Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 53 (28.12.1875)
- Date
- 1875-12-28
- Page
- Seite 861 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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861 schaft der Welt sich anzueignen, die sie denn auch hinlänglich io ihren Händen hatten. Selbst daß sie ihre Kinder in die Schulen schicken und sorgfältig unterrichten lasten, wird ihnen zum Verbrechen angerechuet. Nun ist es wahr, daß für jeden vorurtheilsloseu und vernünftigen Menschen diese crasten Ueberrreibungen ihre Berurtheilung von selbst enthalten. Aber auf solche Menschen zu wirken, beabsichtigen die Häupter des Bonifacius-Bereins auch gar nicht: so klug sind diese auch, um zu wisten, daß sie bei jenen machtlos sind. Aber die große Maste des katholischen Volkes, die seinen Führern blind zu glauben erzogen ist, ist allen solchen Anschuldigungen zugänglich, und nimmt sie auch dieselben nicht in solchem Umfange als zutreffend an, so wird doch Widerwillen, Mißtrauen und Gehässigkeit genug ihr eingepflanzt, um Verkehr und Leben beiderseitig zu schädigen. Man wird sich hierbei immer von Neuem ftagen, was ist denn eigentlich der Zweck der ultramontauen Wortführer bei dieser ununterbrochen fortgeführten Judenverfolgung? Und man bleibt immer dabei stehen, daß sie kerne andere Absicht haben können, als die katholische Bolksmaffe mit den Staatseinrichtungen und Staalsgesetzeu in höchstem Maße unzufrieden zu machen, ihr die leidenschaftlichsten Gefühle einzustößen und sie von allen übrigen Theilen der Bevölkerung zu isoliren. Da sie nun gegen die Protestanten so aufzutreten doch nicht wagen dürfen, und die Freimaurer für das Volk zuletzt doch nicht erfindbar sind, so meinen sie an den Juden die leichteste Handhabe zu finden» mit welcher sie jeden Bauer in den Zustand des Haffes zu versetzen vermögen. Jndeß glauben wir, daß es ihnen schließlich auf diesem Boden ebenso wenig gelingen wird, Exceste hervorzurufen, wie durch ihre Opposition gegen den Staat überhaupt. — Auch für das, was der Correspondent „vom Rheine" über die Criminalstatistik in gewisten ultramontaneu Gegenden gesagt, und worüber sich vr. Sigl im „Bayerischen Vaterlande" so sehr erbost hat, trafen wir in der „Kölnischen Zeitung" vom gestrigen Datum (Blatt II) ein Zeugniß aus einer bayerischen Zeitung selbst, nämlich der „Paffauer Zeitung" vom 8. d. Wir wollen das Referat derselben über die Schwurgerichtssitzung in Niederbayern nicht wiederholen, sondern nur darauf verweisen. Unsre Absicht ist ja nicht zu verwunden, und die Spaltung zu erweitern. Aber vertheidigen müste» wir unS doch, wo wir mit so vergifteten Waffen und unaufhörlich angegriffen werden. Wir können nichts dafür, daß sich hierüber die ultramontaneu Schreiber und Schreier am meisten ärgern. Kraukfurt am Main, 17. Dec. (Privatmitth.) Indem ich soeben unter den Inseraten Ihres Blattes die in hebräischer Sprache verfaßte „Einleitung in die Mischnah" von Jakob Brüll, Rabbiner zu Kajetein, angezeigt finde, erinnere ich mich, daß in der „A. Z. d. I." doch wohl eines eigenthümlichen Vorgangs dieses Buch betreffend Erwähnung geschehen müste. DaS Werk sollte nämlich bei dem hiesigen Buchhändler I. Kauffmann erscheinen. Da zwangen die „Frommen," von Frankfurt und Mainz diesen Buchhändler durch Androhung ihre Kundschaft zu verlieren, den Verlag deS Buches aufzugeben, weil in demselben dip Schriften von Frankel, Graetz u. A. citirl werden. Dies hatte die angenehme Wirkung, daß bei der ziemlich bedeutenden Entschädigung, welche der Buchhändler Kauffmann zahlen mußte, der Preis des Werkes verhalrnißmäßig sehr gering gestellt werden konnte, so daß also die frommen Verfolger das Gegentheil bewirkten von dem was sie erzielen wollten. Allerdings haben sie dabei so recht den Geist wieder verralhen, der diese Leute beherrscht und sie ganz auf dieselbe Linie mit den Jesuiten stellt: Unterdrückung jedes Geisteserzeugniffes, das ihrer Tendenz der Verdummung und Verdumpfung nicht zusagt und die Benutzung jedes Mittels hierzu, das sich irgend darbietet. Auch hier läßt sich das Wort anwenden, welches Sie jüngst hinsichtlich der Judenartikel der Kreuzzeilung gebrauchten: Es ist gut, daß die Esel keine Hörner haben! Görlitz, im December. > Privatmittheil.) Wie in diesem Blatte bereits mitgetheilt, ist der jüv. Religionsunterricht seit Michaelis d. I. auch am hlesigen Gymnasium und Realschule eingeführt und wird von unserm Rabbiner, Herrn vr. Freund, in 3 Abtheilungen mit 4 Stunden wöchentlich ertheilt. Mit demselben ist von Seiten des Magistrats ein Vertrag zu diesem Zwecke geschloffen worden, der vom Provinzialschulcollegium bestätigt worden ist und in welchem die beiderseitigen Berpflichtungeu, das Honorar rc. festgesetzt sind. Auf Aufferdern des Gymuafialdirectors, dem die Aufsicht über diesen Unterricht übertragen wurde, da von den 33 jüdischen Schülern beider Anstalten nur 8 die Realschule besuchen, hat Herr vr. Fr. einen Lehrplan ausgearbeitet, der von Seiten des genannten Directcrs, eines, beiläufig gesagt, ebenso tüchtigen, als vorurtheilslosen Manne-, an das Provinzialschulcollegium nach Breslau gesandt wurde, gleichzeitig mit der Anftage, wie es in Zukunft mit den jüd. Abiwrienien betreffs der Prüfung in der Religion gehalten wer' den solle. Darauf erfolgte die Antwort, daß der Lehrplan sammt der Anftage behufs weiterer Information an den Minister des Culms gesandt worden sei. Wir stehen demnach vor einer principiellen Entscheidung, da, soviel mir bekannt, außer an dem Johannisgymnasium in Breslau, das ja aber eine Sonderstellung einnimmt, eine Prüfung der jüdischen Abiturienten in der Religion bisher noch nirgends stattgefunden. Hoffentlich dürfen wir von dem zeitigen Minister des Cultus eine uns günstige Entscheidung erwarten, wenn wir etwa nicht wieder, wie mit so manchem Andern, auf das Unterrichtsgesetz vertröstet werden. Ich werde nicht ermangeln. Ihnen z. Z. die Enffcheidung des Ministers mitzutheilen. Oesterreich-Ungarn. Wie«, 15. December. (Privatmitth.) Nach einem veröffentlichten Briefe des Profeffors Arlt ist das Wort „Jude"