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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-12-28 · Heft 53 (28.12.1875) · p. Seite 857

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 53 (28.12.1875)
Date
1875-12-28
Page
Seite 857 (sequence 3)
Language
German
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S57 Grundsätze ihrer Religion, kurz gegen ihre ganze Erscheinung und Esistenz, diese bildeten die größten Hindernisse, die zu überwinden waren. Wie groß nun auch der Theil sei, den man zur glücklichen Durchführung dieses Kampfes der „A. Z. d. I." zuschreiben will: das ist doch unleugbar, daß sie sich ihm unermüdlich widmete, daß sie ununterbrochen auf dem Kampfplätze verharrte, zu verschiedenen Zeitpunkten in den Vordergrund trat, an das Erreichte immer wieder anknüpfte für das noch zu Erreichende. Man sage nicht, daß sie doch zumeist nur für die Juden schrieb. Es war dies nicht der Fall. Denn obschou ihrer in den öffentlichen Blattern aus erklärbarer Abneigung nicht oft erwähnt ward, fand sie doch stets ihren Weg gerade in die maßgebenden Kreise und zwang sie oft genug diejenigen, welche sie bekämpfte, ihre Schläge abzuwehren. Was aber die Hauptsache für sie war: sie führte denen, welche sonst in der Preffe, in der Literatur, auf der Rednerbühne für diese Emancipation eintraten, ein reiches Material an Ideen und Thalsachen zu. Das zweite, noch wichtigere Moment war: die Wiederbelebuug und Verjüngung des Judenthums. Hier war fast noch Alles zu rhun. Der Geist war in dem Judenthume, wie es bestand, völlig erloschen und eine wahrhafte Grabesruhe eingetreten. Die Pietät für daffelbe, dieses fein wesentlichstes Band, nahm reißend ab, und zahllosen Aufgeklärten erschien es nur eine Sammlung veralteter Mißbräuche. Es war daher vor Allem in den Juden das Selbstbewußtsein ihrer Religion wieder zu erwecke», sowohl durch die Klarlegung ihres Inhaltes und ihrer Mission, also ihrer weltgeschichtlichen Stellung, als auch durch eine aufrichtige Begeisterung für ihre Ideen und Zwecke. Die hieran sich knüpfende Reform, besonders des Gottesdienstes, konnte erst die zweite Linie einnehmen. Es mußten in allen größer» und kleinern Gemeinden jüdische Kanzeln errichtet werden, deren es, nachdem dreißig Jahre früher die erste deutsche Predigt gehalten worden, noch immer kaum ein Dutzend in ganz Deutschland gab — in ganz Preußen seit 1833 die erste regelmäßige in Magdeburg; es mußte der Religionsunterricht organisirt und allgemein gemacht werden; es mußte die jüdische Literatur, die kaum erst an's Licht zetteten war, gepflegt, entwickelt, nach allen Richtungen hin gefördert, und — ein Publikum für sie gewonnen werden. Es versteht sich von selbst, daß die „A Z. d. 2." für alle diese Bestrebungen, welche nur gelingen konnten, wenn die Zahl und die Befähigung derer, die für sie zu wirken übernahmen, in stetem Wachslhum begriffen wären, nur einen lebendigen und belebenden Mittelpunkt abgeben konnte, und daß ihre Aufgabe vorzugsweise war, nach allen Seiten hin den Impuls zu geben, um Mit- und Abhülfe anzugehen und durch die Veröffentlichung der Thatsachen alles Aufkeimende und Heranwachsende in Pflege und Schutz zu nehmen. Denn auch das .ist einsichttich, wie mit jedem zurückgelegten Schritte die Aufgaben sich erweiterten und mehrten. Mit dem geweckten geistigen Jntereffe mußte sich auch das Verlangen erheben, sowohl die äußere Erscheinung des Judenthums seinem erhabenen Inhalte angemeffen zu gestalten, als auch seine Andachtsmittel zu läutern, zu veredeln und zu mehren; mit der Durcharbeitung seines Lehr- und Gedankeninhalts mußte es zum Bedürfniß werden, auch in das Jubenchum die wiffenschaftliche Methode einzuführen, und die ganze jüdische Theologie wiffenschaftlich zu bearbeiten; mit dem Bewußtsein seiner weltgeschichttichen Stellung mußte sich der Drang einstellen, die Geschichte des Judenthums nach allen Beziehungen deffelben zu erforschen und darzustellen. Es eröffneten sich hiermit weite Gebiete, auf welchen zunächst die Wege gebahnt und dann bis zu den weitesten Zielen geführt werden mußten. Nach allen diesen Richtungen hin hatte die „A. Z. d. I." ihre Aufmerksamkeit zu richten und die allmälig wachsenden Leistungen zu fördern, wenn auch nur durch Mitcheilungen über dieselben. Hierzu kam als drittes Moment die weitteichende Bemühung, beizuttagen, soweit es an uns, zur Hebung der Cultur unter unsren Glaubensgenoffen aller Länder, zur Verbesserung des Unterrichts und Erziehungswesens, zum Eintritt mir tüchtiger Kraft in alle Wege des Lebens, zur Verbreitung des Sinnes für alle geistigen Bestrebungen, für Bildung, Wiflenschast und Kunst, zur Beeiferung in der Erfüllung aller bürgerlichen Pflichten und Vaterlandsliebe, zur Beseitigung aller der Mängel, die uns aus einer so langen Zeit rer Unterdrückung und Ausschließung anhaften konnten, zur befferen Organisation der Gemeinden, zur Reform und Vermehrung unsrer wohlthätigen Anstalten und was Alles in dieses weite Gebiet gehött. Hier fteilich ist die Aussaat weniger sichtbar als die Ernte, die Einwirkung weniger als die Erfolge. Denn zur Erzielung der letzteren müssen viele günstige Umstände Zusammenwirken. Aber die „A. Z. d. I." kann sich auch aus diesem Gesichtspunkte sagen, daß sie es au redlichem Eifer niemals hat fehlen lassen, und immer eingetteten ist für Recht, Sittlichkeit und Bildung. Dies waren die vorzüglichsten Gesichtspunkte, aus welchen die „A. Z. d. I." gegründet ward, die Ziele, die sie sich vorsteckie und die sie nach Kräften verfolgte. Es ist nicht unsre Sache, ein Urtheil über die Erfolge auszusprechen, deren sie sich rühmen können. Die Geschichte der „A. Z. d. I." wäre zugleich die Geschichte des Judenthums selbst während der letzten vier Decennien. Sie hatte mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Eine lange Zeit war sie bei jeder Zeile von der Censur beschränkt, später von den repressiven Preßgefetzen bedroht, war sie doch bis 1848 aus den österreichischen Landen verbannt (was jedoch bekanntlich den Eingang nicht ganz verhinderte), und nur in Ungarn gestattet. Als später sich eine zelotische Partei erhob, welche, die Resultate aller neuern Arbeiten benutzend, sich als Berlheidigerin des Judenthums, wie es zuletzt vor unsrer Zeit bestand, aufwarf, und alle die Mittel in Bewegung setzte, deren sich der Fanatismus, wenn er der äußeren Macht entbehrt, zu bedienen pflegt, war es die „A. Z. d. 2.", welche besonders b3*

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