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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-25 · Heft 4 (25.1.1876) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 4 (25.1.1876)
Date
1876-01-25
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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—- Der Oberst der Garde republicaine Aim« Lambert ist Com-! mandeur der Ehrenlegion geworden; er zählt 20 Dienstjahre, 16 Feldzüge und 8 Wunden. Officier der Ehrenlegion wurde der Bataillonschef vom Genie Mayer Nathan Cahen, der 33 Dienstjahre und 4 Feldzüge zahlt. Ritter der Ehrenlegion wurden Alphons Bloch, Major im 142. Linienregiment und Henri Joseph HaaS, Oberstabsarzt im 57. Linienregiment. Großbritannien. London, 9. Januar. Heute Morgen nach 10 Uhr fand unter großem Andrange von Grosvenor-Houfe aus das Leichenbegängniß des österreichisch-ungarischen Honorar-General-Consuls Sir Anthony Rothschild statt. Die Mehrzahl der Familienmitglieder (auch aus Wien und Paris waren dieselben erschienen), die ganze Finanzwelt, ein Theil des diplomatischen und des Consular-Ccrps, sowie zahllose Freunde und Verehrer des Verstorbenen halten sich im Trauerhause eingefunden. An 200 ') schwarzbespannte Carroffen, gefüllt mit Leidtragenden, bewegten sich nach dem sechs Meilen entfernten israelitischen Friedhof in Willesden. Der Prinz von Wales, mehrere Botschafter, der Lord Mayor u. s. whatten nach Landessitte ihre Staatswagen gesendet. Graf Beust, welcher sich vor einigen Tagen, obschon an den Folgen einer heftigen Erkaltung leidend, nach der 300 (?) Meilen von hier entfernten Knowsley-Hall, dem Landsitze des Earl Derby, begab, um mit diesem zu conferiren, hatte die lange und sehr beschwerliche Reise nicht gescheut und war nach London zurückgekehrt, um dem Leichenbegängniß eines Mannes beizuwohnen, welcher sich auch um Oesterreich mannigfache Verdienste erworben hat. Die Trauerfeier nahm mehr als drei Stunden in Anspruch. Als muthmaßlicher Nachfolger des Sir Anthony in dessen Eigenschaft als österreichisch-ungarischer Honorar-General-Consul, ein Titel, welcher sowohl in London als auch in Paris in der Familie Rothschild gewissermaßen erblich geworden ist, wird Mr. Nalhaniel Rothschild, ältester Sohn des Baron Lionel, genannt. Doch ist es noch fraglich, ob dieser als englisches Parlamentsmitglied die ihm zugedachte Auszeichnung anzunehmen vermag. Belgien. Brüssel, 14. Januar. (Privatmitth.» Es giebt keinen Staat in Europa, wo die katholische Kirchenpartei in d e m Maße Ursache aller Unruhen und Kämpfe des Landes ist, wie Belgien. Auf der einen Seite ein Land fast der Glaubenseinheir, da die protestantische und jüdische Bevölkerung äußerst geringzählig ist, von der anderen Seite bas ganze Volk um die freisinnige Constitution und Dynastie geschaart, ohne irgend welche aus der Vergangenheit ererbte Parteien, leidet Belgien, eigentlich zu vollendeter Einheit berufen, an einem tiefen Riß, an einer bis auf den Boden reichenden Spaltung allein durch den Ultramontanismus. Belgien muß gewissermaßen bezahlen, daß es vorzugsweise die katholische Kirche gewesen, welche 1830 zum Abfall von Holland und zur Selbstständigkeit Belgiens mitgewirkt hat. Jetzt steht bekanntlich Belgien in zwei numerisch fast gleichen Parteien da, der liberalen und der ultramontanen, von denen bald die eine, bald die andere eine kleine Kammermehrheit bei den Wahlen erlangt, so daß bald ein liberales, bald ein klerikales Ministerium, wie bas gegenwärtige in die Regierung eintritt. Durch diese Erfolge kühn gemacht, tritt die ultramontane Partei mit ihren Plänen gegen die Constitution und dem Syllabus die Herrschaft zu verschaffen immer unumwundener hervor. Die „Flandre liberale" vom 4. d. sagt hierüber zutreffend: „Eine vollständige Umgestaltung hat sich in der Haltung der katholischen Partei vollzogen. Bis in die letzten Jahre nannte sich diese Partei selbst conservativ, und in den Augen vieler Leute galt sie dafür. In einem Momente der Aufregung hatte sie zur Gründung der fteisinnigsten Verfassung von Europa beigetragen; sie stellte sich als die Vertheidigerin ihres eigenen Werkes hin und bezeichnete die liberale Partei als eine demagogische, bereit, die ganze Gesellschaft umzustürzen. Aber nach und nach haben diejenigen, welche die wirkliche Leitung der Partei in Händen haben, die Bischöfe, die Maske fallen lassen. Sie haben angefangen die wahren Absichten der Kirche, in deren Namen sie befehligen, bemerkbar zu machen. In der letzten Zeit jedoch, berauscht durch einige vorübergehende Triumphe, jede Klugheit und jeden Zwang aufgebend, zeigten sie sich als was sie wirklich find, die glühenden und leidenschaftlichen Bertheibiger der Kirchenherrschast, in dem, was diese am heftigsten und leidenschaftlichsten bezweckt. Sie glaubten unser Land reif für die große sociale Reform; sie glaubten es genugsam vorbereitet für die Priesterherrschaft, und sie gaben offen das Signal zum Sturme gegen unsere modernen Freiheiten und die Verfassung, welche sie sanctionirt. Und gegen diesen Angriff erhebt sich jetzt das ganze Land." — Man wird sich erinnern, daß der Papst selbst dieses Zeichen zum Sturme gegeben, als er die belgischen Pilger aufforderte, endlich von Warten zu Thaten überzugehen und vor Allem die Civilehe aus der Verfassung zu beseitigen. Die Bewegung in Belgien ist allerdings allgemein. Gelingt es aber nicht, die beiden Fractionen der liberalen Partei, die doctrinäre und die radicale, zu verschmelzen, so ist ihr Sieg höchst zweifelhaft. Jedenfalls bedeutsam ist es, daß bei der Neujahrscour, als die höchsten Behördcu des Landes dem Könige ihre Glückwünsche darbrachten, die meisten derselben die Gelegenheit wahrnahmen, ihre Ergebenheit für die Constitution auszusprechen und gegen jeden Angriff auf diese zu protestiren. Die öffentlichen Blätter theilen deshalb besonders die Reden des Präsidenten des Senats, des Präsidenten des Cassationshofes, des General Brialmont und des Goßrabbinen Astruc mit. Der letztere, im Namen des israelitischen Consistoriums von Belgien sprechend, erinnerte, nachdem er die Glückwünsche dargebracht, an den bekannten Ausspruch res Propheten 4 1) Nach der „Times" betrug die Zahl 6 t.

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