Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 53 (28.12.1875)
- Date
- 1875-12-28
- Page
- Seite 866 (sequence 12)
- Language
- German
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macht in Bezug auf ihre nichtmuselmännische Unterthanen keinen Unterschied und weiß sehr wohl, daß sie an den Juden einen sehr ergebenen und friedfertigen Theil der Bevölkerung besitzt. Eine andere Frage ist, ob die Reformen auch durchgeführt, das Versprechen erfüllt wird. Die Zweifel hieran dürfen aber keinenfalls die türkische Regierung allein treffen, sondern ebenso wohl die Regierten. Um zu einer gemeinsamen Verwaltung, zu gemeinsamen Wahlen der Organe, zur Einheit in Recht und Pflicht zu gelangen, reicht der Wille und das schriftliche Wort der Regierung noch lange nicht aus. Wo die unterworfenen Völkerschaften sich so sehr durch Nationalität, Geschichte, Sitte, Sprache und Religion unterscheiden, wie in der Türkei, wo zugleich bei allen diesen die Volksbildung und der Bolksunterricht so überaus im Argen liegt, oder eigentlich gar nicht vorhanden ist, da trifft eine Verbesserung, die aus dem Grundsätze der Einheit beruht, und die Vereinbarung zum Ziele . hat, auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Selbstregierung oder vielmehr Selbstherrschaft und Wegfall aller Steuern, diese sind das eigentliche Ziel aller dieser Völkerschaften, und deshalb werden alle Reformen unwirksam, und gerathen bald wieder in Vergessenheit. Dennoch zeigt die Erfahrung von 1840, Laß es, wenn auch langsam und noch ungenügend, doch auch in der Türkei besser geworden, und deren Regierung sich gegen diejenigen Theile, welche sich nicht geradezu auflehnen, wohlwollend und duldsam geworden, und diese Wendung hat sich auch unseren Glaubensgenossen vielfach fühlbar gemacht. Ieuilleton. Dir Feindschaft. Erzählt von L. Schr. (Schluß.) machten zu Gelve was verkäuflich war, und belasteten unser bischen Habe, soweit sie dies ertrug, um die drei Jahre seines Studiums hindurch ihn nicht im Stich zu lassen. Wußten wir doch, daß, sobald er an das Ziel gelangt, auch wir geborgen sein würden. Mein Sohn machte die Abgangsprüsung als Erster in der obersten Classe. Er war ein schöner, schlanker Jüngling mit frischem, offenem Gesichte und glanzenden Augen, Ihr könnt's mir glauben, obschon ich sein Vater bin. Nach der Sitte gaben die AbiMrienten einen Ball, zu welchem die Töchter der angesehensten Familien eingeladen wurden. Jetzt muß ich es sagen: dieser Ball entschied über das Geschick meines Simon. Auch Elise, die Tochter meines Bruders, erschien aus diesem Balle, ich weiß noch nicht auf welche Weise dies gekommen, denn es war zu jener Zeit noch unerhört, ein Judeumädchen auf solchem Balle. Wahrscheinlich hätte man sie dies auch fühlen lassen, denn die christlichen Damen verstehen hierin keinen Spaß. Aber mein Simon nahm sich ihrer an, tanzte viel mit ihr und stellte ihr einige junge, unabhängige Männer vor, die dem schönen und lieblichen Mädchen gern ihre Huldigungen darbrachten. Seit dieser Nacht war mein Simon wie umgewandelt. Bald war er ausgelassen heiter, bald wieder schwermüthig, ja traurig; bald machte er einsam tagelange Spaziergänge in das Gebirge, bald schloß er sich in sein Stübchen ein. Wir verstanden ihn damals nicht, und ließen ihn gewähren. Die Zeit kam, wo er zur Universität abgehen mußte; er wollte Medicin studiren. Wir waren in keiner geringen Bedrängniß. Wir hatten auf Unterstützung und Stipendien gehofft, wurden aber überall abgewiesen, indem man auf den reichen Oheim hindeutete. Wer konnte sich auch die Hartherzigkeit, die Feindschaft eines so nahen Verwandten vorstellen, wo uns Jedermann als die friedfertigsten, harmlosesten Menschen kannte. Ich raffte Alles zusammen, wir Er kam zum ersten Male die Ferien nach Hause. Mit dem runden Käppchen auf dem braunen Lockenhaar, dem breiten Bande über der Brust, der Pfeiffe mit den bunten Quasten machte er eine uns ein wenig ftemdartige Figur, aber seine Mutter jauchzte vor Beftiedigung und Vergnügen. Er ging seine eigenen Wege, doch wir sorgten uns nicht darum, denn er war ein sittenreiner und liebevoller Sohn. Eines Nachts wurden wir plötzlich durch die Sturmglocken der Stadt geweckt. Wir waren alle drei bald auf der Straße. Welch' ein schreckenvoller Anblick! In den dunkeln Nachthimmel stieg mitten aus der Stadt eine riesenhafte Flammenlohe hinauf. Der Nordwestwind raste in die Feuersbrunst hinein und verbreitete sie mit Schnelligkeit weit über den Heerd, aus dem sie erstanden. Damals hieß ein Feuer noch etwas ganz Anderes, wie jetzt; die Löschanstalten waren schlecht, die Stadt enggebaut mit schmalen, krummen Straßen; der Schrecken war bei solcher Gelegenheit allgemein, der Tumult groß. Keiner wußte was der Andere that. Die Glocken schlugen immer grausiger an, Trommeln und Trompeten wurden ',örbar, Gerassel und Geschrei drangen aus der Stadt. Menschen kamen gelaufen; der Eine rief: die ganze Stadt brennt, der Andere: die Ringstraße ist verloren; der Dritte: die große Tuchfabrik ist nieder'. Mein Sohn war schon verschwunden; jetzt wollte auch ich fort, aber meine Frau hing sich an mich und ries: Verlaß mich nicht, wenn das Feuer auch hierher kommt, oder wenn Strolche und Diebe kommen, was soll ich schwache Frau ansangen! Ich konnte nicht fort; wir standen und starrten das Feuer an, das, wenn es auf einem Punkte zu