Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1876)
- Date
- 1876-02-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
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69 mit durchgemacht hat. Die Juden sind von germanischer Bildung erfüllt, bevor Ihre Landesgenoffen, die Slaven und Wenden, germanisirt wurden. Und haben Sie vergeffen, wie empörend es ausgenommen wurde, als Ihr College Quatrefage darzuthun versuchte, daß Frankreich nicht von den Deutschen besiegt worden sei, sondern von den Preußen, die Slaven und Wenden feien? Es ist nicht „methodisch wiffenschaftlich", wie Sie Ihre Auslaffungen aufbauen. Als wir uns — ich kann das Persönliche hier unmöglich vermeiden — im Sommer 1870 trafen, bewährten Sie in den Lazarethen Ihre hülfreiche Kraft mit ruhmvoller Tapferkeit. Ihre Hand war fest bei den Operationen; hat Ihnen diese Hand nicht gezittert, da Sie jene Worte niederschrieben, mit denen Sie die Verwundeten und Gefallenen jüdischer Confessivn entehrten und beschimpften? Sie muffen selbst anerkennen, daß es im Kampfe um's Dasein Kampfgesetze geben muß. Aber jeder Unparteiische wird diese Ihre Art der Kampfesführung von der Ehrenmensur verweisen. Denn es ist rein inquisitorisch, eine unbeweisbare nationale Empfindung zu heischen, und es ist mehr als inquisitorisch, hinzuzufügen, es wäre nicht zu wünschen, daß die Juden germanisch empfänden. Ihre Begründung baut sich also folgendermaßen auf: Ich, Profeffor Billroth, sage, die Juden sind keine Deutschen, denn ich, Profeffor Billroth, wünsche, daß sie keine Deutschen seien. Cuoü «rat ckemoastrsnckum. Und nun wieder Ihre objective „wiffenschaftliche Rücksichtslosigkeit^. Sie schildern mit Worten, die ich nicht wiederholen mag, die intellectuelle und öconomische Unzulänglichkeit der „Streber" und schließen: „es sind meistens nicht Deutsche, sondern vorwiegend schlimme galizifche und ungarische jüdische Elemente". Ist das wiffenschaftlich, hinter Berschanzungen von „meistens" und „vorwiegend" gedeckt, allgemeine Gesetze aufzustellen? Sorgfältige gründliche Untersuchung in Beobachtung und Experiment, Zurückhaltung des Uriheils, bis das Ergebniß sich evident herausstellt, das sind doch wohl Forderungen, die der Naturforscher vor Allem zu erfüllen hat. Und der Menschenfreund wird, wenn er nicht über ein todtes Präparat, sondern über ein lebendiges Object sich auszusprechen hat, und nun gar über eine Generation, wenn sie sich auch in ihrem Bildungsdrange oft ungeschickt geberdet — sich behutsam und mit Bedacht aussprechen. Sie aber, haben Sie bedacht, was es heißt, in jugendlichen Gemüthern den Racenhaß zu wecken und zu stacheln? Sie rufen das Gentlemans-Bewußtsein in den Jünglingen an. Ist der ein Gentleman, der den Gedrückten, Berschüchterten, Mittellosen höhnt? Die Auftegung in der öffentlichen Stimme, die Vorgänge in Wien sind durch diese Auslaffungen hervorgerufen. Sie aber. Sie vermeiden in Ihrer Antwort an die Studenten jedes ausdrückliche Wort hierüber. Sie sprechen von „theilweise heikeln Verhältniffen" und sagen „rein individuelle Bemerkungen sind von untergeordneter Bedeutung". Ich möchte dieses Letzte auch als Zeichen annehmen, daß Sie Ihre wohl erst im Niederschreiben zum fixen Gedanken gewordene Ausführung über die Fremdheit der Juden jetzt gern vergeffen wiffcn möchten. Aber „Immanuel Kant, der ideale deutsche Kaiser", befiehlt kategorisch, daß man den Mmh habe, eine begangene Fahrlässigkeit zu bekennen. Uno „Aergert dich dein Auge, so reiß' es aus", har derjenige ausgesprochen, der, wenn er leibhaftig vor Sie hinträte. Ihnen, dem Teutonen, als ein mit der Racenfremdheit belasteter Phönizier erscheinen würde. Haben Sie die Folgen ermeffen, die der von Ihnen als natürliche Thatsache aufgestellte Racenhaß haben kann? Es kann auch geistige Höllenmaschinen ä la Thomas geben. Ein Dämon, der weder teutonisch noch phönizisch ist, füllt geräuschlos arbeitende Sätze, die zu unbestimmbarer, aber zu gegebener Zeit mit ihren Explosivstoffen verheerend ausbrechen können. Das wollten Sie nicht, das können Sie nicht gewollt haben. Warum aber wollen Sie nicht offen eine Uebereilung erkennen und suchen in Ihrer Antwort mit einem verschämten Satze darüber hinweg zu kommen? Sie haben mir Ihre Schrift - gesendet, ich glaubte Ihnen und mir diese Antwort schuldig zu sein. Zum Schluffe nur noch eine Erinnerung. In den nächsten Tagen wird an die gesammle gebildete Welt ein Ausruf ergehen zu einem Denkmal für Spinoza. Wie? Müffen Sie nicht einen teutonischen Widerspruch empfinden, daß man auf germanischem Boden ein Denkmal fetze dem Phönizier, der noch dazu die von Ihnen als Erniedrigung gebrandmarkle Besonderheit hatte, durch einen Nebenerwerb, durch Glasschleisen, sich den Lebensunterhalt zu verschaffen?" Literarischer Wochenbericht. Bonn, 20. Januar. Der geschichtliche Roman „Jakob Tirado" von Dr. Ludwig Philippson, der schon früher in's Holländische und Englische übertragen worden, ist 1875 in Wilna von S. I. Fünn in's Hebräische übersetzt erschienen. M — Soeben ist der zweite Band von: Gesammelte Schriften von Dr. Zunz, herausgegeben vom Curatorium der „Zunzstistung". (Berlin, Gerschel, 1876) erschienen. Der vorliegende Band enthält zuerst einen berichtigten und vermehrten Abdruck des Schristchens „Namen der Juden" (1836), das zu seiner Zeit auch noch eine außerwissenschaftliche Bedeutung hatte. Der König Friedrich 1» Wir erfahren dies gelegentlich; der Ueberfetzer hatte nicht einmal die Höflichkeit, dem Derfasfer des Originals ein Exemplar zu;usenden.