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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-11 · Heft 2 (11.1.1876) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 2 (11.1.1876)
Date
1876-01-11
Page
Seite 28 (sequence 12)
Language
German
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28 Zerrinnen in das weiße Lickt, So spielt in lausenvfacker Klarheit Bezaubernd um den trunk'nen Blick, So schließt in einen Bund der Wahrheit In einen Strom des Lichts zurück! Dann ist er kein müder, vereinsamter, gescheiterter Mensch mehr, sondern ihm selbst gilt jenes begeisternde Wort, und er ist ein Glied in der Kette jener Guten und Edlen. Glücklicher Mann! Was endlich das fünfte Exemplar betrifft, so war es ein erbärmlich Büchlein, das nur die Gedichte Schillers enthielt, ein schlechter Wiener Nachdruck. Dazu finden sich noch im ganzen Buche Bleistiftzeichen, und auf der Rückseite des Titelblattes stehen vier Inschriften. Zuerst in ganz feiner, kritzeliger Mädchenschrift: „Ihrem lieben Cousin Franz. Iosephine." Darunter ist ein Kreuz gemalt und in fester Schrift die Worte: .,8us>ine et abstine,“ und die Unterschrift: „Francisco.“ Dan in rohen Umriffen ein Beil und darunter die Unterschrift: „Basil Woyczuk." Und schließlich findet sich da etwas wie eine Fackel mit Tinte hingezeichnet, und darunter steht in sehr ungelenker Handschrift: „Dises Puch geher auch dem Israel Meisels, weil ihm das seine guten Freind erlaupt haben." Und das ist zugleich die Geschichte des Büchleins; man muß sie nur noch erläutern. Die Josephine war ein sehr schönes Mädchen. Sie hatte große, blaue Augen und dazu braunes, lockiges Haar, und wenn sie lachte mit ihrer liefen, prächtigen Stimme, so konnte Niemand widerstehen und mußte mitlachen, so herzlich klang es. Auch ihr Cousin Franz Lipecki lachte mit, obwohl dies gar nicht in seiner Natur lag; er war ein stiller, scheuer Junge. Aber als er älter wurde, so in den obersten Claffen des Gymnasiums, da lachte er nicht mehr. Seine Cousine wurde immer hübscher und er immer häßlicher. Dann verlernte auch die Josephine das Lachen; ihr Bater, welcher k. k. Hilfsämter-Directions-Adjunctens-Substitut zu Lemberg war, starb, und sie kam mit ihrer Mutter in große Noth. Der Franz hatte sonst ein mitfühlendes Herz und half auch den beiden hilflosen Frauenzimmern, so weit dies ein armer Student der Rechte vermochte, und weit über seine Kräfte hinaus; aber eine seltsame Heiterkeit kam wieder über ihn; schier war's, als freute er sich, daß seine Cousine so arm geworden. In jener Zeit schenkte sie ihm zu seinem zweiundzwanzigsten Geburtstage das armselige Büchlein, welches sie im Nachlaffe des Vaters vorgefunden, aber sie gab ihm dazu so helle Worte und Blicke, daß es das schönste Geschenk war, womit ein Mensch den andern erfreuen kann. Und drei Monate darauf verlobte sich die Josephine mit einem reichen Gastwirth. Franz gratulirte ihr herzlich, wie es sich unter Verwandten gebührt, zuerst schriftlich, dann mündlich. Nur daß er dabei etwas gelb aussah und darum noch viel häßlicher als sonst. Der glücklichen Braut fiel es nicht auf, aber ihre Mutter ftagte ihn besorgt, ob er krank sei. Ein wenig allerdings, erwiderte er, aber er stehe im Begriffe, eine Curmethode einzuschlagen, von der er sich vielen Erfolg verspreche. Und zwei Wochen darauf trat er in das Kloster der Dominicaner zu Lemberg. Aber es war eine schlechte Curmethode gewesen. Sein armes, zertretenes Herz that ihm in seiner Mönchszelle ebenso bitter weh, als früher in seinem Stuventenstübchen. Wohl hatte er das Kreuz und jeden düsteren Mahnspruch des Augustinus nicht blos auf das Buch der Geliebten geschrieben, sondern auch tief in sein Herz. Aber man entsagt nicht so leicht, wenn man zweiundzwanzigjährig ist; das arme, junge Herz fährt fort, zu klagen und anzuklagen. Dazu kam ein ander Leid. So lange er die Institutionen des Justinian studirt, war er auch gläubig gewesen, so nebenher, weil ihn der Glaube nicht viel beschäftigt. Aber nun war dieser Glaube der einzige Fels gewesen, dem er vertraute, nachdem Alles um ihn her gebrochen und gefallen. Und nun fühlte er, fühlte entsetzt, wie auch dieser Fels wanke ... Es ist selten mehr Leid über ein Menschenherz gekommen, als über jene des Franciscus. Da lag er in seiner Zelle und rang und rang: Balsam für seine Wunden hatte er gesucht, und Gift hatte er gefunden. Franciscus ging nicht wieder aus dem Kloster, aber nur deshalb, weil er dachte: „Es ist nicht mehr der Mühe werth, es bauen nicht mehr lange; ob ich bleibe, ob nicht, das entscheidet höchstens über die Formen meines Begräbnisses." Er war immer bläffer und schwacher geworden und hustete viel. Das sahen die Oberen und beschlossen, ihn in das Ordenskloster zu Barnow zu schicken, weil dort die Luft beffer oder weil ein Todesfall im Kloster viel Ungelegenheiten macht. So war der Mönch Franciscus nach Barnow gekommen, um da zu sterben. Aber vielleicht war da die Lust wirklich heilkräftig oder die währende Zeit linderte die Schmerzen seiner Seele, genug — er genas. Und nicht blos sein Körper. Er konnte nicht mehr gläubig werden, aber seinen Gott errettete er sich und verehrte ihn in der vorgeschriebenen Form und Satzung. Es muß wohl der rechte Gott gewesen sein, auf den er da traf, denn sein Herz ward milder, nicht glücklich, aber ruhig. Und nun verstand er auch erst recht jenes Wort des Augustinus, vielleicht quoll ihm sogar ein tieferer Sinn daraus, als dem Manne, der es ausgesprochen. Er erkannte, wie viel Elend auf Erden sei, und daß es nur Ein Licht gebe, all' das Dunkel zu erhellen, das Licht im eigenen guten, mitleidigen Herzen. Und in dieser Stimmung fand er den Muth, der Vergangenheit in's Antlitz zu schauen und wieder einmal jenes kleine Büchlein aufzusuchen und darin zu lesen. Der Eindruck war ein ungeheurer, den er da empfing. Was sich so stammelnd aus seinem armen, kämpfenden Herzen emporgerungen : das Evangelium reiner Begeisterung, das Evangelium der Menschenliebe, hier scholl es ihm voll und prächtig in bezaubernd schönen Worten entgegen. Schiller ist so recht ein Dichter der Armen und Beladenen. Bon jener Stunde an war der junge Mönch Franciscus nicht mehr einsam, wie er es bisher

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