Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 53 (28.12.1875)
- Date
- 1875-12-28
- Page
- Seite 863 (sequence 9)
- Language
- German
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863 Sympathie. Prof. Billroth hielt eine Erwiderungsrede, und wir sind es der Unparteilichkeit, sowie dem Interesse der Sache schuldig, sie hier mitzutheilen, glauben aber berechtigt zu sein, einige Bemerkungen hinzuzufügeu. Prof. Billroth sagte: „Ich danke Ihnen aufrichtig und wünsche dies noch besonders dadurch zu bethatigen, daß ich Ihnen einige erläuternde Bemerkungen über diejenigen Stellen in meinem neuesten Werke gebe, die Sie und Ihre Commilitonen zunächst betreffen, umsomehr, als man den Sinn meiner für Sie Alle so wohlwollend gemeinten Worte mißdeutete und ihnen ganz andere Motive unterlegte, als mich bewegten. Vielleicht hat auch meine Ausdrucksweise dazu Beranlaffung gegeben; sonst wäre es mir nicht erklärlich, wie man in meinem Buche eine Provocation zu Streitigkeiten unter den Stuvirenden an unserer Universität hat finden können. So lange ich hier in Wien für Sie und mit Ihnen arbeite, drückt mich die nur allzu häufige Wahrnehmung, daß es unter den Medicinern so auffallend Biele gibt, welche das schwierigste, theuerste und langwierigste Studium mit so unzureichenden Mitteln unternehmen, daß sie oft während der ganzen ' langen Studienjahre unter der schweren Last der Lebenssorgen keuchen. Glauben Sie mir, daß ich ein warmes Her; für diese Märtyrer ihres Strebens habe, wie für jeden Unglücklichen, er mag an einer leiblichen, geistigen, oder socialen Krankheit leiden. Ich selbst habe manche Jahre der Sorge während meines Lebenslaufes durchgemacht, habe oft an mir und meiner Berechtigung zum medicinischen Studium gezweifelt und möchte gerade deshalb gern Jeden vor Trübsal bewahren. Gewiß ist es ehrenvoll und des höchsten Preises werth, wenn sich ein junger Mann unter scheinbar unüberwindlichen Verhältnissen die Bahn bricht zu seinen höchsten idealen Zielen. Doch es gehören dazu außergewöhnlich kräftige Arme und ein außergewöhnlich starker Geist. Ist es aber nicht ganz natürlich, wenn die Schwächeren und Unbegabteren unter den ungünstigen Verhältnissen erliegen, ja, daß Manche in ihrer Berzweistung vom Wege abirren? Wie kann mau da helfen? Vor Allem dadurch, daß man die Schwierigkeiten des Weges Jenen klar vor Augen stellt, die ihn eben betreten wollen, und ihnen zugleich zeigt, wie sehr sie den Werth des unter tausend Hindernissen vielleicht endlich erreichten Zieles überschätzen. Wir nennen das in der Mevicin die Prophylaxis und legen ihr eine höhere Bedeutung bei als unserer Therapie, deren Machtlosigkeit in so manchen Fällen uns Aerzten viel besser bekannt ist, als den Laien. Die Warnung, das medicinische Studium mit unzureichenden Mitteln zu beginnen, muß also das Erste sein, um unsägliches Unglück von vielen treff. lichen jungen Männern abzuwehren, die in anderen, leichteren Lebensbahnen mit Glück zu Stellungen gelangen können, die nicht minder ehrenvoll und wichtig für die Wissenschaft sind. Meine jetzt bald zehnjährige Erfahrung hat mir nur gezeigt, daß bei einigen Nationen dieses großen Kaiserreiches — die Confessionen haben ja in unserer Zeit nur noch subjective, wenn auch noch so hohe Bedeutung für ihre Träger — die Neigung ganz besonders, ja fast unüberwindlich ist, das bezeichnete kühne Wagestück allzu oft zu unternehmen. Daß ich diesen mit der ganzen Kraft meiner Ueberzeugunz besonders laut — und da private Warnungen nichts helfen — endlich öffentlich zurief: „Nehmt euch in Acht, stürzt euch nicht so kopfüber in das heillose Elend!" — das ist es, was mau mir so sehr verübelt hat. Ich habe das nach höchster Anerkennung des Strebens an sich mir harten Worten gesagt, da ich nur auf diese Weise Gutes für die Betreffenden wirken zu können glaubte. Das mag wie vieles Andere in meinem Buche irrig sein. Doch wollte ich Ihnen und mir nichts vorlügen. Daß ich so etwas nicht sagte, um Unglücklichen aus Laune wehe zu thun, das wissen Alle, die mich kennen. Nur an das eine will ich noch erinnern, man soll meiner Meinung nach im Studenten auch den Gentleman erkennen, nicht nur ihn in seinem Innern voraussetzen. Es scheint mir dies jetzt auch für Oesterreich um so nothwendiger, als ja auch hier nun vornehmlich aus den Studenten in der Folge die Corps der Reserve und Landwehr hervorgehen werden, Vas ärztliche Corps dem Officierscorps coorvinirt ist. Wer nicht mitten in diesen Berhälmiffen gestanden ist, kann kein richtiges Verständniß von den Consequenzen der allgemeinen Wehrpflicht und dem Systeme der Einjährig-Freiwilligen für den Staat und für die Physiognomie der Gesellschaft haben. Fast allen jetzt lebenden älteren Generationen in Oesterreich ist das sehr unsympatisch und unverständlich. In Ihnen, die Sie zum Theile schon in den Uniformen stecken und stolz darauf sein sollen, sie jetzt schon tragen zu dürfen, beginnt es zu erwachen, und Ihre Söhne werden schon unter dem Eindrücke aufwachsen, daß Sie Alle ein wichtiger Theil der österreich-vaterländischen Schutz- und Trutzarmee sind. Ich wiederhole den Mitgliedern des „Lesevereins der deuffchen Studenten Wiens", dessen tüchtigen Kern und streng parlamentarische Führung in seinen Verhandlungen ich die Freude hatte, früher aus nächster Anschauung kennen zu lernen, meinen auftichtigsten Dank für den Ausdruck Ihrer Sympathien, und gebe Ihnen für alle Wiener Studenten mein Wort, daß die Ereignisse der letzten Wochen mich nur fester an Sie geknüpft haben. Wir halten etwas auf unfern Burschen- Commers und rufen insgesammt: Vivat, floreat, crescat academia imperialis Viennensis, decus et gloria Austriae, deliciae populormn Gennanorum.“ — Offenbar hat sich Prof. Billroth in dieser Rede auf den Rückzug begeben. In solchem Falle verschafft man sich jedoch, wenn man trotz Allem das Bewußtsein des Rechts in sich trägt, stärkere Deckung, als sie hier zu finden dem Redner gelingt. Alles läuft darauf hinaus, daß er seine Stachelreden nur aus dem tiefen Mitgefühl mit den Leiden der armen Studenten, welche das kostspielige Medicinstudium unternommen, geschöpft habe. Nun, da hätte mau vermuchen sollen, daß der Herr Professor vielmehr darauf dringen 53