Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 53 (28.12.1875)
- Date
- 1875-12-28
- Page
- Seite 867 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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867 erlöschen schien, auf einem anderen um so wüchender hervorbrach, und immer von Neuem die Nacht taghell lichtete. Da kam ein Haufen Menschen aus der Stadt, fast wie im Laufe, ein Mann trug auf den Armen und wie um die Schulter geschlungen einen eingehüllten Menschen, einige Leute begleiteten ihn. Sie kamen naher, es war mein Sohn: Mutter, rief er, schnell dein Bett! Im nächsten Augenblick hatte er seine Bürde auf das Bett seiner Mutter niedergelegt. Dann brach er zusammen. Wir sahen jetzt erst, daß seine Haare fast abgesengt waren, seine Kleider verbrannt iu Fetzen herunterhingen, und er selbst mit Brandmalen bedeckt war. Wir ttugen ihn in fein Stübchen auf sein Lager. Meine Frau schrie jammernd: Ein Arzt, ein Arzt! Ich eilte davon, lief in die Stadt, suchte alle Aerzte auf, fand aber keinen. Sie waren beim Feuer oder zu Verwundeten und Beschädigten gerufen. Nach einer halben Stunde trieb mich die Angst, die Verzweiflung wieder nach Hause. Hier fand ich es anders. Kurz nach meiner Entfernung war mein Bruder angefahren gekommen mit seinem Arzte und einigen Frauen. Denn feine Tochter war es, die mein Sohn aus Flammen und Rauch gerettet hatte. Noch war Elise nicht zu sich gekommen. Der Rauch hatte sie erstickt, der Schreck sie bewußtlos gemacht. Aber sie gab schon Zeichen des wiedererwachteu Lebens, und der Arzt meinte, sie werde sich schnell wieder erholen. Aber mein armer Sohn, wie war er zugerichtel! Der Arzt hatte ihm alle Fürsorge gewidmet, seine Brandmale verbunden, die ihm zu widmende Behandlung verordnet, und sagte nach sorgfältiger Prüfung aus, daß, da kein edleres Organ verletzt sei, und die Brandwunden nicht tief gingen, der junge Mann bei seiner kräftigen Natur es überwinden werde. Aber er litt furchtbare Schmerzen, wollte jedoch dies nicht wiffen, denn, flüsterte er uns zu, ich leide um ihretwillen, ich habe sie gerettet, und dies ist süß. Da ging uns das Geheimniß seines Herzens auf, wir 'blickten uns an und seufzten, venu wir kannten diesen selsenharten Bruder besser. Am folgenden Tage — des Feuers war man am Vormittage, nachdem gegen Morgen der Wind sich gelegt hatte, Herr geworden — konnte Saul seine Tochter nach einem Landhause bringen, das er in der Umgebung der Stadt besaß. Zu meinem Sohn sprach er einige kalte Worte des Dankes, zu uns nichts, obwohl ihn ein Blick aus meinen Augen und ein Lächeln meines Mundes hätten sagen können, wie bereit wir unter dem Eindruck eines solchen Geschickes zur Versöhnung wären. Ja, mein Simon hatte sich wie ein wahrer Held benommen. Das Feuer war in der Fabrik ausgebrochen, aber während mein Bruder mit seinen und den herbeiströmenden Leuten beschäftigt waren, die vielen feuergefährlichen Stoffe, die darin aufgehäuft waren, wegzuräumeu und die Bücher und Kaffen zu retten, hatte sich das Feuer durch die Nebengebäude hindurch einen Weg in das große Vorderhaus gebahnt, und schlug hier von der Mittelerage aus über das obere Stockwerk, in welchem sich Elisens Zimmer befanden, und das Dachwerk wie im Fluge zusammen. Lauter Hülferuf versammelte bald die Menge im Hofe. Die Diener hatten sich gerettet, wahrend Elise vom ersten Schlummer befangen, zu spät durch den Tumult geweckt worden. Saul schrie nach seiner Tochter, die man jetzt erst vermißte. Sie erschien auch einen Augenblick an einem Fenster, das bald klirrend in den Hof fiel. Dann sah man sie nicht mehr. Jetzt wurde eine Leiter hinaufgeschoben, und ein junger Mann stürzte sich wie im Sturme hinauf, durch das Fenster, durch Flamme und Rauch. Es war Simon; er fand in einem weiteren Gemach Elise bewußtlos auf dem Boden liegend. Er faßte sie in seine Arme, aber zurück konnte er nicht mehr. Doch ein Engel Gottes stand ihm zur Seite. Er kam in einige Zimmer, die noch weniger vom Feuer ergriffen waren, stieß auf eine Treppe, sprang mir seiner Last glücklich über die obersten schon brennenden Stufen, kam unter einen Wafferstrahl, der ihm die schon versengten Kleider netzte, und endlich auf die Straße. Hier aber war Alles Tumult und Gedränge; die Häuserzeile stand in Flammen, von den Dächern stürzten die Ziegeln und Balken. Wohin sollte er seine theure Bürde retten? Da kam ihm der Gedanke, zn unsrem Hause! Wochenlang lag er darnieder. Tag für Tag schickte Elise, sich nach ihm zu erkundigen, und sandte Erfrischungen aller Art. Aber sie selbst kam nicht. Als Simon gänzlich wieder genesen, mußte er zur Universität zurück. Zum Abschiede erhielt er einen langen Brief von Elisen und ein kostbares Notizbuch, in deffen innere Seite mit Goldperlen gestickt war: Glaube an mich und meine Treue! Nie sah ich den Ausdruck des Entzückens früher, der sich in Simon zu erkennen gab. Er küßte den Brief, das Buch, die Worte, und ich sah mich mit meiner Frau an: auch wir hatten uns geliebt, aber so etwas war nicht vorgekommen. Nun, wir halten auch keine Hindernisse zu überwinden gehabt. Nach drei Jahren machte mein Sohn sein Doctorexamen in glänzender Weise. Er kam zurück und wurde überall mit großer Achtung empfangen. Da machte er sich eines Tages auf und ging geraden Weges zu seinem Oheim. Er legte ihm sein Diplom vor, sprach ihm von seinen Aussichten und hielt um die Hand seinee Tochter an. Der Ausdruck des Unwillens auf dem Gesichte des Oheims störte ihn nicht; aber die nun darauf folgende Antwort voll Zornes wies ihn entschieden ab. Er kehrte niedergeschlagen, doch nicht enttäuscht zurück. Er hatte es nicht anders erwartet, aber den rechten Weg beschreiten wollen. Jetzt ermuthigte auch ich mich und ohne daß Simon es wußte, begab ich mich zu meinem Bruder. Ich überraschte ihn, er war sprachlos vor Staunen. Ich demüthigte mich vor ihm, wie man es nur vor einem Menschen thun kann. Er aber hob die Fäuste drohend gegen mich und rief: „Du hast mir die Liebe meines Vaters gestohlen und nun wollt Ihr mir auch die Liebe meiner Tochter stehlen und mein Vermögen dazu schlucken, Ihr Faullenzer!" Damit drehte er mir den Rücken und verließ das Zimmer. — Bald sollten wir den feindseligen Einfluß meines Bruders ge-