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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-11 · Heft 2 (11.1.1876) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 2 (11.1.1876)
Date
1876-01-11
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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29 schier sein Lebenlang gewesen. Nun hatte er einen Freund, ver zu ihm sprach. Und mir welchen Stimmen! Aber dieser Freund sollte ihm noch zwei Andere zuführen, rechte Herzensfreunde, die bisher, so wie eben er, im Dunkel getastet und in der Wüste gedürstet. Da war der Mönch einmal an einem Septemberlage hinausgegangen auf die Haide. Einsam und ziellos schritt er dahin; es war kein Klang um ihn, als das Wehen des Windes. Auf der Haide starb der Sommer» aber es war ein mildes Sterben. Langsam erblich das Gras, still lösten sich die Blätter vom Gesträuch, und fern, fern verhallte in den Lüsten das Abschiedslied wandernder Sommervögel. . . Dem blaffen jungen Mönch ward es gar still um's Herz. Er ließ sich im Haidekraut nieder und schloß die Augen. Ihm war's, als könnte er sich in's Herz sehen, wie sich dort sacht die letzte Spur der Bitterkeit sänftige und löse. Da hörte er plötzlich Stimmen. Es mußten zwei Menschen sein, die da über die Haide gingen und seltsam, monoton vor sich hinsprachen. Bald sprach der Eine, bald der Andere, dann Beide zusammen. Es waren fremdartige Laute. Und als sie näher gekommen, konnte Franciscus diese Laute verstehen: die beiden Wanderer covjugirien lateinische Berba. Erstaunt öffnete er die Augen: es waren recht sonderbare Swdenten. Ein trotziger, vierschrötiger Bursche in Bauernttacht und ein junger Jude in armseligem Kaftan. Er richtete sich auf; die Beiden gewahrten ihn und blieben stehen, ganz starr, wahrscheinlich aus Schreck, daß man sie belauscht. Aber der junge Mönch trat gütig auf sie zu und stagte nach ihren Namen und welche Bücher sie brauchten. Der Jude blickte ihn scheu an und schwieg, aber der junge Mensch in Bauerntracht erwiderte trotzig: „Das geht Sie nichts an." — „Warum?" — „Weil Sie ein Pole sind, ein katholischer Mönch." — „Aber daneben ein Mensch," sagte Franciscus. „Und ist denn so viel Theilnahme auf der Welt, daß man sie sich verbitten müßte?" Es war wohl etwas in seiner Stimme, was die Milde dieses Wortes noch unterstützte. „Warum sollten wir es nicht sagen," begann der Jude. „Dieser hier heißt Basil Woyczuk und ist der ruthenische Schullehrer von Koczince. Ich aber bin ein Barnower Jud und heiß' Israel Mechels. Wir haben uns zusammengethan, weil wir Beide etwas lernen wollen. Aber wir haben keinen Lehrer und nur dieses einzige Buch hier." Er wies ihm die lateinische Schulgrammatik von Stephan Wolf. „Und was treibt Euch zum Lernen?" fragte der Mönch. — „Wir haben nur so gedacht," war die Antwort, „warum sollen wir unwiffend bleiben?! Wir möchten gern viel wiffen. Alles! Uebrigens will es der Basil seines Volkes wegen thun, er will nämlich ein Führer werden gegen die Polen. Ich aber möchte gerne Medicin studiren." Von jener Stunde ab hatten die beiden Schüler einen Lehrer. Uud einen Freund dazu. Nicht blos in den Gymnasial-Gegenständen unterrichtete er sie, sondern auch in anderen Dingen, welche sich aus keinem Buche schöpfen laffen, sondern nur aus der Tiefe eines edlen Herzens. Anfangs hatte er ihnen die Lectionen auf der Haide gegeben, im Winter aber in der Stube des Basil in Koczince. Es war ein weiter Weg, aber der Jude und der Mönch gingen ihn gerne. Als sie so recht seine Freunde geworden, da theilte er mit ihnen auch seinen größten Schatz, die Gedichte des Friedrich Schiller. Er las sie mit ihnen, und es ist kaum zu sagen, was der Dichter diesen armen Menschen geworden. Weil sie ihn geistig gemeinsam besaßen, sollte sich dies auch äußerlich ausprägen. Der Basil durfte seinen Namen in das Büchlein schreiben und dazu das Beil, das Merkzeichen des fteien Ruthenen. Und was Israel vemüthig und dankbar hingeschrieben.... Das geschah ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung, am Abend des zehnten November und in der Stube des Basil. Dann lasen sie das „Lied an die Freude" und dann drückten sie einander die Hand, und Thränen standen in ihren Augen. Das war die einzige Schillerfeier, welche jemals in Barnow abgehalten wurde. Könnt Ihr darüber lächeln?! Hat der Berfaffer über die von ihm gezeichneten Figuren einen phantastischen Hauch gebreitet, so erscheint es uns doch sicher, daß er dieselben aus dem Leben gegriffen hat, ja, daß sie etwas typisches an sich haben, so daß man unter den galizischen Juden nicht wenige Individuen ttefien werde, die einige Portraitähnlichkeit mit ihnen haben. Anzeigen. Die Stelle eines Erziehers in unserer Anstalt soll zun» 1. April c. besetzt werden. Unverbei rathete Bewerber oder verheirathete, welche reine eigenen erziebungsbedürftigen Kinder haben, wollen ihre Meldungen gesit. bis zum 20. Januar f. bei uns anbringen. Königsberg i. Pr., den 29. Oec. i87*5. Der Vorstand des israel. Waisenhauses. Ein tüchtiger Schochet, Vorbeter u. Religionslehrer (nicht geprüft «ud nnverheirathet), dem gute Zeugnisse zur Seite stehen, sucht zu sofort oder zum 1. April bei bescheidenen Ansprüchen eine Stelle. Adressen beliebe mau an Herrn S. Hirsch, Berlin C.. Gipsstraße 6 zu senden. CB. 125.)

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