Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1876)
- Date
- 1876-01-18
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 losen Geistern noch vollkräftig vorhanden und bei Gelegenheit wirksam sind? Bevor neue Ideen so in das Blut des gesammlen Volkes übergegangen sind, daß es gar nicht anders zu denken und nach anderen Motiven zu handeln vermag, bestehen oft in demselben Geiste die alten und die neuen Ansichten nebeneinander, oder die letzteren sitzen noch in der Gefühlswelt fest, so daß es nur auf die einzelne Veranlassung ankommt, ob jene oder diese in den Vordergrund treten möge. Dies können wir an einzelnen Persönlichkeiten sehr häufig beobachten. Gerade bei Len letzteren Angriffen auf die Juden zeigte es sich, daß Viele einstimmten oder doch den Angreifern bei allen ihren Extravaganzen und selbst niederträchtigen Bosheiten nicht ganz Unrecht gaben, die dennoch jeden Versuch, die gesetzliche Gleichstellung anzutasten, mit Nachdruck zurückweisen würden. Aber umgekehrt, können wir allen diesen Jnvectiven wiederum die Frage entgegenhalten: konnte denn Jemand erwarten, daß fünfzehn Jahrhunderte der Unterdrückung, der Verfolgung, der Ausschließung, fünfzehn Jahrhunderte, in Lenen man den Juden keinen Fuß breit Erde zum Besitz und zur Bearbeitung gestartete, jedes Handwerk, jede Kunst und Wissenschaft, jede Theilnahme an der mechanischen Arbeit, an der Industrie, am öffentlichen Leben versagte, in denen man sie in elende Quartiere verschloß, sie überall verhönte und unter die Füße trat, in kürzester Zeit ohne irgend welche Spuren bleiben würden? Nein, wir weisen nicht darauf hin, daß schwerlich ein anderer Volksstamm durch eine so lange Periode äußerster Mißhandlung sich auf geistiger und sittlicher Höhe erhalten hätte — denn wir verdanken dies der erhabenen Religion, die wir bekennen, und der väterlichen Sitte im innigsten und treuesten Familienleben. Aber die fünfundzwanzig Jahre, seit denen man in vielen Staaten uns erst frei zu athmen gestattet, konnten doch nicht alle Wirkungen jener grausamen fünfzehn Jahrhunderte aufheben, uns allesammt aus den gewohnten Bahnen Herausreißen und in neue versetzen, die uns bis dahin unzugänglich gewesen! Wer verlangte, daß nunmehr alle Juden Landbebauer, Handwerker, Fabrikarbeiter und Tagelöhner werden sollten — während sie dies in allen Ländern zu genügendem Theile immer gewesen, wo man es ihnen zu sein von jeher gestattet hatte — wer verlangte, daß sie alsbald jede Eigenthümlichkeit, sei sie lobens- oder tadelnswerth, abstreifen sollten: der forderte eben etwas, was der menschlichen Natur völlig zuwider ist. Ja, ein solches Experiment wäre auch gefährlich gewesen, denn es hätte in der Mehrzahl Menschen hervorgebracht, die das Eine nicht mehr, das Andere noch nicht hatten leisten können. Freilich, eine solche Betrachtung liegt nur dem Borurtheilsfreien, Billigdenkenden und Einsichtsvollen nahe, nicht aber jener Rotte, welche nur Haß und Unzufriedenheit, Hader und Kampf mitten in das Volk werfen will, um aus den Wirren eigenen Vortheil zu ziehen und eine geschwundene Herrschaft womöglich wieder zu erlangen. Diese Erkennlniß von der Jugend der neueren Anschauungen und Einrichtungen muß uns bei aller Zuversicht auf ihre Dauerhaftigkeit dennoch um so wachsamer und eifriger machen und unsere Hingebung anfeuern. Wir dürfen nicht aus den Augen lassen, daß immer noch aus der alcen Gedanken- und Gefühlswelt genug Reste übriggeblieben, mit -denen man rechnen und die Ausgleichung suchen muß, denen wir aber nicht zugestehen dürfen, das gute Neue wieder zu erdrücken oder dessen Wachsthum zu verkümmern und zu verunstalten. Ja, aus dieser geschichtlichen Erkenntniß werden wir Nachsicht, Vorsicht und Zuversicht zugleich ziehen. Die Statistik der jüdischen Sevölkerung im außerpreußischen Deutschland und in der Schweiz. IV. <) Die jüdische Kirchenversasiung in Baden ist die älteste ihrer Art in Deutschland, und datirt von 1800. Das ganze Land ist in 15 Rabbinatsbezirke gelheilt, nämlich: Breisach, Bretlen, Bruchsal, Bühl, Carlsruhe, Gailingen, Heidelberg, Ladenburg, Mannheim, Mosbach, Schmieheim, Sinsheim, Sulzburg, Tauberbischofsheim. Jeder Bezirk hat einen Synagogenrath, bestehend aus dem Rabbiner und zwei Bezirksältesten, jede Gemeinde hat einen Gemeinde-Synagogenrath; sie alle stehen unter dem „Großherzoglichen Oberrath der Israeliten", welcher aus einem Regierungscommisiar, einem Oberrathsrabbiner, 2 Laien aus Karlsruhe, 2 auswärtigen Laien und 2 Bezirksrabbinern, von welchen der eine der von Karlsruhe ist. Der Geschäftskreis aller dieser Instanzen ist durch Verordnungen gesetzlich geregelt. Die jüdischen Lehrer sind in allen Rechten den christlichen gleichgestellt. Wo die jüdischen Schüler die öffentliche Schule besuchen, haben sie das Recht, Local und Heizung für ihren Religionsunterricht von der Schule zu verlangen. — Die jüdische Bevölkerung des Großherzogthums Badens belief sich 1871 auf 25,703 Seelen, also 1 auf 57. Sie bilden 149 Gemeinden mit 16 Rabbinern, 18 Vorbetern und 127 Lehrern, mit 149 Synagogen, von den 2 gemiethet, mit 28 Elementar- und 109 Religionsschulen mit 3945 Schulkindern in 130 Schulhäusern, wovon 5 gemiethet, sowie mit 52 Begräbnißplätzen, 192 Vereinen, 179 Stssmngen. — 7 dieser Gemeinden haben eine Seelenzahl über 500, nämlich: Breisach, Bruchsal, Karlsruhe, Gailingen, Heidelberg, Mannheim, Schnieheim; jedoch nur 1, Karlsruhe, erreicht die Taufend, nämlich 1329, nnd Mannheim hat 3135 Seelen. — — Außer Hamburg ist das von Juden bevölkertste deutsche Land bas Großherzogthum Hessen. In seinen 3 Provinzen wohnen ziemlich gleichvertheilt 24,050 Juden, also 1 aus l) S. Nr. 48. 49. 52 des vor. Jahrg.