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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-12-21 · Heft 52 (21.12.1875) · p. Seite 849

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 52 (21.12.1875)
Date
1875-12-21
Page
Seite 849 (sequence 11)
Language
German
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849 der ihn sah. Mir gereichte dies nicht sehr zum Vortheil; denn nun fingen Müller und Bruder an, mich zu verachten, mich höhnisch und spöttisch zu behandeln, ich wurde der Aschenbrödel des Hauses, und mein Vater konnte es nicht verhindern. Ich arbeitete angestrengt und half die Familie ernähren, deren Bedarf über unsre Kräfte gewachsen war; denn meine Mutter wollte mit ihrem Knaben immer weiter hinaus: er lernte sogar Französisch. Wenn zu Hause nichts zu thun war, nahm ich von unsren Waaren, und ging tagelang auf die Dörfer herum von einer Brodkruste mich nährend, und brachte immer hübschen Verdienst mit nach Hause. Das half mir aber Alles nichts; man sah es als selbstverständlich an, und ebenso daß Saul mich wie ein Herr seinen Diener behandelte. Dies ließ ich mir nicht mehr gefallen und nicht selten, wenn der übermüthige Junge mich mit feinen Fäusten bearbeiten wollte, gab ich es ihm tüchtig zurück, wobei er als der schwächere den schlimmeren Theil davon trug. Dies konnte er mir nicht vergeben und nicht vergessen, und so wuchs in seiner Seele ein Haß gegen mich auf. Nach langer Friedenszeit war Krieg ausgebrochen; die Franzosen drangen nach der blutigen Schlacht bei Jena zum ersten Male in unser Ländchen, das sie erst nach vielen Jahren wieder verlaffen sollten. Sie kamen plündernd in unsre Stadt, und unser Laden war einer der ersten, wo sie ausräumten und zerschlugen, was sich vorfrnd. Wir konnten noch Gott danken, daß wir mit heiler Haut davon kamen. Hier war es, wo sich der Nutzen, etwas Tüchtiges gelernt zu haben, bei meinem Bruder bewährte. Der kluge Knabe brachte sein Französisch wohl an, und war deshalb bald eine gesuchte Person. Kaum war die Ordnung wieder hergestellt, als ein reicher Tuchhänder in der Stadt ihn in sein Geschäft nahm, und weil er ihm bei den Franzosen gute Dienste leistete, seinen ganzen Unterhalt übernahm und ihm ein rasches Vorwärts kommen versprach. Dies war natürlich ein großer Jubel für feine Mutter; aber leider sollte sie dieses Glückes nicht lange genießen. Eine böse Krankheit war im Gefolge des Krieges ausgebrochen und raffle auch die Mutier dahin. Wir betrauerten sie aufrichtig, aber die Noth war so groß, daß man sich gezwungen sah, sich in Alles zu fügen. Hülfe war nirgends zu finden, und so thaten wir Beide, der Vater und ich, uns zusammen, um bei kärgstem Leben nnd rastloser Arbeit unsre Schulden allmälig zu bezahlen, einen kleinen Waarenvorrath wieder anzuschaffen, und ihn so gut wie möglich zu verwerthen. Dies dauerte Jahrelang, und war nur möglich, indem wir uns den größten Entbehrungen unterwarfen. Unterdeß machte mein Bruder seinen Weg rasch; er wurde Commis, und ward seinem Herrn ganz unentbehrlich. Später heirathete er deffen Tochter und wurde Theilhaber des Geschäfts. Wie benahm er sich aber gegen uns? Mit dem Tode feiner Mutter verschwand er aus unsrem Hause; kaum daß er zu Rausch-haschono und zu Vaters Geburtstag einsprach und seinen Glückwunsch brachte. Mein Vater war nicht der Mann, der durch Vorwürfe erzwingen wollte, was die kindliche Liebe nicht von selbst darbot; er war in seinem Herzen ein unabhängiger, stolzer Mann, freundlich und dienstfertig gegen Jedermann, der ihm gefällig entgegentrat; Ungebührliches verstand er abzuweisen. Da Saul sah, daß unsre Dinge allmälig vorwärtskamen, als er noch nicht im Stande gewesen war, uns zu unterstützen, so fühlte er sich auch nicht dazu berufen, als er gut dotirt und endlich reich geworden. Wir verlangten auch nichts von ihm. Mich übersah er gänzlich; ich war für ihn nicht da. Selbst in der Synagoge, wo wir uns jeden Sabbath trafen, und wo ich die Dienstleistungen dem Vater abgenommen hatte, begrüßte er mich kaum mit einem Kopfnicken. Dies hatte sich Alles so selbstverständlich gemacht, daß ich nicht glaube, es fei ihm jemals die Empfindung einer gewissen Scham gekommen, caß er, der reiche und angesehene Kaufherr, zu Vater und Bruder den Schammes der Gemeinde habe. Wir thaten beide, als gingen wir uns nichts an, und so war wenigstens der Friede wieder in unser Haus eingekehrt. — Was mich anberrifsr, so wünschte mein Vater allmälig, daß ich mich verheiralhen solle. Wo ein alter und ein junger Mann beieinanderwohnen, da fehlt ein Weib als Mittelglied, das die Herzen öffne und in einanderfließen lasse. Ich erfüllte den Wunsch meines Vaters, denn ich hatte gefunden, was ich suchte. Meine Frau brachte mir nur geringe Habe in das Haus, aber das edelste und liebevollste Herz. Sie kannte keine Aufopferung, denn was sie that, erschien ihr so als Gebot res Herzens und der Pflicht, daß es zu thun sich ganz von selbst verstände. Es war bei uns nur zweifelhaft, ob mein Vater oder ich verliebter in die junge, blühende Frau -war? Welches Glück wohnte in unsrer Hütte, und doch wurde dies noch erhöht, als sie mir meinen Simon schenkte! ja, es kamen noch viele Tage des Ungemachs und der Bedrängniß; die Abgaben wurden immer drückender, die Heerzüge, die durch unsre Stadt ihren Marsch nahmen, zehrten uns auf; wir standen mit unsrem kleinen Erwerb mehrere Male am Rande des Untergangs. Aber nichts vermochte uns niederzudrücken; wir halfen uns immer wieder auf, und erholten uns. Der Friede kam wieder; die schweren Jahre des Mißwachses gingen vorüber. Wir kamen in die Höhe und Alles gestaltete sich behaglich bei uns — da legte sich der Vater zur letzten Nuheställe nieder. Es war dies doch der größte Schmerz, der mir in meinem Leben beschieden war. Die Welt schien mir um mich her öde und leer, und die Hälfte meines Lebenszweckes war mir in die Erde gesunken. Niemals, von meinem ersten Athemzuge an hatte ich mich von meinem Vater getrennt, und nun war er von mir geschieden für immer. Er hatte vor seinem Tode meinen Bruder nicht wiedergesehen, denn dieser war gerade verreist gewesen. Hinter der Bahre ging er neben mir; aber es war keine Gemeinschaft des Schmerzes zwischen uns. Kalt warf er die Scholle auf die Bretter hinab, die unsres Vaters Reste reckten, sagte den Kaddisch mit und verließ den „guten Ort." Um so

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