Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 53 (28.12.1875)
- Date
- 1875-12-28
- Page
- Seite 862 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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862 weder in dem anonymen Briefe, noch in seiner Ansprache an sein Anditorinm vorgekommen, und war die Veranlassung zu letzterer überhaupt eine ganz harmlose. Man sieht also, daß daS Hereinziehen der Inden in diese ganz gleichgültige Angelegenheit nur ein abermaliger Ausfluß jenes aufhetzenven Geistes war, welcher sich augenblicklich gegen unsre Glaubensgenoffen auf alle mögliche Weise Lust schafft. In diesen Tagen ging das Gerücht, daß die Vorlesungen des Prof. Billroth vom Ministerium ans fistirt worden und Billroth deshalb seine Entlaffung eingereicht habe. Es ist dies völlig ungegründet. UebrigenS erinnert der Billroth'sche Angriff an einen ganz ähnlichen aus dem Jahre 1842 seitens des verst. Profeffors der Augenheilkunde Rosas, der in einem Art. in der Beilage zur österreichischen medicinischen Wochenschrfft verlangte, daß die Zahl der jüdischen Aerzte beschränkt werden solle. (!) — Sie haben richtig vorausgesetzt, daß der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde gegen den mitgetheilten Erlaß des niederösterreichischeu Landesschulraths protestiren werde. Er hat dies bei dem Minister Stromayer gethan, indem er sich darauf berief, daß dieser Bescheid doch schwerlich eine richtige Auslegung des Gesetzes über die Glaubensfreiheit sein könne. Das Merkwürdigste aber daran ist, daß derselbe LandeSschulrath im October an die Mittelschulen rescribirte, die jüdffchen Schüler dürsten am Samstag zum Schreiben nicht gezwungen werden, und im December au die Volksschulen, die jüdischen Schäler, die am Samstag nicht schreiben wollen, sollten aus den Schulen entfernt werden! Es charakterifirt dies so recht das Schwankende und Unzuverlässige in unsren Zustanden. Die Verwaltungsbehörden find mit den Gesetzen nicht eins, und legen sie deshalb bald so, bald so aus, der Eine nach rechts, der Andere nach links — wobei denn die Juden am wenigsten geschont werden. Wien, im Dec. Der israel. Mädchenunterstützungs-Berein hielt in diesen Tagen seine neunte ordentliche Generalversammlung. Zu Beginn derselben brachte die Borsitzenve, Frau Paula Frankel, ein Schreiben des Polizeipräsidenten v. Marx zur Verlesung, in welchem derselbe seine Abwesenheit durch Berufsgeschäste entschuldigte und gleichzeitig seinen Beitritt zu dem Verein anmeldete. Dem von der Schriftführerin Frau vr. Schußler vorgetragenen übersichtlichen Rechenschaftsberichte ist zu entnehmen, daß der Verein, auf deffen Wachsthum die Ungunst der Zeitverhältniffe ohne Einfluß geblieben, auch in diesem Jahre eine ersprießliche Thätigkeit entwickelte. Der Andrang zu den vom Vereine unterhaltenen Schulen — einer Arbeits- und einer Fortbildungsschule — war ein so bedeutender, daß ein großer Theil der sich Meldenden zurückgewiesen werden mußte. Beide Anstalten haben nach jeder Richtung zufriedenstellende Leistungen aufzuweisen. Die Arbeitsschule wurde von 88 Mädchen besucht, welche im Schnittzeichnen, Kleidermachen, Weißnähen und Maschinennähen unterrichtet wurden. Um die Erwerbsfähigkeil der Mädchen zu erhöhen, sollen vom' nächsten Februar an Abendcurse für Buchhaltung eröffnet werden. Der Verein gewährte 118 externen Zöglingen die Mittel zur Selbsterhaltung durch Unterricht im Frisiren, in Modistenarbeiten und Cravatennähen. 4 Mädchen besuchen die Kunstindustrieschule der Frau Emilie Bach. Weitere 4 Mädchen wurden nach abgelegter Aufnahmsprüfung in den Jndustriecurs bei St. Anna ausgenommen und 12 zu Kindergärtnerinnen ausgebildet. 27 Mädchen fanden Aufnahme in den Präparandien bei St. Anna und St. Ursula, und sind einer Anzahl derselben Staatsstipendien verliehen worden. Der Bericht bemerkt weiter mit Befriedigung, daß vom Vereine herangebildete Mädchen auch Anstellungen als Communallehrerinnen und Buchhalterinnen gefunden haben. Durch die dem Vereine zur Verfügung stehenden Mittel ist es möglich geworden, abermals die Schulen in größerem Maße zu erweitern, so daß nun die doppelte Anzahl Mädchen in denselben Aufnahme finden kann. Zur Ausbildung der Mädchen zu Lehrerinnen wurden die Zinsen der Fanny Becher'schen Stiftung verwendet und au die bedürftigsten Schülerinnen 3686 Stück Bolksküchenmarkeu vercheilt. Der Bericht gedenkt schließlich der zahlreichen dem Vereine zugekommenen Spenden und spricht allen Gönnern und Wohlthätern des Vereins, insbesondere dem Statthalter Baron Conrad v. Eybesfeld, aus Anlaß der dem Vereine für die Jahre 1875 und 1876 zugewendeten Bettäge von je 120 fl., sowie dem Wiener Männergesangverein für die Veranstaltung eines Concertes, welches der Bereinscaffe 100 fl. zuführte, den Dank aus. Der von Frau Marianne Benedict als Revisorin und Herrn Gustav Simon als Caffenverwalter gezeichnete Caffenbericht giebt folgende Ziffern: Die Einnahmen betrugen 7628 fl., die Ausgaben 6782 fl.; es verbleibt somit ein Caffenrest von 846 fl. Das Bereinsvermögen stellt sich auf 6268 fl. in Baarem und 966V fl. in Effecten. Die Mitgliederzahl hat sich um 51 vermehrt und beträgt gegenwärtig 920. Zum Schluffe gab die Vorsitzende in einer längeren Ansprache ein Bild der erfolgreichen Thätigkeit der BereinSschulen, welche von Mädchen aus allen Theilen ves Reiches besucht werden. Der Bericht wurde genehmigend zur Kenntniß genommen und dem Vorstände der Dank für seine Wirksamkeit votirt. Wien, 17. December. Der ärztliche Verein des zweiten Bezirkes hat in seiner Plenarversammlung vom 14. d. M. folgende Resolution gefaßt: „In Anbettacht, daß in dem Buche Profeffor Billroth's: „Das Lehren und Lernen an den deutschen Universitäten", die Lehrer, Studirenven und Aerzte der Wiener Schule in herabwürdigender Weise dargestellt werden, und in Anbettacht, daß die darin enthaltenen Uriheile nicht wiffenschaftlich begründet, sondern Ausflüffe der individuellen Anschauungen des Autors find — sieht sich bet ärztliche Verein des zweiten Bezirkes veranlaßt, sein mißbilligendes Bedauern über dieses mehrseitig verletzende Buch auszufprechen." Dagegen überbrachte „der Ausschuß der Lesehalle der deutschen Studenten" Prof. Billroch eine Adreffe mit dem Ausdruck seiner