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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-11 · Heft 2 (11.1.1876) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 2 (11.1.1876)
Date
1876-01-11
Page
Seite 27 (sequence 11)
Language
German
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27 waren. Er möge sich Arthur nennen und nicht mehr Aaron.! Er willfahrte lächelnd. Und dann, er möge ihr gestatten, eine kleine Bibliothek zu kaufen und mitzunehmen, vor Allem Schiller, I Borne, Heine. Er bestärkte sie in dieser Absicht; vielleicht dachte er: „Mögen ihr die Bücher bieten, was ich ihr nicht zu bieten vermag." Aber während der Ehe kam es anders, ganz sonderbar kam es. Frau Melanie las zuerst wenig in ihren Lieblingen und dann gar nichts mehr; die Wirthschaft nahm sie zu sehr in Anspruch, die Kinder, die Kaffeevisiten. Höchstens las sie noch den „Bazar" und manchmal das Feuilleton der „Neuen Freien Presse". Aber ihr Garte kam einmal in einer seiner wenigen Mußestunden an die Etagöre und griff nach einem Band von Schiller und begann zu lesen. Er hatte dergleichen stets bei Anderen als eine Zeitverschwendung gerügt, aber nun las er selbst zwei Stunden, und legte den Band nur aus der Hand, weil er mußte. Nicht etwa, daß der erste Eindruck ein bezaubernder gewesen; eigentlich hatte der arme Mann, der nie jung gewesen, nur ein Gefühl des Staunens. Er hatte da in eine Welt geblickt, deren Existenz er nicht geahnt, die ihm überaus fremd war. Als er wieder Muße hatte, griff er nach demselben Buche, dann nach einem zweiten und dritten. Die Frau konnte sich nicht genug wundern, was ihr Mann plötzlich für ein eifriger Leser geworden, und neckte ihn damit. Er aber schüttelte dann nur still lächelnd den Kopf — vielleicht über sich selbst. Denn es ging allmälig eine große Wandlung in ihm vor: er lernte jene Welt begreifen, die ihn Anfangs so sehr befremdet; er erkannte, daß es im Grunde dieselbe Welt sei, die er kennen gelernt, nur mit so ganz anderen Augen angeschaut! Wenn er Schiller las, dann war ihm zu Muthe, als setzte er, der sonst Kurzsichtige, eine Brille auf, und könne nun an denselben Dingen, die ihm mit freiem Auge todt oder häßlich erschienen, eine Menge des Schonen und Lebendigen entdecken. Und in der Thal, wie Herrliches konnte er da gewahren! Den Quell der Begeisterung sah er fließen und die Rosen der Liebe blühen und die schattige Laube einer stolzen, edlen Weltanschauung sich wölben. Und wenn er sich Anfangs nur erstaunt gefragt: „Ist denn dieser Mensch auf Wolken geschritten? Hat denn ihn das Leben nie hart angerührt?" so begriff er allmälig, warum Schiller so unsäglich gut und ewig jung geblieben, obwohl so viel Kampf, Leid und Nolh in seinem Leben gewesen. Es ist gar nicht zu sagen, was der Doctor von Barnow Alles aus seinem Schiller lernte, den er im vierzigsten Jahre zu lesen begonnen. Ein Gefühlsmensch wurde er darüber nicht, auch kein Zdealist, aber ein befferer und glücklicherer Mensch. Wohl faßte es ihn zuweilen wie leise Wehmuth um seine Jugend, in der er so entsetzlich alt gewesen; aber dann sänftigte sich wieder sein Herz, und ihm war's, als blühten ihm aus den Bersen seines Lieblingsdichters Rosen im September, nachdem ihm die Rosen des Mai versagt geblieben. . . ." Das vierte Exemplar war im Besitze des Schlome Barascher, und hören wir, was der Verfasser von ihm erzählt: „Ein sonderbarer Mensch — so gütig, so wirr, so unglücklich! Er war ein Schwärmer und die Fever in ihm sehr dünn und elastisch, zu dünn; als die Faust des Schicksals täppisch niedergesauft, ist die Feder zerbrochen. Er ist sehr reich und klagt niemals, und dennoch mag sein Geschick tiefstes Mitleid wecken. Sein Vater war ein „Rendar", ein Branntweinschänker, und hatte ein ungeheures Vermögen erworben. Und weil der Alte kaum im Gebetbuch lesen konnte, darum sollte der Junge eine Leuchte werden in Israel. So wurde Schlome ein Talmudist, obwohl er viele andere Talente zeigte, besonders für eine Kunst. die sonst den Juden verschlossen ist: das Zeichnen. Das trieb man ihm aus; aber etwas Anderes konnten ihm weder die Schläge des Vaters, noch die Tractate des Talmuds austteiben: sein tiefes Gemüth und in diesem Gemüth ein großes Dürsten. Mir achtzehn Jahren war er verheirathet, mir neunzehn Vater eines Bübchens, mit zwanzig Jahren ging er aus Barnow durch und wurde Schüler der ersten Lateinclasse in Czernowitz. Zwei Jahre ist er dort gesessen, aber in die dritte Elaffe ist er nicht mehr ausgestiegen: seine Mutter und sein liebes Bübchen waren in den Ferien gestorben — die Feder war zerbrochen. . . . Ein zweiundzwanzigjähriger Schüler der zweiten Gymnasialclaffe, der deshalb nicht in die dritte aufsteigt, weil inzwischen sein Sohn gestorben — du lieber Himmel! welche tragikomischen Erscheinungen treten doch in jenem Kampfe zu Tage, welcher eben im Osten begonnen, im Kampfe zwischen dem nationalen Judenthum und der Cultur! . . . Schlome war unterlegen. Er lebte wie die Anderen, er machte sogar Wechselgeschäfle. Nur daß er daneben auch gern Schiller las, sehr gern, noch viel lieber, als es der Stavtarzt rhat. Denn dem Schlome ging es gerade umgekehrt; die Welt des Dichters war ihm bekannt und vertraut; in die Wirklichkeit aber starrte er mit scheuen Schwärmeraugen hinein. Und diese Augen werden nicht schärfer, selbst wenn er seine große Hornbrille auffetzl. Denn diese Brille sitzt immer auf seiner Nase, wenn ein Wechsel bei ihm unterschrieben wird, und dennoch haben ihn der Gras Rovzicki und rer Lieutenant Domossy stark betrogen. Seht, so seltsam ist diese Welt, daß sich sogar ein polnischer Jude daraus findet, der in Wechselsachen von Schlachzizeu und Osficieren betrogen wird! Es bleibt aber dem Barascher noch genug übrig: er kann seinen Schiller ohne Sorgen lesen. Und wie liest er ihn! Kein Wort sagt wohl, was dieser Dichter diesem Menschen ist. Ihm duftet kein Lenz, ihn erquickt keine Liebe, ihn labt und stählt kein muthig Leben und Streben — armer Mann! Aber wenn er so in diesen Büchern liest, dann glänzt fein Aug', dann hebt sich sein Haupt. Und sein Antlitz rökhet sich, wenn er wieder einmal die Apostrophe an die Begnadeten halblaut vor sich hinspricht: Wie sich in sieben milden Strahlen Der weiße Schimmer lieblich bricht, Wie sieben Regenbogenstrahlen

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