daß die Unterstützungen, die es gewährt, großmüthig unter alle Armen und Unglücklichen vertheilt werden, und daß mindestens 20 unter lOO der hier durch Ihre Liberalität vereinigten Gegenstände von Ihrem Stamme und Ihrer Religion fremden Gebern herrühren." Feuilleton. Neuere Dramen mit jüdischen Stoffen. Vom Oberrhein, im Januar. In der Gegenwart glaubt Jeder, der etwas zu schreiben versteht. Dreifaches zu können: eine Zeitschrift redigiren, einen Roman schreiben und ein Drama verfertigen. Es sind deshalb diese drei Professionen bei dem Publicum etwas in Verruf gekommen, da von der ungeheuren Masse, die darin jährlich producirt wird, doch nur äußerst wenige Erzeugnisse einen bleibenden Werth besitzen, ein dauerndes Verdienst sich erwerben. So werden jedes Jahr auch Hunderte von Dramen geschaffen, von denen einige Dutzend durch die Druckerschwärze zur Welt kommen — wir sagen nicht „in die Oeffentlichkeit", denn dies kann man bei den wenigen Exemplaren, die in die Hände einiger Personen gelangen, von ihnen nicht gut behaupten — von diesen Dutzenden haben zwei oder drei das Glück über die Bretter zu gehen, wo sie jedoch bald wieder verschwinden. Konnten doch die Preisrichter in Berlin aus den letzten Jahren keinem einzigen Drama den Preis zuerkevnen, selbst ohne allzu große Forderungen zu stellen. Wir meinen nun nicht, daß Heinrich Laube reibt habe, wenn er den Unterschied zwischen Bühnendramen und Buchdramen neuerdings aufgebracht und mit einer gewissen Verachtung gegen die letzteren betont hat. Wer will diesen Unterschied genau seststellen? Das Horazische Wort „Auch die Bücher haben ihr Schicksal" trifft ganz besonders bei der Aufführung dramatischer Dichtungen zu. Nicht wenige der bedeutendsten Dramen, z. B. Goethe's Faust, haben lange als Buchdramen existirt, ehe man sie zur Aufführung brachte, und viele der schönsten Dramen, deren Aufführung außer Mode gekommen, oder doch nur selten geworden, wie selbst die Schiller'schen und die meisten von Shakespear, wirken als Buchdramen von Geschlecht zu Geschlecht und in den entlegensten Ortschaften, wohin sich selbst der Fuß vagirender Schauspielerbanden nicht hinverirrt. Die Phantasie vermag eben auch die Bühne zu ersetzen. — Bei dieser Fülle dramatischer Production kann es nicht verwundern, wenn wir dann und wann auch solchen begegnen, welche jüdische Stoffe behandeln. Wir sehen natürlich von allen den sogenannten Lustspielen ab, in welchen ein Jude, gewöhnlich ein Banquier, in seiner Uebertreibung und Verzerrung als die komische Person aufgespielt wird. Bei dem Mangel pikanten Humors greifen die impotenten Dichterlinge zu diesem abgenutzten Auskunftsmittel, um die Lachlust wenigstens der Gallerie anzureizen. Bekanntlich haben wir Deutsche keine große Anlage zum Humor, besonders zum dramatischen Humor. Man hält sich daher an gewisse Personificationen, die immer wiederkehren. Früher war es der Hanswurst, dann kam der komische Bediente, der komische Alte, der deutsche Professor, und endlich der jüdische Banquier. Wenn diese Rollen bis zum Ueberdruß abgenutzt sein werden, wird man wohl wieder von vorne anfangen und schon aus historischem Interesse den Hanswurst erneuern. Auch die Tendenzstücke, wo, entweder nach Art des Shylok, die Juden als Vampyre, oder nach Art des „Juden von Cumberland" und „rer Juden" von Lessing als Opfer der Intoleranz — „Nathan der Weise" steht über allen Parteien und ist das Drama der Humanität — gezeichnet werden, sind von der Tagesordnung gestrichen. Die Dramen mit jüdischen Stoffen, die wir hier also im Auge haben, nehmen in Uebermaß biblische Sujets zum Inhalt, und da sind es wieder vorzugsweise die Catastrophe Saul's und der Kamps der Makkabäer, welche immer von Neuem bearbeitet werden, und schon eine ganz stattliche Reihe zu ihrer