Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1876)
- Date
- 1876-01-25
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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55 mögen? Denn das kann doch keinen Unterschied ausmachen, ob ein Gesetz eine Institution für 14 Millionen oder für eine halbe Million Staatsangehöriger betrifft: dem gleichen Gesetze müssen die gleichen Principien einwohnen. Auch kann ja bei dieser neuen evangelischen Kirchenverfaffung nicht von alten Rechten und eingegangenen Beipflichtungen die Rede sein, denn es gilt ja eine neue Ordnung zu schaffen. Wir natürlich finden es gerecht, daß für Zwecke der evangelischen Kirche die evangelischen Christen allein besteuert werden, und nicht wieder der Staatsseckel in Anspruch genommen wird, zu welchem Katholiken und Juden in gleichem Maße beisteuern. Erweitert man aber der Kirche ein Recht, das sie bis jetzt besaß: wie will man das ganze Recht der Synagoge nehmen, das diese bis jetzt auch besessen? Berlin, 14. Januar. Die zum Besten des Fonds für Erziehung jüdischer Waisen Palästinas bestimmten Vorlesungen eröffnete am gestigen Abend vr. L. Gumbinner mit einem Bortrage über die jüdische Gemeinde Berlins im 18. Jahrhundert. Unter großen Bedrückungen hat sich die jüdische Gemeinde Berlins emporgearbeitet, von den eigentlichen Gewerben ausgeschlossen, war sie auf Trödel, Wucher und niedrige Geschäfte angewiesen, Bankgeschäfte vermochten nur die Reichen zu betreiben. Bon schweren Abgaben belastet, stand sie unter Ausnahmegesetzen, und noch die Proceßordnung von 1793 enthielt bezüglich der Juden besondere Beschränkungen, die deren Ehrgefühl verletzen mußten. Noch schwebte das Gesetz der solidarischen Haft über der Gemeinde, welches die Gefammtheit für Vergehen und Verbrechen des Einzelnen verantwortlich machte. Doch herrschte innerhalb der Gemeinde der Geist der Duldung und gegen so manchen wurde stille Nachsicht geübt, von dem man wußte, daß er nicht rechtgläubig sei. Der große Kurfürst zog in seiner Toleranz wie die ftanzösischen Refugiös, so auch die Juden nach Berlin; sein Sohn König Friedrich I. belegte die Gemeinde mit so harten Steuern, daß wiederholt Anleihen gemacht werden mußten. Die 1572 neu gegründete Gemeinde hatte keine öffentliche Synagoge und einen Begräbnißplatz an der jetzigen Laudwehrstraße; einen zweiten anzulegeu gestattete der große Kurfürst aus Angst vor den Berliner Bürgern nicht. Als die Privatsynagogen nicht mehr ausreichten und eine öffentliche in der Gegend der Papenstraße errichtet werden sollte, widersprach die Geistlichkeit wegen der Nähe der Marienkirche — ein Vorgang, der sich noch im Jahre 1846 dem Rabbiner Michael Sachs gegenüber wiederholte, welchem der Cultusminister v. Eichhorn nicht gestattete, in der Neuen Friedrichstraße wegen der Nähe der Garnisonkirche eine Synagoge zu bauen. Der Grundstein zur alten Synagoge in der Heidereutergaffe wurde 1712 gelegt. Bald darauf gelangte König Friedrich Wilhelm I. zur Regierung, der eine unüberwindliche Abneigung gegen die Juden besaß. Seiner Absicht, daß jeder Jude ein Abzeichen tragen muffe, konnte die Gemeinde nur durch eine Zahlung von 8600 Thalern entgegentreten, im Jahre 1737 befahl der König die Ausweisung der überzähligen Juden, deren 587 die Stadt verließen; ein anderes Mal zwang er sie, ihre Wohnungen mit denen der Soldaten an der KönigSmauer zu vertauschen. Im Jahre 1714 wurde die neue Synagoge, die bis 1818 stand, eingeweiht, der König schenkte einen noch jetzt erhaltenen und verwendbaren Teppich. Der Bau des Tempels hatte die Gemeinde in tiefe Schulden gebracht, zu deren Tilgung verschiedene Genossenschaften, welche für milde Zwecke gestiftet waren, beitrugen. So die Beerdigungsbrüderschaft, die schon im Jahre 1672 angeführt wird. Sie besorgte die gesammte Beerdigungsfeier, von der Redner einen ausführlichen Bericht gab. Bon 1672 bis 1527 befand sich der jüdische Kirchhof in der Oranienburgerstraße; wie viel dort beerdigt sind, ist nie bekannt geworden, da erst vor 104 Jahren die Regierung die Führung von Standesregistern bei den Juden anordnele. Die Särge selbst wurden zum Begräbnißplatz getragen , gegen die Einführung des Wagens sträubte sich die damalige Sitte. Ferner ist zu erwähnen die Brüderschaft der Krankenbesucher, die Pfleger und Pflegerinnen vertheilte. Beim Begehen ihres 50jährigen Bestehens gründete sie ein Krankenhaus, das zunächst nur von fremden Juden benutzt wurde, es war ein Stockwerk hoch, zwanzig Fenster breit und hatte 7 Zimmer für Männer und 5 für Frauen. Der erste Arzt im Krankenhause war der Vater der bekannten Henriette Herz; er ging noch im rochen Rock, der Tracht der Aerzte, und cheilte dem Apotheker mündlich das Recept mit. An der Anstalt war noch ein Wundarzt thätig, der jedoch ein Christ war, — Juden durften nicht Chirurgie betreiben. Die jährlichen Verwaltungskosten betrugen 4000 Thaler. die durch Beiträge gedeckt wurden. Bis vor 11 Jahren befand sich das Krankenhaus an seiner alten Stelle in rer Oranienburgerstraße. Außer einer Genossenschaft zum Studium der heiligen Bücher gab es eine solche zur Unterstützung ftemder Juden, die ihr Haus am Rosenthaler Thor hatte, eine Genossenschaft zur Ausstattung armer Bräute, eine solche zur Unterstützung mit nothwendigen Kleidungsstücken, eine für die Armen Palästinas, und eine 1745 gestiftete Genossenschaft der Frauen für kranke Frauen und Wöchnerinnen. Mit Friedrich dem Großen hörte der Druck auf. Das revidirte Judeuprivilegium von 1750 enthielt gleichwohl noch manche Beschränkung, wie denn des Königs Abneigung gegen die Juden so weit ging, daß denselben zu den Zeiten, wenn Friedrich die große Parade im Lustgarten abhielt, durch öffentliche Bekanntmachung in der Synagoge die Annäherung an de» Lustgarten auf das Strengste verboten wurde — der König liebe solche Gesichter nicht. Zu jener Zeit war es, daß in Moses Mendelssohn die edelste Blüthe des jüdischen Geistes sich entfaltete, eine Erscheinung, die sich nur in der Stadt Friedrichs vollziehen konnte, Bildung und Cultur zogen in die jüdischen Häuser, von denen einige von Wilhelm und Alexander von Humboldt wegen der geistigen Anregung gern besucht wurden. Die Rabbiner jener Jahre waren Fränkel und Lewin, zwei hochgebildete Männer,