Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1876)
- Date
- 1876-01-18
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227073--34155-3304007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Jever 1× ep/1047966
OCR text
40 kreise begrüßen zu können, sehen wir in Erfüllung unserer Bitte I ein Zeichen ihrer allbewährten und hier wohl anerkannten Zuneigung für den Handwerkerstand und seiner Interessen. Der Vorstand des Handwerker-Meister-Vereins. G. Schumann, Vorsitzender. F. Schluß. Schriftführer. Stuttgart, 31. Dec. Dem „Schw. M." schreibt man „vom Lande": Die israelitische Oberkirchenbehörde hat in einem Generalerlasie an sämmtliche Rabbinate eine Verordnung über die Stellung zum Reichsgesetze über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung ergehen lasten. Die isrrel. Oberkirchenbehörde spricht sich dahin aus, daß die Gesetzgebung durchaus nicht beabsichtige, die Beziehungen derjenigen, welche in den Ehestand treten wollen, zu ihrer Kirche anzutasten oder zu beeinträchtigen. Die israelitische Kirche aber habe noch ein höheres Interesse daran, daß ihre Angehörigen auch in Zukunft in die Ehe mit dem sittlichen Geiste und der ernsten Weihe eintreten, für welche die kirchliche Trauung Ausdruck und Ouelle bilden soll. Da nun aber verschiedene Bestimmungen des Eap. 8 der Gotresdienstordnung von 183«) „von der Trauung" hinfällig werden, so wurde nach Anhörung der Rabbinen des Landes eine Umarbeitung jenes Eapitels und des Trauungformulars vorgenommen. Am Schlüsse des Actes spricht hinfort der Rabbiner lt. § 10: „Somit erkläre ich Ihre Ehe vor den Augen des allmächtigen Gottes für geschlosten und geheiligt nach dem Gesetze, das er Moses und Israel gegeben." Das Verlesen der sog. Ketuba, der chaldäischen Urkunde, hat zu unterbleiben. Nürnberg, im Januar. (Privatmitth.'l Einer der wesentlichsten Factoren des jüdischen Cultus ist die Synagogenmusik. Durch nichts offenbart sich der Charakter des Gottesdienstes klarer als durch diese. Es gab eine Zeit, wo in der synagogalen Musik Willkürlichkeit und Gespreiztheit sich geltend machten, wo Effecthascherei und Künstelei die Würde des Gottesdienstes erdrückten, und noch heute ist nicht überall in den Synagogen Wahrheit und Natürlichkeit zu finden. Bei alledem hat die Synagogenmusik eine künstlerische Entwickelung durchgemacht, und sie hat auch schon, wenn auch noch nicht seit langer Zeit, namhafte Vertreter. Der bedeutendste unter ihnen ist unstreitig Louis Lewandcwski. Statt auf die Kritik der Anderen einzugehen, wollen wir nur die Bedeutung des Letzteren rarlegen. Lewandowski, von Hause aus eine tiefe und zarte Natur, hat sich mit echt künstlerischem Sinne in den jüdischen Geist und das jüdische Gemüth versenkt, den Volksmund hörte er sprechen und das Geheimniß der religiösen Poesie rauschten ihm die Psalmen zu. Er hat nicht bloß die Worte vernommen, sondern auch ihre Rede. So t) Wir geben die nachfolgende Meinungsäußerung, weil sie immerhin auf eine bedeutende Erscheinung für die Svnagogalmnsik auf merksam macht und aus der factischen Einwirkung derselben geflossen ist; wir treten aber nicht für die Aus'ckließlichkeir ein, welche der Herr Correfp. dem Werke des Eoinponisten, den er bespricht, vindiciren will. Die Redaction. ist es natürlich, daß als er sich anschickte, diese musikalisch zu illustriren, er nicht in maßlosen, ungestümen, durch Aeußerlichkeilen imponirenden Sätzen sich äußern konnte. Er hat den echten Ton der Synagoge gefunden, weil er die Geschichte Israels verstanden hat; in den ernsten wie in den jubelnden Klängen wallet der Genius des Judenthums, der ihm einen unerschöpflichen Born von Melodien erschlossen hat. Ein musikalischer Gedanke löst den andern ab, nachdem er voll und sattsam ausgeklungen ist, nirgends Phrase und Machwerk. Wer erkennt aber auch nicht sogleich in der fließenden und gesanglichen Stimmführung den Meister und fein fühlenden Aesthetiker. So ist Lewandcwski berufen, der Synagoge die auf künstlerischer Basis beruhende einfach-erhabene Musik zu geben. Auf echt jüdischem Boden ist diese musikalische Welt erstanden, denn Lewandowski ist ein begeisterter Jude im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn gerade Lewandowski noch nicht überall durchgedrungen ist, so ist das eben ein Zeichen, wie der Synagogencultus noch nicht überall der Musik die hohe Bedeutung zuerkennt, sondern sie als ein nebensächliches Moment betrachtet. In den meisten Gemeinden finden wir ein Conglomerat von Compositionen, daß man versucht wäre, zu glauben, die Zerrissenheit und Spaltung der Juden zeige sich selbst da, wo Harmonien herrschen sollten. Zum ersten Mal in Deutschland hat die Gemeinde Nürnberg in richtiger Erkenntniß, wie sehr die Synagogenmusik zur Einheitlichkeit und Wirksamkeit des Gottesdienstes beitrage, dem königl. Musikdirectvr Herrn Lewandowski den musikalischen Theil ihres Eulrus übertragen. Der Erfolg zeigt, daß kein Mitglied fortan auch nur einen Ton misten will und daß es sich einen Ersatz durch andere Weisen nicht mehr gefallen lasten würde. Das ist eine Wirkung, auf die, wie wir glauben, Lewandowski besonderes Gewicht legt. Er will einen typischen, feststehenden Gesang, der allerdings durch Originalität und liefe Innerlichkeit sich auszeichnen muß -), um immer frisch und neu zu bleiben. Erst nach 3öjähriger segensreicher Wirksamkeit in der Berliner Gemeinde hat sich Herr Lewandowski entschlossen, die Synagogenmusik des ganzen Jahres in einem großen chorischen Werke vierstimmig zu setzen. Das Werk führt den Titel: Thotla w’siuinih. Jever Gemeinde, ohne Unterschied der Richtung, ist dasselbe zugänglich, denn auch ohne Begleitung der Orgel, also a capella, kann das Werk ausgeführt werden. Wir machen die verehrlichen Gemeinden auf dasselbe mit allem Nachdruck aufmerksam, denn es bietet das Edelste und Beste, was auf dem Gebiete der Synagogenmusik geleistet worden ist. 2) Wir gcstcbcn offen, daß wir für eine ausschließliche Typi! und Feststellung eines Theiles unsres Gottesdienstes, der nickt zu den überlieferten gcliörr, durchaus nicht eingenommen sind. Wir sind eben kaum der alle Bewegung des Geistes und der Form erdrückenden Fesselung entgangen, und das Leben in unsrem Eultus kann nur durch die Flüssigkeit der Form in den Thcilen desselben, welche nicht als überliefert feststehen müssen, erhalten werden. Die Redaction.