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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-01 · Heft 5 (1.2.1876) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 5 (1.2.1876)
Date
1876-02-01
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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68 Berlin, 31. December 1875. „Ich möchte nicht, daß man mich mit den jetzt so beliebten modernen Judenschimpfern zusammenwürfe . ... die bedeutenden Menschen unter den Juden sind meist zugleich Schwärmer, Idealisten, Humanisten, oft im allerhöchsten Sinne des über uns Alle erhabenen Nazareners." So beginnt S. 152 die große Anmerkung in Ihrem Buche (Lehren und Lernen der Medicinischen Wissenschaften :c.). Wenige Zeilen weiter heißt es: „dem unbegabten Juden fehlt die eigentliche Freude an der Romantik des Martyriums", und S. 154 schließt die Anmerkung: „Daß bedeutende Menschen aller Zeiten und aller Nationen sich in den großen allgemeinen menschlichen Fragen stets sympathisch begegnen werden, ist klar. Doch eben so klar ist mir auch, daß ich innerlich trotz aller Reflexion und individueller Sympathie die Kluft zwischen rein deutschem und rein jüdischem Blut heute noch so tief empfinde, wie von einem Teutonen die Kluft zwischen ihm und einem Phönizier empfunden sein mag". Zwischen diesem Anfangs- und Endsatze heißt es dann u. A.... „was man jüdische Deutsche heißt, sind doch eben nur zufällig deutsch redende, zufällig in Deutschland erzogene Juden, selbst wenn sie schöner und beffer in deutscher Sprache dichten und denken, als manche Germanen vom reinsten Waffer ... Es ist daher weder zu erwarten noch zu wünschen, daß die Juden je in dem Sinne deutsch-national roerden, daß sie bei nationalen Kämpfen so zu empfinden vermöchten wie die Deutschen selbst..., es fehlt ihnen dazu die gesammre mittelalterliche Romantik' rc. — Inmitten meines nun bald vierzig Jahre geübten Berufes konnte ich die Abwehr dieser Auslasiungen getrost anderen zum Kampfe geeigneteren Kräften und der klärenden Zeit überlassen. Zudem aber — Sie mögen das schwärmerisch, sentimental oder gar undeutsch empfunden nennen — schämte ich mich für unser Vaterland, daß durch eine Entgegnung noch weiter und auch dem Auslande gegenüber knnv werden sollte, welch' eine Degeneration der Gesinnung bei uns noch möglich ist. Oder ist es denkbar, daß ein Engländer sich so weit erniedrigen würde, Disraeli zu sagen, er sei ein zufällig englisch redender Engländer, in England geborener Jude? Ich hatte und habe die Zuversicht, daß die besten Männer des Vaterlandes die Schmach einer solchen Kundgebung wie die Ihre empsinden und von sich weisen. Nun erhalte ich mit Ihrer Handschrift Ihre „Antwort an den Leseverein der deutschen Studenten in Wien" unter der Adresie: „An den deutschen Dichter Betthold Auerbach in Berlin. Vom Verfasier". Es ist eine eigenthümliche Art vieler Oesterreicher, uns vor den Augen des Bttefttägers einen besonderen Ehrentitel zu geben, und Sie. als eingewandetter Preuße, haben riese Sitte sich angeeignet. In dieser Zusendung sehe ich nun Berechtigung wie Verpflichtung, ein offenes Wott 'über Ihre Auslassungen gegen die Juden im Allgemeinen und die jüdischen Studenten Wiens insbesondere an Sie zu richten. Wenn Richard Wagner vom Hause Wahnfried Unzulänglichkeiten künstlerischen Schaffens durch Theoreme zu verwischen und durch Zertrümmerung Anderer zu heben sucht, wenn er in der Gereiztheit des Verfolgungswahnes (und eS drangen sich doch verachtungswürdige Juden genug an ihn) das Judenthum für das verantwortlich macht, was ihm in den Coinpositionen von Meyerbeer und Mendelssohn als widerstrebend und seiner allein seligmachenden Unfehlbarkeit entgegenwirkend erscheint, so läßt sich mit dem in sich befriedigten Wahn nicht wohl streiten. Sie aber betonen, daß .Ihr Buch „nach wiffenschaftlicher Methode aufgebaut" sei. Sie rufen, nicht ohne rhetorischen Aufputz, „Immanuel Kant, den Kaiser unseres nationalen idealen Deutschlands" an und stellen sich hiermit selber vor die zuständige Gerichtsbarkeit der Logik. Es war noch im September, daß ich im schönen Aussee Helle Morgenstunden und einen heitern Mittag in Gesellschaft von Phöniziern mit Ihnen erlebte. Sie hatten schon damals (Ihre Vorrede datirt vom Ottober) die scharfen Pfeile im Köcher.-Es ist nicht germanisch, sich als Gafifreund zu geben, während man Widersacher ist. Doch das ist persönlich. Gehen wir zur Sache. Sie verlangen den Wahrspruch der Logik, pladiren aber sofott für mildernde Umstände, indem Sie (S. 12 Ihrer Antwort) sagen: „rein individuelle Bemerkungen sind von ganz secunvärer Bedeutung". Diese Werthbestimmung der Bedeutung mag für Sie selber gelten, muß sie aber auch für die Verletzten gelten? „Wissenschaftliche Untersuchungen sind rücksichtslos," sagen Sie. Unbedingt zugegeben! Aber die Rücksichtslosigkeit darf sich nicht blos gegen Andere, sie muß sich auch gegen eigene der Vernunft und Sittlichkeit widersprechende Angewöhnungen wenden. Daß den Juden das Martyrium fehlt, ist gewiß eine sehr „individuelle" Bemerkung von Ihnen. Sie wissen — und als Mann, der über Lehren und Lernen spricht, müssen Sie es wissen —, daß die Geschichte der Juden, der begabten unv unbegabten, ein achtzehnhunderrjähriges Martyrologium ist. Und das hat bis heule noch nicht geendet. Oder glauben Sie, es ist kein Martyrium, noch heute und einem Manne Ihres Rufes erklären zu müssen: wir sind nicht zufällig deurschrecende, zufällig in Deutschland erzogene Juden und wir empfinden vollkommen als Deutsche? Sie sagen: den Juden fehlt die gesammte mittelalterliche Romantik. Welchen Antheil an der Romantik des Mittelalters haben denn die Bauern, die bis zu Anfang dieses Jahrhunderts Leibeigene waren? Sie verbannen uns in's Exil der Fremdheit und wollen nicht wissen, daß die Geschichte des Judenthums, zumal in Deutschland, alle Phasen der deutschen Culturentwicklung

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