Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1876)
- Date
- 1876-01-25
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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53 2bettLdu/ooc&tic&teu/. Deutschland. Leipzig, 11. Januar. «Privatmitth.) In Nr. 53 v. I. machte schon eine Correspondenz aus Paderborn auf das daselbst durch den Bonifaciusverein veröffentliche und durch Westphalen und Rheinland verbreitete Pamphlet „Nicht Judenhatz, sondern Christenschutz" aufmerksam, welches in seinen Invectiven gegen den Talmud und die Juden alles bisherige Maß überschreitet, was gewiß bei dem Tone, den die ultramontanen Blätter und Broschüren gegen die Juden seit langer Zeit anschlagen, sehr viel sagen will. Es findet hier eine Vergiftung des katholischen Volkes mit Judenhaß dermaßen statt, daß eine Abwehr zu suchen zur Pflicht wird. Widerlegungen sind, wie die Erfahrung sattsam gelehrt hat, gänzlich wirkungslos, da sie von den Gegnern gar nicht beachtet werden, die ja nur auf den Theil des katholischen Volkes wirken wollen, zu welchem die Widerlegungen den Eingang gar nicht finden. Deshalb beschloß der Ausschuß des israelitischen Gemeindebundes, unter dem Vorsitz des Stadtraths Kohner, ein Gesuch an das königl. preußische Justizministerium zu richten, um eine strafrechtliche Verfolgung der gedachten Brochüre zu erwirken. Die Petition ist am 8. d. abgegangen und lautet folgendermaßen: An das Königl. Preußische Ministerium der Justiz in Berlin. Hohes Ministerium! Der ehrerbietigst Unterzeichnete Ausschuß des deutsch-iSraelitifchen Gemeindebundes gestattet sich, im Namen der von ihm verttetenen israelitischen Gemeinden Deutschlands und unter Bezugnahme auf § 1 al. 1 der unter A beigefügten Statuten des deutsch-israelitischen Gemeindebundes zur Wahrung der Ehre und zum Schutze der Rechte der israelitischen Religionsgesellschaften Deutschlands, welche von preußischen Staatsangehörigen im preußischen Staate schwer verletzt und beziehentlich bedroht sind, die Intervention des Hohen Ministern nachzusuchen. In der unter k beigefügten, aus der Bonifacius-Druckerei in Paderborn hervorgegangenen und in Westphalen und den Rheinlanden in Tausenden von Exemplaren verbreiteten Broschüre: Nicht Judenhatz — aber Christcnschutz sind nicht nur die Lehren und Einrichtungen unserer Religion unter Bezugnahme auf angebliche Citate aus dem Talmud in der abscheulichsten Weise beschimpft und verleumdet worden, cfr. Bl. 4 der Broschüre, — sondern der ganze Inhalt der Broschüre von Anfang bis zu Ende ist offenbar lediglich zu dem Zweck geschrieben, um die christliche, namentlich die ultramontan-gefinnte Bevölkerung Deutschlands zum Haß und zu Gewaltthätigkeiten gegen die verhältnißmäßig geringe Anzahl Juden anzureizen. An dieser Tendenz des Pamphlets wird auch dadurch nichts geändert, daß die Ueberschrift: ,/Nicht Judenhaß" und das auf Seite 3 Gesagte scheinbar eine Verwahrung gegen Gewaltmaßregeln wider die Juden enthalten. Denn diese Verwahrung hat gegenüber dem gefammten übrigen Inhalt der Broschüre, welcher den Haß und die Feindschaft gegen die Juden bei der ungebildeten Menge auf das Höchste anzufachen geeignet ist, gar keinen Sinn und ist offenbar nur in der Absicht ausgesprochen, um einer strafgesetzlichen Verfolgung gegenüber sich darauf berufen zu können. Es sind aber die Sttafgesetze und zwar sowohl § 130 wie § 166 des deutschen Strafgesetzbuches durch den oder die Verfaffer, den Drucker, Verleger und die Verbreiter dieser Broschüre eklatant verletzt. Hohes Ministerium wolle daher hochgeneigtest die competente Königl. Staatsanwaltschaft mit Anweisung zur straftechtlichen Verfolgung der bezeichneten Theilnehmer an dem angezeigten Verbrechen versehen und davon, daß dies geschehen, sowie von dem Ausgange der anzustellenden Untersuchung den Unterzeichneten Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, deffen Mitglieder aus der Beilage 6 zu ersehen ist, in Kenntniß setzen. In höchster Ehrerbietung verhartt des Hohen Ministerii ergebenster Ausschuß des deutsch-israel. Gemeindebundes, (gez.) Moritz Kohner. Leipzig, 8. Januar 1876. B. Jacobsohn, Schriftführer. Bom Mittelrhein, im Januar. (Privatmitth.) Unter den Tugenden der Juden wird selbst von ihren Gegnern stets die Sparsamkeit aufgeführt, während man ihnen andererseits einen starken Hang zum Luxus zuschreibt. Schon sobald man von den Juden des Mittelalters spricht, geht die Sage, daß sie unter den äußerlichen Schein der Armuth und des Verfalls im Inneren ihrer Häuser den großartigsten Luxus an Meublen und Gewändern entfaltet hätten. Wenigstens haben sich ries die Dichter, die unberufenen, wie die berufenen, zu Nutz' gemacht, um ein farbenreiches Bild in den schärfsten Gegensätzen des Aeußeren und des Inneren zu entwerfen. Wir glauben an diese Fabel nicht, wenigstens nicht in den occiventalischen Ländern, denn im Orient sind Schmutz und Pracht nebeneinander von jeher und allgemein heimisch. Wer aber durch ein ehemaliges Ghetto geht, sieht, daß die Juden früherer Zeit in den engen Räumen und dunkeln Löchern, in die man sie gebannt, gar keinen Platz zur Entfaltung von Luxus gehabt haben. Was die Gegenwart Betrifft, so ist allerdings die Neigung zu luxuriöser Erscheinung seitens der Juden nicht abzuleugnen. Es hat dies eine.