Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1875)
- Date
- 1875-12-21
- Page
- Seite 851 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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851 Werke verbrannt. Auch die letztere Gemeinde hat 5 Sifre- Thoroth verloren. Neun Personen haben bei dem Versuche ihre geringen Habseligkeiten zu retten oder von den Flammen überrascht, das Leben verloren, und viele haben schwere Brandwunden davon getragen. Nun wähne man nicht, daß die russischen Glaubensgen offen ihren verunglückten Brüdern gegenüber ruhig und theilnahmlos geblieben wären. Die Verunglückten sind des Dankes voll gegen die russischen Glaubensgenoffen, welche sofort durch Lebensmittel, Kleidungsstücke und Hausgeräthe ihr Elend zu lindern versucht, auch durch Unterstützungen 50 Hausbesitzern die Möglichkeit geboten, alsbald wieder an den Wiederaufbau ihres Grundstückes herantreten zu können. Die Sammlungen bei den deutschen Glaubensgenoffen, welche uns zu Händen gelangt sind, haben bis jetzt die ungefähre Höhe von 15.600 Mark erlangt. Das Vertheilungsgeschäft stellte sich jedoch, wie wir bald erfahren sollten, als ein sehr schwieriges heraus. Diese Schwierigkeiten zu überwinden, erforderte unsererseits die genaueste Ueberlegung und größten Anstrengungen. Die erste Schwierigkeit beruhet in der heftigsten Gegnerschaft der beiden Parteien in der verunglückten Stadt, der Rabbaniten und Sohariten oder Aschkenasim und Sefardim, wie sie sich nennen. Es ließe sich viel hierüber sagen, genug eine paritätische Verständigung herbeizuführen lag außer dem Bereiche der Möglichkeit. Eine zweite Schwierigkeit liegt in der zu großen Entfernung der abgebrannten Stadt. Widze liegt noch etwa 30 Meilen von hier in unwirthsamer und unwegsamer Gegend, derart, daß die Vertheilung von hieraus zu regeln gleichfalls zu den Unmöglichkeiten gehört. Die dritte und vielleicht Hauptschwierigkeit beruht auf der Unzuverlässigkeit der russischen Verhältnisse, welche es als sehr gewagt erscheinen ließen, eine zu dem in Rede stehenden Zwecke bestimmte größere Summe dorthin gelangen zu laffen. Die Postsicherheit ist zwar in Rußland so groß, wie in jedem andern Lande, desto unzuverlässiger sind jedoch oft andere Beamte. Auf die geringste Denunciation hin, welche bei dem Widerstreit der Parteien unvermeidlich gewesen wäre, hätten vielleicht die Beamten das Geld, um selbst die Vertheilung zu bewirken, an sich genommen. Ob dann noch die Vertheilung im Sinne der Spender erfolgt wäre, dagegen möchten wir bescheidene Zweifel zu äußern uns unterfangen. Eine vierte Schwierigkeit bestand darin, den Procentfatz zu finden, welcher für den Wiederaufbau der Gottes-, Lehr- und Gemeindehäuser abgesondert werde sollte. Starke Differenzen machten sich sowohl unter uns als auch unter allen, die zur Mitberathung herangezogen wurden, geltend. Viele meinten, zu diesem Zwecke gar nichts bewilligen zu sollen, im weitest gehenden Gegensätze zu dem Unterzeichneten, der gerne, und zwar aus rein humanen und wirthschastlichen Gründen, fünfzig Procent, die Hälfte aller Eingänge, zum Wiederaufbau ganz besonders der Bothe-Midroschim zurückgelegt haben wollte. Um das zu verstehen, muß man die Bedeutung der Bothe-Midroschim in diesen über alle Begriffe armen, russisch-jüdischen Städten kennen. Das Beth-Hamidrasch ist nicht etwa die Verkehrsfielle einer kleinen Anzahl Gelehrter behufs Thalmud-Studiums. Grade die wirklich Thalmud-Gelehrten sind dort nur selten zu finden. Es ist der Versammlungsort aller Welt, besonders aber der Armen und Bedrängten, die dort Trost und Hülfe suchen und meistens auch finden, es ist der Ort, wo Jeder Erholung sucht nach des Tages Last und Mühe, wo Jeder auch die geistige Nahrung findet, wie sie ihm genehm und anzemeffen ist, woselbst wenn der religiöse Geist Edes Ortes kein allzurigoroser ist, sogar jene halb politischen Zeitungen in hebräischer Sprache, wie Maggid und andere gehalten und gelesen werden, es ist der Ort, der für den Armen besonders im Winter ganz unersetzlich ist, dort wärmt er sich die erstarrten Glieder, der zu Hause keine Feuerung hat um sein Stübchen zu heizen. Die wenigen Kopeken, welche bei der Vertheilung, bei der so großen Zahl der Verunglückten, auf den Einzelnen entfallen, sind bald verbraucht, so ein Beth-Hamidrasch ist eine Lauernde Wohlthat. Als endlich vor etwa drei Wochen ein Abgesandter der verunglückten Stadt hier eintraf, da konnte mit dessen Beirath, alle Schwierigkeiten umgehend, folgender Vertheilungsmodus festgestellt werden. Die Vertheilung wird gar nicht am Orte selbst bewirkt, sondern regelt ein Comit« angesehener Männer in Dünaburg, der dortige hochberühmte Rabbiner an der Spitze. Ein zum Comitv gehöriges Geschäftshaus legt das nöthige Geld aus und macht sich wieder durch Anweisung auf unfern Schatzmeister, Herrn S. Bloch, bezahlt. Zum Wiederaufbau der Gottes- und Lehrhäuser werden 20 Procent verwendet — und so dürfen wir hoffen, daß die Vertheilung auf das beste und gerechteste vor sich gehen. Schließlich wollten wir nur noch den Wunsch aussprechen, daß vorstehende Darstellung noch recht Viele veranlassen möge, zu den Sammlungen für die Unglücklichen beizusteuern. Jede Gabe ist für den Empfänger und den Geber eine seelenrettende That. Dr. Rülf. Vermischtes. Die „Bonner Zeitung" theilt Folgendes mit: Unser Reichskanzler hat nicht nur bei allen möglichen und unmöglichen jetzigen und zukünftigen Ereignissen von irgend welcher Bedeutung die Hand im Spiele, sondern hat auch schon vor Jahrtausenden die politischen Fäden geleitet und wird für die Leiden der jüdischen Geschichte verantwortlich gemacht. In einer Mädchenschule in der Nähe unsrer Stadt frug jüngst die Lehrerin eine Schülerin, wer die Schuld an der Theilung des jüdischen Reiches nach dem Tode Salomo's gewesen sei? „Bismarck", war die kurzgefaßte Antwort. Kola bene. Dieses Stückchen ist buchstäblich wahr und verbürgt.