Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 53 (28.12.1875)
- Date
- 1875-12-28
- Page
- Seite 856 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227068--34091-3303941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
856 zögen unseren Lesern vorüberzuführen. Der Stoff ist zu reichhaltig, um ihn in einer Skizze genügend darstellen zu können. Wir wollen hier nur einige kurze Rückblicke werfen. — Die „Allg. Zlg. des Judenthums" war die erste regelmäßig erscheinende jüdische Zeitschrift. Es gab bekanntlich vor ihr mehrere solcher, welche in zwanglosen Heften erschienen, einige von bedeutendem Werthe, ohne jedoch ein regelmäßiges Erscheinen zu wollen oder erreichen zu können. In dieser Beziehung war sie bahnbrechend, denn einerseits weckte sie dieses Bedürfniß bei dem betreffenden Publikum, andererseits zeigte sie, wie für den speciellen Kreis dieser Gedanke auszuführen sei. Dies war aber vor vierzig Jahren viel schwieriger als gegenwärtig, da z. B. in Deutschland damals das Zeitungswesen noch äußerst schwach entwickelt war, für das Judenrhum insonders das Material sich nur in geringfügigem Maße darbot und vor Allem die Gesichtspunkte erst geschaffen werden mußten. So begegnete der Redacteur Anfangs den gegen ihn ausgesprochenen Zweifeln, ob auf eie Dauer ein Blatt für diesen speciellen Kreis ausgefüllt werben könnte. Die „Allg. Ztg. des Juoenlhums" wurde so die Mutter der ganzen jüdischen periodischen Presie in allen Culturländern. Bei dem sehr günstigen Erfolge, den sie sofort erlangt hatte, war es nicht zu verwundern, daß sie schnell zur Nachahmung aneifert. So trieb sie eine große Zahl von Schößlingen, die mehr oder weniger lebenskräftig waren, eine längere oder kürzere Zeit hindurch währten und wirkten, die bald der gesammten Tendenz dieses Blattes sich zu bemächtigen suchten, bald eine speciellere verfolgten, sowie für eine der besonderen Fractionen innerhalb des Judenthums eintraten. Das Ziel der «Allg. Ztg. des Judenthums" sprach sich in dem Beititel aus: „Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jnteresie." Unparteiisch, nicht in dem Sinne, daß sie ohne bestimmte Grundsätze, ohne präcisirte Anschauung jeglicher Partei zum Ausdruck dienen, auch nicht etwa eine sogenannte Mittelpartei bilden sollte, welche allen Meinungen die Hand bieten, mit Allen liebäugeln will, und darum selbst ohne alle Meinung ist: sondern vielmehr in der Absicht, aus entschiedenem Standpunkte verharrend, jeder wahrhaften Lebensäußerung innerhalb des Judenthums, jedem kräftigen Bestreben die unparteiische Würdigung angedeihen zu laffen, und ihnen die Stelle anzuweisen, die sie in der Gesammtheit und für sie einnehmen oder einzunehmen befähigt seien, für die Thatsachen aber immer und überall möglichst die wahre Beschaffenheit und Bedeutung zu ermitteln. „Für alles jüdische Jvtereffe", denn die „A. Z. d. I." sollte sich zu einem Mittelpunkte ausbilden für Alles, was das Judenthum und seine Bekenner als solche unmittelbar und mittelbar berührt, in religiöser und sittlicher, in politischer und socialer, in wiffenschaftlicher und literarischer Beziehung, aus allen Ländern und aus allen Zeiten, soweit die Gegenwart die vergangenen Perioden reflectirt und von ihnen beeinflußt wird. Drei Momente stellten sich hier von vornherein als die in der Gegenwart begründeten wichtigsten von Beginn an heraus: zunächst die damals so benannte Emancipation der Juden oder, wie man jetzt sagt, die Gleichstellung der Juden und des Judenthums. In der großen Rechtsumwandelung, in welcher die europäischen Staaten besonders seit der ftanzösischen Revolution von 1789 begriffen waren, bildete die Gleichstellung der Juden eine besondere Schwierigkeit. Ohne diese war die Rechtsgestaltung der Staaten nicht denkbar, weil sie sonst ohne die Erfüllung eines ihrer Hruptgrundsätze geblieben wäre, und doch konnten sich die Geister nur schwer mit dieser Gleichstellung der Juden verständigen. Die Verwirrung in den Köpfen war noch so groß, daß man diese Identität jener allgemeinen und dieser speciellen Frage noch wenig erkannte, und andererseits sich mit dieser Emancipation der Juden durch kleinliche Abschlagszahlungen abfinden zu können vermeinte, und nicht einmal einsah, daß jeder Schritt vorwärts weitere bis zum Ziele von selbst verlangte. Wenige Jahre früher hatten mit großem Erfolge Börne und Gabriel Rießer von jüdischer Seite den Kampf um die bürgerliche Gleichstellung angefangen, und zwar in Broschüren und zwanglosen Heften. Aber es bedurfte weiterer und größerer Mittel. Der Kampf mußte ununterbrochen und mit angestrengter Aufmerksamkeit auf alle Vorgänge, auf große und kleine fortgesührl werden: er mußte als ein organischer Proceß gefaßt und hierzu entwickelt werden, welcher der beständigen Nahrung, der ununterbrochenen Zuführung von Material bedurfte. * Dies war die Aufgabe, welche die „A. Z. d. I." übernahm. Als sie dies that, waren es erst Nordamerika, Frankreich, Belgien und Holland, in welchen die Gleichstellung errungen war; selbst in Frankreich war sie für den jüdische C ultus erst vor wenigen Jahren vor sich gegangen und in Holland fand diese noch gar nicht statt. In England war einige Jahre zuvor zum ersten Male ein Jude Alverman der City geworden, vom Parlamente waren sie noch ausgeschloffen. Die übrigen Culturstaaten boten das bunteste und sonderbarste Gemisch von Gesetzgebungen für die Juden; einige schloffen sie noch aus, andere schloffen sie noch ein, d. h. in Ghetti; im preußischen Staate galten zweiundzwanzig verschiedene Gesetzgebungen für die einzelnen Theile dieser Monarchie. Wer den reactionären Geist kennt, welcher diese Staaten, nachdem die durch die Julirevolution von 1830 geweckte Bewegung unterdrückt war, beherrschte, der wird die Schwierigkeiten zu würdigen wiffen, die der sog. Emancipation der Juden entgegenstanden. Aber nicht blos dieser, sondern der Halbliberalismus, der damals zahllose Geister erfüllte, jene Unklarheit, welche die Bedürfniffe der Zeit, das Verlangen des inneren Geistes nach fteien Justi» tutionen fühlte, aber in der Pedanterie des Gedankenganges und in der Furcht vor der Wiederholung des Terrorismus aus der ersten französischen Revulutiou sich mit kleinen Zugeständniffen zu behelfen suchte, und das noch immer in breiter Basis vorhandene Borurtheil 'gegen die Juden, der vermeintlichen Fremdartigkeit ihrer Nationalität, ihrer Nichtbefähigung zur Cultur, gegen die