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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-01 · Heft 5 (1.2.1876) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 5 (1.2.1876)
Date
1876-02-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 an einigen derselben Hai sich bereits die Mehrheit der Bürgerschaft dafür erklärt, insonders auch die jüdischen Gemeinden. Hiergegen richtet sich nun eine neue ultramontane Agitation, welche Maffenversammlungen der Katholiken veranstaltet, heftige Reden in denselben hält, und zu Protesten mit masienhasten Unterschriften'veranlaßt. Es wird dabei die Staatsaufsicht über den Religionsunterricht hineingezogen, und in der bekannten Weise die ganze Tendenz dahin ausgelegt, das Volk jeder Religiosität zu entftemden, die Jugend zu Atheisten aufzuziehen, und besonders die katholische Kirche zu untergraben. Hierzu kommen nun die Ansprüche, welche in diesem Augenblicke die Altkatholiken auf den Mitgebrauch der bedeutendsten katholischen Kirchen erheben, während von katholischer Seite jeder altkatholische Gottesdienst als gottesschänderisch erklärt und es für unmöglich gehalten wird, den katholischen Gottesdienst in einer Kirche zu vollziehen, in welcher ein altkatholischer stattgefunden, so daß ein Mitgebrauch nichts anderes als eine Entziehung der betreffenden Kirche bedeutet. Und nun richtet sich die Forderung der Altkatholiken bisweilen auf die Hauptkirche des Ortes. Wir sagen daher offen, daß durch diese beiden Momente der Kampf erst eigentlich in die Mitte und das Herz des Volkes getragen wird. Der Streit mit den Bischöfen und Caplänen ist am Volke ohne dessen wirkliche Mitleidenschaft vorübergegangen. Es waren stets nur die Heißsporne, welche davon ergriffen wurden. Die Auftegung über die Entziehung seiner Kirchen trifft aber das Volk unmittelbar. Sich hinausgeworfen zu sehen aus seinen Heiligthümern, aus feinen altgewohnten Betstätten, das ist für das Volk etwas ganz handgreifliches, gilt für dasselbe als eine wirkliche Religionsverfolgung und erregt in ihm die höchste Leidenschaft. Ob der aufgeklärtere Theil der Menschen es für ein Voruriheil, für einen Wahn hält, daß die Altkatholiken nicht, selbstverständlich zu anderer Tageszeit, ihren Gottesdienst in demselben Raume sollen vollziehen können, darauf kommt es hierbei nicht an, sondern au die für jetzt nicht zu beseitigende Meinung des Volkes selbst. Mit dieser Auftegung in Verbindung wird es den ultramontanen Wortführern leicht, jene Schulfrage zu einer wahrhaft brennenden zu machen. — Wir wollten diese Sachlage hier constatiren, weil uns die nächsten Ereigniffe daraus hervorgehen zu sollen scheinen. Wir sind der Meinung, daß in der Schulftage durchaus nicht nachgegeben werden darf, wenigstens daß sie in der oben beschriebenen Weise da, wo sich die Vertretung der Commune in ihrer Mehrheit dafür erklärt hat, sofort durchgeführt werden müffe. Denn im Grunde ist die Schulfrage der Kernpunkt des ganzen CulturkampfeS und wäre er zu einem großen Theile nutzlos gewesen, wenn er diese nicht zur Lösung brächte. Aber nach der anderen RichMng hin, scheint es uns äußerst wünschenswerth, daß man mit den gegebenen Verhältnissen rechne. Denn da die Zahl der Altkatholiken an den einzelnen Orten verhältnißmäßig noch gering ist, so kann ihrem gottesdienstlichen Bedürfniffe noch sehr leicht auf einem anderen Wege genügt werden. Auf religiösem Gebiete ist es immer moralisch geboten, den Schein der Aufhetzerei und der Bedrückung zu vermeiden. Dieser Schein könnte auf diesem Wege leicht auf die Altkatholiken fallen. Oesterreich-Ungarn. Bon der Donau, im Januar. (Privatmitth.) Die Spaltungen in den Gemeinden haben bei uns schon viel Unheil angerichtet, und hat auch Deutschland, ohne Lasker'sche Beglückungsvorschläge, schon jetzt davon zu erzählen. Wohin die kleineren Gemeinden in Folge der Theilung gelangen, zeigt leider nur zu deutlich folgender Fall. In Jpolysag existirt eine vorzüglich eingerichtete jüdische Schule, welche die dortigen orthodoxen Israeliten, fünf Familien, durch die Errichtung einer besondern orthodoxen Schule unmöglich machen wollen; die dreißig Familien zählende Gemeinde ist nämlich nicht im Stande, zwei Schulen zu erhalten, und müßten sich beide Schulen auflösen. Dieser Tage begab sich nun eine Deputation zu dem Herrn Cultusminister nach Pest und richtete an ihn die Bitte, den Orthodoxen nur für den Fall die Gründung einer Schule zu gestatten, wenn sie für die Erhaltung derselben einen sichern Fonds aufzuweisen im Stande sind. Hoffentlich wird der Minister diesem gerechten Wunsche entsprechen. Einer neuerlichen Verordnung des Cultusministers gemäß, die Geldstrafen wegen Ordnungswidrigkeit in der Führung der israelitischen Matrikeln bei den betreffenden Religionsgemeinden als Special-Schulfonds verwaltet und entweder zu größeren Investitionen verwaltet oder bloß deren Zinsen ftuctificirt werden. Szegediu, 18. Januar. (Privatmitth.) Die hiesige Gemeinde, die sich an der zurückgebliebenen Wittwe und den Kindern des seligen Rabbiners L. Low so großmüthig benommen, indem sie beschlossen der Rabbinerswinwe durch zwei Jahre das volle Gehalt des Rabbiners per 2500 fl. auszubezahlen, und nach Verlauf dieser zwei Jahre derselben eine Pension von 1800 fl. zuzuweisen — ein Beschluß, welcher der Gemeinde stets zu Ehre und Ruhm gereichen wird — sah sich endlich in die Nothwendigkeit versetzt, an die Wiederbesetzung des vacanten Rabbinates zu denken. Bei den mißlichen finanziellen Verhältnissen fast sämmtlicher jüdischen Gemeinden in Ungarn konnte man sich aber zur Wiederbesetzung desselben doch nicht entscheiden, und man beschloß, das vacante Rabbinat durch einen Rabbinatsverweser, Moreh Zedek, zu besetzen. Der Vorstand schrieb bereits den Concurs aus, und zwar auf folgende drei Stellen: Radbinatsverweser, Gehalt 8 0 0 fl.; Cantor, Gehalt 1 2 0 0 fl.; und endlich Bassist, Gehalt 5 0 0 fl. Daß dieser Schritt einer Gemeinde wie Szegedin, die mit solcher Munifizenz Pensionen ertheilt, allgemeines Erstaunen erregt, versteht sich von selbst I Der Rabbinatsverweser, der zugleich, wie es im Concurs ausdrücklich heißt, den Religionsunterricht in den Mittelschulen — Gymnasium und

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