Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-11 · Heft 2 (11.1.1876) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 2 (11.1.1876)
Date
1876-01-11
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227072--34132-3303983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

18 denkbuch an den deutsch-französischen Krieg von 1570/71 für die deutschen Israeliten", soweit es ihr möglich war, einen thatsächlichen Boden bereitet. In diesen: Gedenkbuch ist ein Verzeichniß aller jüdischen Combattanten angelegt. Aus Len alphabetisch geordneten Ortschaften ist jeder Soldat jüdischer Religion mit Vor- und Familiennamen, dem Regimente, dem Bataillon und der Compagnie, worin er gedient, angegeben, und somit die sicherste Basis für diesen Gegenstand geliefert. Von Zweifel und Unsicherheit kann in Bezug auf Alles, was geliefert worden, keine Rede sein. Da aber von der Militärbehörde ein solches Verzeichniß nicht gefordert werden konnte, so hatte sich die Redaction an die Vorstände der Gemeinden gewendet, um von ihnen das Verzeichniß der Soldaten aus ihrer Gemeinde zu erbitten. So vollständig nun die Verzeichnisse aus den Orten sind, von welchen sie geliefert worden, so war doch die Anzahl dieser Ortschaften eine beschränkte, theils weil, aus dem damaligen Mangel einer Liste aller Gemeinden in Deutschland heraus die desfallsige Aufforderung an sehr viele gar nicht gelaugte, theils weil die Vorstände nicht genug Gemeinsinn besaßen, sich der erforderlichen Mühewaltung zu unterziehen. Besonders hervorzuheben ist, daß die Vorstände gerade der großen Gemeinden sich außer Stande erklärten, ein solches Berzeickniß zu liefern, da ihnen bei der Ausdehnung ihrer Gemeinden kein Mittel zu Gebote stände, die Notizen ausreichend zu sammeln, ein Umstand, der auch seine völlige Richtigkeit hat. So fehlen daher in dem Verzeichnisse gerade die großen Gemeinden, wie Berlin, Posen, Breslau, Frankfurt a. M., Mannheim, Darmstadt u. A. Sehen wir nun, welche zweifellose Folgerungen aus den, in dem Gedenkbuch gegebenen Verzeichnissen zu ziehen sind. Dieselben befassen <198 Gemeinden, und liefern aus diesen 2591 namhaft gemachte Soldaten. Nun bestehen im ganzen deutschen Reiche 2950 Gemeinden. Nach diesem Verhältnis würden aus denselben 11,750 Combattanten jüdischer Religion durchschnittlich hervorgegangen sein, welche Zahl jedoch als viel zu gering angesehen werden muß, weil eben die großen Gemeinden von resp. 90,000, 15,000, 10,000 u. s. w. Seelen fehlen. Nach der Volkszählung von 1871 leben im deutschen Reiche mit Ausschluß des Reichslandes, das zum Kriege von 1870,71 selbstverständlich noch keine Soldaten stellte, 473,221 Juden. Die volle Kriegsstärke von 3 pCt., die aber, wie oben bemerkt worden, nickt ganz durchgesührt werden konnte, würde auf diese Zahl Juden etwas über 14,000 ausgemacht haben, und man ersieht hieraus, daß die wirkliche Zahl der Combattanten jüdischer Religion dem ziemlich nahegekommen. — Wir können dies noch auf eine andere Weise erfahren. Von den 498 Gemeinden, aus welchen in dem Gedenkbuch die Verzeichnisse abgedruckt sind, ist bei 378 die genaue Seelenzahl der Juden angegeben. Aus der Vergleichung dieser Seelenzahl mit der Zahl der Soldaten, läßt sich der Procentsatz leicht ziehen. Doch muß man hierbei in Betracht nehmen, daß jeder Prccentsatz sich erst bei einer größern Bevölkerung herausstellt, weil für kleinere Orte der Zufall zu einer Zeit an dem einen Orte viel, am anderen wenig junge Mannschaft vorhanden sein läßt. Dies ist nun ganz besonders bei den Juden vermöge ihrer großen Zersplitterung der Fall, da sie in Gruppen von weniger als Hundert oder von einem oder einigen Hunderten an Len einzelnen Orten zu verschiedenen Zeiten bald hier einen übergroßen, bald dort einen sehr kleinen Procentsatz an junger Mannschaft liefern, wie gerade an einem Orte mehr jüngere oder ältere Familien sich vorfinden. Wie S. 132 des Gedenkbuches namentlich ausgeführt ist, fand sich unter den 376 Orten sogar einer, aus welchem 20 Procent der jüdischen Bevölkerung unter den Waffen stand; zwei, welche 14 Procent geliefert, sechs Orte, die 10 Prccent an das Heer abgegeben, vier welche 9 Procent, drei welche 8 Procent, vier welche 7 Procent, acht welche 6 Prccent, fünfzehn welche 5 Procent, fünfundzwanzig welche 4 Procent, neununddreißig welche beinah 4 Procent, achtundzwanzig, welche gerade 3 Procent an Mannschaft geliefert haben. Von den übrigen gab die große Mehrzahl 2*/» und 2> 2 Prccent ab, so Laß zweifellos hervorgeht, daß insgesammt gerechnet, die jüdische Bevölkerung ihren vollen Procentsatz gleich der christlichen an Vertheivigern des Vaterlandes gestellt hat. So lieferte z. B. das Herzogthum Braunschweig einen Procentsatz von 3 «/•> an jüdischen Soldaten. Die Provinz Hessen (das ehemalige Kurfürstenthum) hatte 10,485 Juden; davon waren 271 Soldaten, folglich 2-/» Procent. — Wir glauben nicht, daß Jemand bei diesen durchaus sichern Daten die daraus gezogenen Folgerungen als zweifelhaft ausgeben kann. Was das Verhalten der Soldaten jüdischer Religion im Kriege und das Vernehmen derselben mit ihren christlichen Kameraden betrifft, so ist von nirgendsher irgend eine Klage lautbar geworden, was doch nicht ausgeblieben wäre, wenn zu einer solchen eine Veranlassung Vorgelegen hätte. Niemand har aber auch damals geglaubt, Laß nach einem so glorreichen Aufschwung der Nation, nach einer so innigen Verbrüderung aller Stämme und Confesfionen Dennoch nach kurzer Zeit so viel Streit, Hader und bitterer Religionshaß noch einmal zum Vorschein kommen könnten. Möge Diejenigen recht bald die verdiente Schmach treffen, welche diesen Zwiespalt hervorgerufen haben und mit allen Mitteln und Anstrengungen nähren und pflegen, die Spuren desselben aber im theuren Vaterlande bald wieder verwischt werden! Wronke, im December. Die Versöhnung im Zu-enthurne. Sicherlich ist es ein großes Verdienst um das Judenthum nachzuweisen, von welchen fremden religiösen Verhältnissen dasselbe zu jeder Zeit beeinflußt worden, da wir dadurch in den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.