Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1875)
- Date
- 1875-12-21
- Page
- Seite 850 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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850 heißer umarmte mich meine Frau, und suchte mich zu trösten, indem sie ihr KnLbchen auf meinen Arm legte. Ohne Worte gelobten wir uns, uns nur um so inniger zu lieben, und den Knaben im Andenken des theuren Vaters großzuziehen. Es versteht sich, daß mein Bruder von der Hinterlassenschaft meines Vaters nichts verlangte. Was hatte er denn auch hinterlassen, da ich von Kindesbeinen an mitgearbeitet, und seit Jahren der Ernährer des Hauses war? Aber mein Stolz ließ es nicht zu. Alles im Besitz zu nehmen, und meinem Bruder gewiffermaaßen zu Dank verpflichtet zu sein, daß er mich ungestört darin ließ. Ich ließ unsre kleine Habe abschätzen, theilte sie in zwei Hälften, die eine als meinen Erwerb, die andere als Erbschaft vom Vater. Die letztere halbirte ich zwischen ihm und mir, nahm eine kleine Hypothek auf das Haus und sandte ihm das Geld zu. Er antwortete nicht; aber bald wurde mir bekannt, daß er die Summen der Chebrah überwiesen habe. Ich war damit zufrieden. Meines Bruders Ehe war nur mit einem Mädchen beglückt. Ich bekam es nicht zu sehen. Die Kinder wuchsen auf, aber sie kannten sich kaum von Ansehen. Die Fehler, die an mir begangen worden, wollte ich nicht an meinen Kinde wiederholen. Er durfte keine Dienste in der Synagoge leisten und den Kunden nicht im Laden aufwarten. Ich ging aber auch einen Schritt weiter, und brachte meinen Sohn auf das Gymnasium. Das war etwas Nagelneues, und der Director verweigerte die Aufnahme. Ich ließ aber nicht nach, und lief zum Minister und selbst zum Fürsten. Der reskribirte kurz, und anein Simon war ausgenommen. Nun gab es aber wieder in der Gemeinde einige Frömmler, die darin einen Verstoß gegen das Religionsgesetz sahen und mich selbst mit Absetzung bedrohten. Ich wich auch diesmal nicht, nnd saß so fest im Sattel. Nicht umsonst erbt man ein Amt in drei Geschlechtern. Auch konnte ich allenfalls ohne das Amt leben, und gerade darum wünschte man keinen Anderen. Mein Simon zeichnete sich aber auch bald aus, bekam wegen seines Fleißes Freischule und Prämien bei jeder Prüfung. Bei dieser mußte er auch öfter Verse oder Reden hersagen, einmal sogar in Gegenwart des Fürsten, und der belobte ihn, daß die ganze Stadt davon sprach. Alle beglückwünschten mich — nur mein Bruder nicht: der ging vorüber und ihat als sähe er uns nicht. Ich hätte viel darum gegeben, wenn es anders gewesen, denn Saul hatte doch meinem Simon viel nützen können, und, wißen Sie, man hat seinen Ehrgeiz, und der bestand darin, meinem Bruder zu zeigen, daß wir aus dem niedrigen Häuschen in der Vorstadt doch etwas vorstellten. Nun, das Geschick hatte es doch anders vor. (Schluß folgt). Correspon-euz. Memel, Anfang December 1875. Die abgebrannte Stadt Widze in Rußland. Zur Rechtfertigung unseres „Hülferufs" für die abgebrannte russische, größtentheils von Israeliten bewohnte, sechs Meilen von Dünaburg entfernte Stadt Widze vor den zahlreichen Spendern, sowie zur Rechenschaft über die angemessene Verwendung, möge Folgendes dienen. Das Feuer ist bei einem Tischler zum Ausbruch gekommen und hat, von einem heftigen Sturme weitergetragen, im Verlaufe von 3 Stunden 212 Wohnhäuser sammt ihren Nebengebäuden ergriffen und verzehrt. . Kaum das nackte Leben hatten die Unglücklichen zu retten Zeit, ohne Hoffnung auf Ersatz für verlornes Haus und Hab, da keine Versicherungsgesellschaft sich herbeiläßt, in diesen Gegenden Versicherungen zu übernehmen oder doch so hohe Pramienbedingungen stellt, daß sie den armen Hausbesitzern — und arm sind sie fast allesammt — nicht erfüllbar sind. 358 israelitische Familien sind durch den Brand obdach- und besitzlos geworden. Auch die öffentlichen der Gemeinschaft gehörigen Gebäude, worin viele der Unglücklichen zeitweilig Schutz und Obdach hätten finden können, wurden ein Opfer des zerstörenden Elementes. Unter diesen Gebäuden werden aufgezählt: Erstlich der thalmudisch israelitischen Gemeinde gehörig. Ein großes ^Gotteshaus mit zwei getrennten Frauenabtheilunger, ein großes massives Beth- Hamidrasch, ein großes erst vor etwa zehn Jahren neuerbautes Beth-Hamidrrsch, noch drei andere kleinere zu Gebet und Thalmudstudium dienende Häuser, die Klausen der Fuhrleute, der Schuhmacher und der übrigen vereinigten Handwerker; ferner ist verbrannt das Gemeindehaus mit der Dienstwohnung des Oberrabbiners auf dem Hofe der großen Synagoge, sowie das große Badhaus mit Wannen- und rituellen Frauenbädern; und endlich als einen der schwersten Verluste sind die beiden Gemeinde-Pfandleihanstalten mit allen Pfandstücken verbrannt. Es sind dies Wohltätigkeitsanstalten, dazu eingerichtet, den Armen gegen genügende Pfandsicherheit Geld zinslos vorzustrecken, ein schwerer Verlust für die Gemeinde, welche ihr Geld und die Armen, welche ihre Pfandstücke, verloren haben. Gleich schwer ist die soharitisch-israelitische Gemeinde (Ehasivim) heimgesucht worden. Unter der Zahl der niedergebrannten Hauser gehörten ihnen 44, von 73 meist armen Familien bewohnt, ferner haben auch sie zwei größere und ein kleines Bethaus eingebüßt. Ihr comfortable eingerichtetes Badhaus — die Sohariten legen darauf gar großes Gewicht — ist unversehrt geblieben. Der ersteren Gemeinde sind leider auch 18 Sifre-Thoroth, mehrere vollständige Thalmudexemplare des Babli und des Jeruschalmi, viele Exemplare der Poskim, — Rischonim, Alfasi, Rambam, Turim und eine Masse andere werthvoller und seltener