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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-25 · Heft 4 (25.1.1876) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 4 (25.1.1876)
Date
1876-01-25
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 Hab'. Eu Gnoden, kaiserlicher Rath, was verlangt sich unserans mehr? An a Haus auf der Ringstraßen darf unserans nit denken, aber a Hütten in der Borstadt, won unser Herrgott Glück gibt, bleibt not aus. Richter: Diese Erzählung ist sehr hübsch, aber sie führt ab von der Sache, um die es sich hier handelt. — Mayer: Verzeihend Eu Gnoden. Hat Jhna der Zud über seine Leut' 's Wasser machen könna, muß ich doch a — Richter: Wenn Sie von dem Kläger sprechen, bitt' ich, sich artiger auszudrücken. — Mayer: Verzeihen, kaiserlicher Rath, i bin ka Severinusbruder, ka Judenfresser, d' Juden san ja mei beste Kundschaft, dö handeln not, wans wos Schönsehen. Richter: Bleiben wir bei der Sache. Haben Sie geschimpft? — Mayer: Kaiserlicher Rath, immerg'radaus g'schaut, jo, i hob g'schimpft, i hob 'n Haschel aus mein Gewölb — Fischer (einsallenv): Ich heiß nicht Haschel. —Mayer: So haßeus anders, a Jud saus doch. Richter: Ich habe Ihnen schon einmal empfohlen, artig zu bleiben. — Mayer: Meiner Seel' und Gott, i hob'n not beleidigen wollen. Richter: Wie rechtfertigen Sie Ihr Benehmen den Eheleuten Fischer gegenüber? — Mayer: Wie rechtfertingt die Frau Fischer, daß sie meiner Frau g'schrieben hat, daß i ihr untteu bin und a Gspusi mit der Köchin beim Hofrath Hab? Salomon Fischer: Mein Weib? — Mayer (höhnend): Ja, Ihr Weib. Richter: Ich verbiete Ihnen diesen Ton. Salomon Fischer: Erstens, und so fangt sich die G'schicht' eigentlich an, weiß mein Weib nix von kan Hofrath, zweitens hat sie nix g'schrieben. — Mayer: Das kunnt Jeder sagen. Salomon Fischer: Wenn ich Ihnen werde gar sagen, daß mein Weib kann gar nichts Deutsch schreiben, sie ist blos gegangen zu Haus in die jüdische Romanfchul «Normalschule). — Mayer: Das ist schön g'redt, aber glauben kanns, wer will. Salomon Fischer: Wenn Sie mir nicht glauben, Herr Mayer, können Sie fragen die Frau Hausmeisterin, was wird Ihnen sagen, daß mein Weib kann nicht einmal unterschreiben deutsch den Namen.— Mayer: Jetzt haben S' 'n Finger am rechten Loch, d' Hausmasterin hat mir ja verrathen, daß Ihre Frau 'd Brief geschrieben hat. Salomon Fischer: Hören Sie, Euer Gnaden (zum Richter gewendet), ich bin neulich gewesen mit meinem Weib in der Borg im Theater in einem Stück, da kommt vor ein gescheiter Mann, ein Gelehrter, Rabbi Akiba!" Der sagt auf Alles, was man ihm erzählt: „Alles schon dagewesen!" Ich mein', wenn man ihm das, was da vorgeht, erzählen thät', er müßt' seine» Spruch ändern und müßte sagen: „So was ist noch nicht dagewesen." Richter: So viel ich bis jetzt vernommen habe, haben Sie, Herr Mayer, sich zu leidenschaftlichen Handlungen hinreißen lassen, weil Sie von der HauSmeisterin erfahren haben, die Frau Fischer hätte Ihrer Frau anonyme Briefe geschrieben. Es wird daher, wenn beide Parteien einverstanden sind, am besten sein, wir schreiten zur Vernehmung der Hausmeisterin. — Salomon Fischer: Gott, wie gescheit! — Mayer: Ist mir ganz recht. Die Hausmeisterin Rosine Springer tritt mit einem Knix ein, und bevor noch eine Frage gestellt wird, sagt sie: „Ich schwur ich gleich, daß waß ich gar nichts, ich bin ich ganz allein, Hab' ich große Haus zum Waschen, Putzen, ich kann ich wegen Greisle mit ka Partei Skandal machen; wann Hausherr hörte, me Habens me Spetakel, mein Mann machte mich tudt. Richter: Herr Mayer beruft sich gerade darauf, von Ihnen gehört zu haben, daß die Frau Fischer die anonymen Briefe geschrieben hat.— HauSmeisterin: Na da schwur ich, da Hab' ich nix sagte, da ist nit schön von Herr Mayer. Mayer: Wos is nöt schön? Haben Sö mit nöt g'sagt, d' Jüdin aus 'n zweiten Stock hat den Brief g'schrieben? — Hausmeisterin: Na, ich schwur ich, da haben's mich nicht gut dört; da Hab' ich sagt, die kann's nicht schreiben haben, weil kann's nicht schreiben. Mayer (zum Kläger): Sö, Herr Fischer, dös war' a so a G'schicht', wo der g'scheite Rabbi wos z'sogen hätt'; dös wor a nöt do. Richter: Ich glaube, nach diesen Aufklärungen haben Sie, Herr Mayer, die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie den Eheleuten Fischer Unrecht gethan haben, und werden Ihnen Abbitte leisten. Und Sie, Herr Fischer, werden einsehen, daß der Mann, irregeführt durch einen Tratsch, sich zu Handlungen hinreißen ließ, die er bereut, und werden ihm verzeihen. Mayer: Herr Fischer, i bitt' Jhna und Jhna Frau und Familie um Verzeihung, und daß sehen, daß 's mir von Herzen geht, erlauben's mir, daß i Ihren Kindern a Christkindl schicken darf. Fischer: Wir verzeihen Ihnen, Herr Mayer, denn es steht geschrieben, es giebt keinen Gerechten auf Erden, der nicht fehlt; aber schicken dürfen Sie meinen Kindern nichts; unser großer Abraham hat gesogt zum Abimelech, wie er ihn hat be» schenken wollen: „Weder Faden noch Strumpfband nehme ich von dir, damit es nicht heißt, du hast reich gemacht den Abraham." So steht es Wott für Wort in der Bibel. Mayer: Damit d' Leut' sehen, daß so wos nöt gibt, schick' i Ihren Kindern heut' a Christkindl, und der heilige Tog is a g'sperrter Tog, do kumm' i mit mein Weib und mit mein' Kindern auf a Jausen zu Jhna in d' Wohnung; 'n Kaffee mocht Jhna Frau, 'n Gugelhupf bringt mei Alte mit. Fischer schlägt ein, und Beide verlassen versöhnt den Gerichtssaal, Arm in Arm durch die Sttaße heimwärts ziehend.

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