Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1876)
- Date
- 1876-02-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
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73 Realschule — zu erlheilen, und sonst alle rabbinische Functionen, Trauungen :c., auszuüben hat, wird so kärglich besoldet, daß sich voraussetzen läßt, daß man aus die Fähigkeit deffelben nur wenig Gewicht legt. Und Loch weiß der Borstand, daß die hiesigen Mittelschulen von Juden stark besucht werden und einen eigenen tüchtigen Religionslehrer erfordern! Weiß der Vorstand so viel Mitleid an Len Kindern des seligen Rabbiners auszuuben, so soll er dies Mitleid auch an seinen eigenen Kindern, die zu Hunderten zählen, geltend machen! Ueberhaupt, da die Gemeinde für den Gottesdienst so viele Opfer bringt, so darf sie bei der Besetzung des Rabbinates, das mit 12—1500 st. Gehalt entsprechend besetzt werden könnte, nicht knausern. Es giebt der talentirten Candidaten und Bewerber in Ungarn genug — denn nur ein der ungarischen Sprache vollkommen mächtiger Theologe kann in Szegedin candibiren, die diese Stelle würdig ausfüllen könnten. Aber in Ungarn hat man nur Geld für das, was zum Pomp und zur Parade gehört — und darum bleiben die meisten Rabbinatssitze vacant. Es ist dies eine traurige Erscheinung, und es ist die Ausgabe der Presie, dagegen zu arbeiten. Vielleicht wird die hiesige Gemeinde aus Pietät gegen ihren verstorbenen Seelsorger den Beschluß ändern und demselben einen würdigen Nachfolger zu geben suchen! Italien. Aus Oberitalieu, 12. Jan. «Privatmitth.) Bor Kurzem ist ein Werk zu Stande gekommen, welches für die biblischen Studien in Italien zu nicht geringer Förderung dienen wird. Die vom Pros. S. D. Luzzatto s. A. des Jahres 1863 begonnene Veröffentlichung der heiligen Schrift in italienischer Uebersetzung ist im November v. I. zu Ende gebracht worden. Diese Veröffentlichung wurde dem sel. Luzzatto zu Liebe durch Subscriptionen in den bedeutendern Gemeinden. Italiens ermöglicht, und obgleich das verdienstvolle Unternehmen durch das frühzeitige Ableben Luzzatto's im Jahre 1865 einen harten Schlag erhielt, so wurde die italienische Bibelübersetzung durch die thätige Theilnahme einiger Jünger Luzzatto's ganz beendigt. Luzzatto hatte nämlich den ganzen Pentateuch, sämmtliche Haflarot, vier Megillot (das Hohelied fehlte), ganz Jesajas, beinahe ganz Jirmejah und Ezechiel, Hiob, das Buch Josua und einen Theil der Richter übersetzt zurückgelaffen. Das Fehlende wurde unter einige seiner Jünger, die Rabbiner Mortara, Viterbi, Mainster, Ehrenreich und Loly, vertheilt, die sich der Arbeit mit Liebe unterzogen, und die Uebersetzung im Geiste Luzzatto's, nach seiner Methode, und wo sie in Luzzatto's Commentarien irgend einen Vers erläutert fanden, nach deffen Erläuterung vollbrachten. Diese italienische Uebersetzung enthält sehr viel Werthvolles, und wurden bei Bewerkstelligung derselben die Resultate der neuesten Bibelforschung sorgfältig zu Rathe gezogen. Der Druck und das Papier sind sehr schön, die Ausgabe correct, und das Exemplar kostete den Subscribenten 60 Frcs. Nun aber, da das Werk zu Ende geführt ist, ist cer Preis auf 12 Frcs. für Italien, und für die Staaten der Post-Union auf 14 Frcs. festgesetzt. Rom, im Januar. Hier ist ein Verein zusammengetreten, der sich „Brüderverein für den bürgerlichen Fortschritt der Israeliten Roms" benennt. Sein Zweck ist, auf die Erziehung rer Kinder zu wirken, gute Bücher zu verbreiten, die Jünglinge zur Erlernung von Handwerken und Künsten zu unterstützen und sie von den bisherigen Gewerben abzuziehen, welche ihnen eine vielhundertjährige Bedrückung allein gestattet hatte. Ein Circulär vom 7. November, unterschrieben: Alatri, Ascaralli, Pontecorvo, Rava, Taglacozzo, spricht diese Zwecke beredt aus und hat bereits die Unterstützung nicht bloß vieler Glaubensgenoffen, son-' dern auch aus den höchsten Kreisen, aus dem Ministerium unc den verschiedenen Bankhäusern erlangt. Hoffen wir, daß der Eifer, die Mittel angemeffen zu verwenden, ebenso stark und ausdauernd sein werde, wie der, sie zu beschaffen. An fruchtbarem Boden, diese edle und gemeinnützige Wirksamkeit zu üben, fehlt es hier nicht. Rußland. Petersburg, 7. Januar. (Privatmilth.) Ein Jahr rollt sich nach dem anderen ab, ohne daß in der eigenthümlichen Stellung sich etwa Wesentliches ändert, in welcher die Juden sich in dem weiten Czarenreiche seit dem Regierungsantritt unsres großherzigen Kaisers befinden. Wir sind durch ihn von den härtesten Ausnahmegesetzen befreit, welche uns frühere Zeiten, in verstärktem Maße die vorangegangene Regierung, aufgebürrer haben. Selbst die Staatscarrieren sind intelligenten Juden, welche sich die Fähigkeiten dazu erworben, eröffnet. Aber für cie Maffe des Volkes ist nichts Wesentliches geschehen, was sie aus dem Banne lösen könnte, in welchem sie besteht und verkümmert. Denn das eigentliche und wahre Heilmittel gegen das Elend, in welchem die Mehrheit der Juden schmachtet, die Freizügigkeit, wird noch immer nicht gewährt. Tenn, was man davon zugestanren, ist mehr Schein als Wirklichkeit, ist so verklausulirt und bedingt, daß es für die Maffe unbrauchbar ist. Hierzu kommt, daß es durch dieselben Bedingungen den Behörden ermöglicht ist, von Zeit zu Zeit, wenn sich wirklich in einer russischen Stadt eine bemerkliche Allzahl Juden angesammelt har, sie plötzlich von da wieder zu vertreiben, so daß ihnen die scheinbare Erlaubniß nur zur Falle dient. So geschah es früher in Riga, vor einiger Zeit mehrere Male in Kiew, im verflossenen Jahre in Kasan. Man gestattet einigen Juden nach den vom Gesetze aufgestellten Bedingungen die Niederlassung; andere folgen, und man beachtet die Strenge des Gesetzes weniger; diese ziehen wieder neue Ankömmlinge nach, welche nach dem Buchstaben des Gesetzes kein Recht dazu hätten. Hält man so eine Zeit lang