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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-25 · Heft 4 (25.1.1876) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 4 (25.1.1876)
Date
1876-01-25
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 zu übergeben, in welchen die Beschuldigung enthalten war, Mayer heuchle seinem Weibe Liebe, weil er sie zur Arbeit brauche, doch liebe er eigentlich die Köchin des Hofraths. Der Zufall wollte, daß Mayer mit der Hofrathsköchin, als guter Kundschaft, etwas freundlicher war, als mit den übrigen Kunden, und die Phantasie des Weibes hatte Dinge gesehen, die sich niemals zugetragen. Mayer betheuerte seinem Weibe seine Liebe und Treue, und gelobte, nicht früher zu ruhen, bis er den Schreiber der anonymen Briefe entdeckt und gezüchtigt haben werde. Er (Mayer) spähte vergebens allenthalben nach dem Denuncianten. Da erschien eines Tages die Hausmeisterin Rosine Springer und sagte ihm im Vertrauen, sie habe bereits die Berrätherin gefunden; die Briefe habe niemand Anderer als die Jüdin aus dem zweiten Stocke geschrieben, sie habe bei ihr dieselben Briefpapiere, dieselben Couverts gesehen. Plötzlich fiel dem Greißler ein, daß in der Thal die Frau Fischer seit einem Monate nichts mehr bei ihm kaufe, was ihm die Angaben der Hausmeisterin glaubwürdig erscheinen ließ. Ohne weiteres Besinnen eilte er in die Wohnung der Eheleute Fischer, nannte dieselben eine Bagage, ein Judengesindel, eine Bande, ein Fallottenvolk, und als die allein in der Wohnung anwesende Frau Fischer um die Ursache eines solchen Auftretens fragte, erwiderte Mayer: „Dös G'sindel wird mi erst kenna lerna; kreuzingt werden's Ans um's Andere." In größter Aufregung erwartete Frau Fischer die Rückkunft ihres Gatten; sie hatte ihm noch kaum die Hälfte des Vorgefallenen erzählt, als Salomon Fischer zum Greißler eilte und um Aufklärung bat. Der Greißler faßte ihn mit beiden Händen und trug ihn förmlich auf die Gaffe mit den Worten: „Dös ist die Angab', 's Andere kummt nach." Salomon Fischer ging zur Polizei; von da wies man ihn zu Gericht, und er trat gegen den Greißler Georg Mayer klagbar auf. Heute fand hierüber die Verhandlung vor dem Bezirksgerichte statt. Richter: Herr Fischer, Sie haben eine protocollarische Anzeige erstattet; ich fordere Sie nun auf, Ihre Klage gegen Herrn Mayer vorzutragen. — Salomon Fischer: Eu Gnoden, mit Ihrer gütigen Erlaubniß bin ich so ftei. Ich wohn' in dem Haus nicht weniger wie siebzehn Jahr; ein schönes Numero, Eu Gnoden, nicht wahr? Eine Bagage wohnt nix siebzehn geschlagene Jahr in Einem Hause, ja in einer Wohnung. Eu Gnoden, es ist mir gegangen gut, es ist mir gegangen schlecht; alleweil Hab' ich gezahlt mein' Zins, meine Steuer und meine Abgaben. Thut das eine Bagage? Eu Gnoden, ist es mir gegangen gut, bin ich gewesen derselbe Mensch, wie wenn es mir gegangen schlecht; ich Hab' gesagt: Gott hat gegeben, Gott hat genommen; gelobt sei der Nam' von unserm lieben Herrgott! Eu Gnoden, denkt und handelt a so eine Bagage? Soll ich leben wie nicht. Richter: Das ist Alles sehr schön, aber Sie holen zu weit aus, bevor Sie zur Klage selbst kommen. — Salomon Fischer: Eu Gnoden verzeihen mir Hunderttausendmal, ich bin in Ihren Augen ein wildfremder Mensch, wie sollen Sie wiffen, wer Salomon Fischer ist? Keine anderen Sorgen haben Sie? Um aber zu wiffen, was mir geschehen ist, muffen Sie doch wiffen, wer ich bin. Eu Gnoden, wenn ich bin ein Lump, unv man sagt mir, ich bin ein Lump, ist es doch ganz was Anderes, als wenn ich bin ein ordentlicher Mensch, und man heißt mich Bagage. Richter: Also man schimpfte Sie Bagage? — Salomon Fischer: Mich allein? Wie heißt mich allein? Mich, mein Weib, meine Kinder und Gott weiß wem noch. Richter: Wurden noch andere Schimpfworte gebraucht? — Salomon Fischer: Andere Schimpsworte? Gott soll mir so für wahr Glück geben, daß ich mir nix alle habe merken können, nur so diel erinnere ich mich, daß er hat gesagt: Bagage, Judengesindel, Bande, Fallotten, Volk und Gott weiß was Alles. Richter: Sie klagen in Ihrem Namen und im Namen Ihrer Frau? — Salomon Fischer: In meinem Namen, im Namen von Weib unv Kinder und wer sonst Alles noch gemeint war. Richter: War Jemand zugegen, wie Herr Mayer geschimpft hatte? — Salomon Fischer: Wie heißt, ob wer zugegen war? Das ganze HauS; er hat mich doch genommen und hat mich hinausgettagen vor der ganzen Welt wie einen Dieb und hat geschrien wie ein Zahnbrecher. Richter: Verlange» Sie die Bestrafung des Herrn Mayer? — Salomon Fischer: Eu Gnoden, ich werde gebeten haben, auf ihn das Gesetz anzuwenden. Richter (zum Geklagten): Herr Mayer, Sie haben die Klage gehört; was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung anzubringen, verhält sich die Sache so? — Mayer: Herr kaiserlicher Roth, i bin ka G'schwodrant, was i sag', dös wiegt's, i bin a echtes Wiener Kind, i hob mi von Jugend auf plagt für fremde Leut', für's Vaterland und für mei Familie. Im 1 SöHer Jahr Hab i d' Katzelmacher plescht, daß b' Schwarten kracht haben. Wie i Ham kum, war v' Mutter todt, der Vater im Bäckenhäusl, und won i mi auf an Baum g'setzt hän', harr' i mit 'n leeren Mögen auf d' Welt obischaun könna; aber der Schorschel hat 'n Kopf und 's Herz am rechten Fleck g'hobt, i bin in 'd Arbeit gangen, hob mi plogt früh und spot, und wie i a paar Netsch beisammen g'hobt hob', hob' i zum meiner Kathi, dös is jetzt mein Weib, gffogt: Kathi, du bist a ehrlicher, fleißiger Dienstbot, du host nix, i hob' nix, gehen wir in Cumpanie, heiraten mer und fangen mer a G'schäft an und arbeiten mer für uns. Sie hat Ja g'sagt, mir san a Paar worden, i hob' a Greißlerg'schäft ang'fangen, Glück und Segen haben sich eing'stellt, i hob' a gut's G'schäft, ordentliche Kundschaften, a brav's Weib, Kinder wie 'd Engerln, 's ist mir lad, daß ich's nicht mitbracht .* .

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