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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-01 · Heft 5 (1.2.1876) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 5 (1.2.1876)
Date
1876-02-01
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
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74 die Augen zugedrückt, so verbreitet sich die Meinung unter den Juden, daß der Zuzug erlaubt sei, oder doch, daß er keine Hindernisse findet. Da erwacht in dem Gouverneur aus irgend einem bewußten oder unbewußten Motiv das polizeiliche Gewissen, und eines unglücklichen Tages ergeht der Befehl, daß alle Juden, die das Gesetz nicht für sich haben, und vorzüglich besitzen nur die größeren Kaufleute das Recht, die Stadt verlassen müssen. Welch' ein Jammer! Viele haben ihre wenigen Pfennige verwendet, sich hier, sei es auch auf's Dürftigste, einzurichten, viele haben sich einen kleinen Erwerb verschafft — nun sollen sie mit Einem Male all' dies wieder verlassen, und mit Weib und Kindern viele Hundert Werst, oft in rauhester Jahreszeit, wieder zurück in die erbärmliche Heimath, wo Erwerblosigkeit, Hunger und Siechthum ihrer warten! Und dies ohne sich eines Vergehens schuldig gemacht zu haben, nicht als eine Strafe für gesetzwidrige Handlungen, sondern nur weil sie dem Scheine einer momentanen Duldsamkeit getraut und sich innerhalb der Grenzen desselben Staates, unter dem Szepter desselben hochsinnigen Monarchen, unter den Flügeln derselben Staatsregierung eine Stätte für ihre Betriebsamkeit gesucht haben, die mühsam um ein Stückchen Brod für eine mehr oder minder zahlreiche Familie ringt! Ware es da nicht besser, daß die alte Strenge der Abschließung noch in voller Kraft bestände und die Barrieren zwischen den erlaubten und unerlaubten Provinzen noch völlig geschlossen wären? Denn wir müssen immer noch behaupten. Laß die Erleichterungen, die für Einzelne nach sehr beschränkten Kategorien gewährt werden, eine Wohlthat für Einzelne, aber keine für die Masse sind, in dieser vielmehr das Bewußtsein und Verlangen Lessen schärfen, was ihr noch chut, und was sie für ihr Heil anzusehen hätte. So lange die Massen der Juden in den westlichen Provinzen eingezwängt bleiben, noch dazu ohne das Recht, Ländereien zu erwerben, um Ackerbau zu treiben: so lange kann weder eine materielle, noch eine geistige Hebung und Besserung eintreten. Man wundert sich oft, daß der Chassidismus in dieser Bevölkerung so schnell um sich gegriffen, und sich immer weiter verbreitet, während doch die polnisch-jüdische Bevölkerung wegen des Scharfsinns in ihren Geistesanlagen bekannt ist. Aber nichts ist natürlicher. Bei einem so trostlosen Zustande der Gesammtheit, wo der Untergang sie Alle zu bedrohen scheint, da überläßt man sich leicht der Betäubung, dem geistigen Rausche und greift nach einem Rettungsanker, der dem Einzelnen in seiner einzelnen Bevrängniß Trost und Hülfe zu verheißen scheint. Letzteres thut die Wundergabe des Rebbe, und die erstere verbindet sich noch dazu mit dem Rausch durch geistige Getränke. So versinkt das arme Volk immer tiefer, wie ein Mensch, der in einen bodenlosen Morast gerathen ist. Man hat nun die Hoffnung gehegt, daß die allgemeine Wehrpflicht in ihrer logischen Consequenz auch die Freizügigkeit nach sich ziehen werde. Bis jetzt ist Davon nichts zu verspüren, und logische Consequenz in der Legislatur ist eben in unsrem Staate noch nicht heimisch. — Gegenwärtig hat die russische Presse aufgehört, sich mit den Juden zu beschäftigen, d. h. Schmähartikel gegen sie loszulassen, anstatt besonnen die Quellen des Uebels aufzusuchen, die ja auch nicht schwer aufzufinden sind. Dies will aber nicht sagen, daß sie bei Gelegenheit, d. h. sobald irgend eine bedeutendere gesetzliche Maßregel, die Juden betreffend, in Anregung käme, ihr freveles Spiel, anzuklagen ohne Vertheidigung zuzulassen und den Unglücklichen die Folgen der Abschließung und Bedrückung als Verbrechen zuzuschreiben, nicht wieder aufnehmen würde. Allerdings haben die jüngsten Jnvectiven der deutschen reactionären und ultramontanen Blätter auch keine günstige Wirkung Hierselbst geübt. Wenn diese auch im eigenen Vaterlande einflußlos verhallen, weil sie hier von der ehernen Mauer gesetzlich geregelter Zustände und des völlig anerkannten Rechtes abprallen: so ist dies anders in Ländern, wo über dieses Recht noch gestritten, und die Zweckmäßigkeit der Gleichstellung auf der einen Seite bezweifelt, auf der anderen geleugnet wird. Wenn sich diese deutschen und französischen Blätter nicht scheuen, rumänische Zustände zu vertheidigen, wie sollten sie nicht russischen Judenftessern willkommen sein und als Beweise für ihre Ansichten dienen! Der Boruriheilslose kennt die schwarze Farbe dieser Parteigänger, aber er ist ja noch immer so selten und im entscheidenden Momente von geringem Einfluß. Die Masse will in ihren Vorurtheilen bestärkt sein und greift nach Allem, was sie darin bestärkt. Auch wir vertrauen auf die Entwickelungskraft unsres Staates; aber die Zukunft kann nicht immer trösten, wenn die Gegenwart noch mit ehernen Füßen über so viele trostlose Menschenherzen hinwegschreitet. Amerika. New-Iork, 24. December. (H. L.) Noch vor Jahresschluß soll hier eine Versammlung behufs Gründung eines Rabbinerseminars in hiesiger Stadt abgehalten werden — In Baltimore ist auf der Ostseite der Lloydstraße der Grundstein zu einer neuenSynagoge gelegt worden. Diese, der „Chaßid- Emuno-Gemeinde" gehörig, wird mehr als 90 Fuß tief und etwa 45 Fuß breit werden. Es scheint doch allmählich ein regeres Leben in unsere israelitischen Verhältnisse zu kommen. New-Iork, 20. December. In dem großen Gebäude von „Gilmore Garden^ ist gegenwärtig ein Bazar zum Vortheil des Hospitals Mont-Sinai unter dem Namen Hebrew Charity Fair eröffnet. Der ungeheure Saal ist auf das Glänzendste ausgeschmückt und mit zahlreichen Verkaufsstellen versehen, in welchen die verschiedenartigsten Gegenstände ausliegen; auch eine Gallerie vorzüglicher Kunstwerke befindet sich daselbst. Unter Anderen ist ein prachtvolles Album ausgelegt, mit Originalzeichnungen ausgezeichneter Künstler; sein Preis ist auf 2000 Dollars gestellt. Der Bazar wurde durch eine Rede des Gouverneur Tilden eröffnet, aus welcher wir folgende Stelle hervorheben: „Es sind

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