Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1876)
- Date
- 1876-01-18
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Menschengeschlechtes, die Einheit aller Glieder eines Volksstammes, einer Nation, eines Staates zur Consequenz, und hieraus entfalten sich die übrigen Grundsätze von selbst. Sobald aber dieser Monotheismus mit einer besonderen Dogmenschicht umgeben und in diese letztere der religiöse Schwerpunkt verlegt wird, wird er auch vom gesellschaftlichen Menschen getrennt, dieser als der religiösen Welt entfremdet angesehen, die Ausschließlichkeit für die Gläubigen hereingebracht und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältniffe bleiben nicht nur unangetastet, sondern werden von der Kirche sanctionirt und aufrecht erhalten. Die ganze Geschichte spiegelt diese unsre Sätze als der Wahrheit getreu ab. Die Feudalen und Ultramontanen haben daher ganz recht, wenn sie die Principien und Einrichtungen der gegenwärtigen Gesellschaft den civilisirten Staaten als neu verschreien, als den von ihnen anerkannten Ordnungen widersprechend und ihre Anhänger zum hartnäckigsten Kampfe gegen sie und womöglich zur Vernichtung und Ausrottung derselben aufrufen. Sie mögen dies thun, weil sie es nicht bester können. Aber völlig im -Jrrthum sind sie, sowohl wenn sie der Gesellschaft das Recht absprechen, diese Grundsätze anzunehmen und zu verwirklichen, als auch wenn sie wähnen, sie ihr wieder entreißen zu können. Alle Entwickelung der Gesammtheit ist vollberechtigt und von Gott selbst, der nicht allein den Menschen dazu befähigt und bestimmt hat, sondern auch in seiner Vorsehung ihn dahin leitet. Entweder schon der erste Schritt des Menschen über seine erste Entwickelungsstufe war unberechtigt und wider Gott, oder für alle Fortschritte der Gesammtheit liegt das heilige Recht im Geiste des Menschen nach dem Willen seines göttlichen Schöpfers. Irgend welche Ausschreitungen Einzelner, einzelner Völker oder Zeiträume widerstreiten hiergegen nicht. In rer Gesammtheit liegt das Correctiv und die Ausgleichung. Der Terrorismus in der ersten französischen Revolution wurde von den übrigen Völkern verunheilt, aber die allgemeinen Grundsätze dieser großen Umwälzung wurden und werden allmälig von Allen angenommen. Das widersinnige System des Socialismus wird in und von allen Staaten verworfen; aber die Tendenz, die Verhältniste der freien Arbeit zu ordnen^und zu verbestern, wird überall in thatkrästige Erwägung gezogen. So wenig wie irgend eine Macht etwa die Entdeckung Amerikas, die Anwendung des Dampfes und der Elecrricität verhindern oder beseitigen gekonnt hätte: ebensowenig existirt eine weltliche oder geistliche Herrschaft, welche die gesellschaftliche Entwickelung, die Entwickelung zur Humanität und zum Rechte in der Gesammtheit abzuschneiden oder rückgängig zu machen vermöchte. Wer hierfür in der Geschichte die Belege, die überwältigendsten Beispiele nicht zu finden weiß, der stellt sich blind, oder leidet an diesem Gebrechen. In unserer Zeit laßt sich selbst ein einzelnes Volk diejenigen Rechte, die es in seinem Staatsleben erlangt hat, auf die Länge nicht wieder entreißen. Weil man dies in Frankreich immer wieder versuchte, hat man es seinen vielfachen Revolutionen ausgesetzt. Warumj? Weil eben diese Volksrechte nicht mehr einem einzelnen Volke, wie etwa früher dem brittischen, angehören, sondern allen civilisirten Völkern. Sie sind daher ein Lebenselement der Gesammtheit geworden. Wenn daher auch die Feudalen und Ultramontanen irgendwo einen starken Einfluß wieder erlangen, sei es selbst im Unterrichtswesen, so hat dies doch auf die Dauer nichts zu sagen. Sobald sie, und dahin müffen sie ihrer Tendenz nach unvermeidlich kommen, die Volksrechte wirklich anzugreifen beginnen und ihre eigenen Maximen wieder zu realisiren versuchen, wird das Volk selbst gegen sie erheben und sie von sich schleudern. Ist dies Alles sicherste Wahrheit, so geht doch daraus hervor, wie verhältnißmäßig jung noch die neuen Ideen und Einrichtungen der civilisirten Welt sind. Soll aber eine gesellschaftliche Ordnung für viele Jahrhunderte erwachsen, so bedarf sie auch langer Zeit, um sich durchzuarbeiten und auszubilden, in Wurzel, Stamm und Gezweigs fest und dauerhaft zu werden. Die Geschichte ist es, die alle menschlichen Institutionen heiligt und zu dauerndem Bestände befähigt. Hieraus ist es genügend erklärlich, warum diese neueren Institutionen noch so vielen Schwankungen ausgesetzt sind, selbst ihre Freunde in der Durchführung und Ausgestaltung oft sehr auseinandergehen, und ihre Gegner noch immer Macht genug zu schweren Kämpfen besitzen. Wie sollte man sich deshalb auch wundern dürfen, wenn Voruriheile, Aber- und Wahnglaube, die durch mehr als ein Jahrtausend gepflegt worden und die Herrschaft übten, noch immer zahllose Menschen beeinfluffen, und ihnen klare Einsicht und richtige Erkenntniß verschließen; daß noch in unsren Tagen Dogmen aufgestellt werden können und Millionen Anhänger finden, von denen man voraussetzen müßte, daß ihre Verkündigung auch ihr Grabgeläute sein sollte! Aber die Bildung und Gesittung ist eben noch zu jung und der Boden für sie ist erst zum Theil urbar gemacht, so daß es bei der Mehrheit der Menschen vielmehr die persönlichen Interesien, die materiellen Vorthcile, welche die neueren Einrichtungen der großen Volksmenge boten, als die Erkenntniß der Wahrheit und des Rechtes sind, die den neueren Anschauungen so schnell zum Siege verhalfen. Darum müsien wir in allen diesen Dingen auf die Geschichte zurückgehen, um uns den Verlauf zu erklären und über mancherlei Unbille zu trösten. In der That darf es uns nicht allzusehr in Erstaunen setzen, wenn neuerdings von den alten Feinden und Hassern auch gegen die Gleichberechtigung der Culte, die Gleichstellung der Bürger aller Confessionen und die Stellung der Juden insbesondere auf's Heftigste angestürmt wird. Alle diese Principien und Verhältnisse find noch zu jung und zählen in vielen Staaten kaum ein Vierteljahrhundert. Abgesehen nun davon, daß gewisse Kasten durch sie in ihren persönlichen Interesien sich geschädigt halten, sollen fünfzehn Jahrhunderte der Vorurtheile, des Hasses, der Verachtung, die sich diese lange Zeit hindurch für vollberechtigt erachteten, nach einem so kurzen Zeiträume schon spurlos vorüber sein? Müsien wir nicht voraussetzen, daß sie in zahl-